{"id":3780,"date":"2025-05-03T13:41:55","date_gmt":"2025-05-03T12:41:55","guid":{"rendered":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/?p=3780"},"modified":"2025-05-11T13:57:26","modified_gmt":"2025-05-11T12:57:26","slug":"navigare-necesse-est","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/navigare-necesse-est","title":{"rendered":"Portugal auf dem Weg zur Weltmacht: Navigare necesse est"},"content":{"rendered":"\n<p>[aus &#8222;Magellan \u2013 Der Mann und seine Tat&#8220;, Kap. 1 &#8211; von Stefan Zweig]<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Spices.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Spices-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3784\" style=\"width:337px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Spices-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Spices-300x200.jpg 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Spices-768x512.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Spices-600x400.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Spices.jpg 1045w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Im Anfang war das Gew\u00fcrz. Seit die R\u00f6mer bei ihren Fahrten und Kriegen zum ersten Mal an den brennenden oder bet\u00e4ubenden, den beizenden oder berauschenden Ingredienzien des Morgenlandes Geschmack gefunden, kann und will das Abendland die \u00bbespeceria\u00ab, die indischen Spezereien, in K\u00fcche und Keller nicht mehr missen. Denn unvorstellbar schal und kahl bleibt bis tief ins Mittelalter die nordische Kost. Noch lange wird es dauern, ehe die heute gebr\u00e4uchlichsten Feldfr\u00fcchte wie Kartoffel, Mais und Tomate in Europa dauerndes Heimatsrecht finden, noch n\u00fctzt man kaum die Zitrone zum S\u00e4uern, den Zucker zur S\u00fc\u00dfung, noch sind die feinen Tonika des Kaffees, des Tees nicht entdeckt; selbst bei F\u00fcrsten und Vornehmen t\u00e4uscht stumpfe Vielfresserei \u00fcber die geistlose Monotonie der Mahlzeiten hinweg. Aber wunderbar: blo\u00df ein einziges Korn indischen Gew\u00fcrzes, ein paar St\u00e4ubchen Pfeffer, eine trockene Muskatbl\u00fcte, eine Messerspitze Ingwer oder Zimt dem gr\u00f6bsten Gerichte zugemischt, und schon sp\u00fcrt der geschmeichelte Gaumen fremden und schmackhaft erregenden Reiz. Zwischen dem krassen Dur und Moll von Sauer und S\u00fc\u00df, von Scharf und Schal schwingen mit einmal k\u00f6stliche kulinarische Obert\u00f6ne und Zwischent\u00f6ne; sehr bald k\u00f6nnen die noch barbarischen Geschmacksnerven des Mittelalters an diesen neuen Incitantien nicht genug bekommen. Eine Speise gilt erst dann als richtig, wenn toll \u00fcberpfeffert und krass \u00fcberbeizt; selbst ins Bier wirft man Ingwer, und den Wein hitzt man derart mit zersto\u00dfenem Gew\u00fcrz, bis jeder Schluck wie Schie\u00dfpulver in der Kehle brennt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Especeria.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"463\" height=\"696\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Especeria.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3788\" style=\"width:337px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Especeria.jpg 463w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Especeria-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 463px) 100vw, 463px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Aber nicht nur f\u00fcr die K\u00fcche allein ben\u00f6tigt das Abendland so gewaltige Mengen der \u00bbespeceria\u00ab; auch die weibliche Eitelkeit fordert immer mehr von den Wohlger\u00fcchen Arabiens und immer neue, den erregenden Moschus, das schw\u00fcle Ambra, das s\u00fc\u00dfe Rosen\u00f6l, Weber und F\u00e4rber m\u00fcssen chinesische Seiden und indische Damaste f\u00fcr sie verarbeiten, Goldschmiede die wei\u00dfen Perlen von Ceylon und die bl\u00e4ulichen Diamanten aus Narsingar ersteigern. Noch gewaltiger f\u00f6rdert die katholische Kirche den Verbrauch orientalischer Produkte, denn keines der Milliarden und Abermilliarden Weihrauchk\u00f6rner, die in den tausend und abertausend Kirchen Europas der Messner im R\u00e4ucherfasse schwingt, ist auf europ\u00e4ischer Erde gewachsen; jedes einzelne dieser Milliarden und Abermilliarden muss zu Schiff und zu Lande den ganzen un\u00fcbersehbaren Weg aus Arabien gefrachtet werden. Auch die Apotheker sind st\u00e4ndige Kunden der vielger\u00fchmten indischen Specifica, als da sind Opium, Kampfer, das kostbare Gummiharz, und sie wissen aus guter Erfahrung, dass l\u00e4ngst kein Balsam und keine Droge den Kranken wahrhaft heilkr\u00e4ftig scheinen will, wenn nicht auf dem porzellanenen Tiegel mit blauen Lettern das magische Wort \u00bbarabicum\u00ab oder \u00bbindicum\u00ab zu lesen ist. Unaufhaltsam hat durch seine Abseitigkeit, seine Rarit\u00e4t und Exotik und vielleicht auch durch seine Teuernis alles Orientalische f\u00fcr Europa einen suggestiven, einen hypnotischen Reiz gewonnen. Arabisch, persisch, hindustanisch, diese Attribute werden im Mittelalter (\u00e4hnlich wie im achtzehnten Jahrhundert die Ursprungsbezeichnung \u201efranz\u00f6sisch\u201c) gleichbedeutend mit \u00fcppig, raffiniert, vornehm, h\u00f6fisch, k\u00f6stlich und kostbar. Kein Handelsartikel ist so begehrt wie die especeria; beinahe hat es den Anschein, als h\u00e4tte der Duft dieser morgenl\u00e4ndischen Bl\u00fcten auf magische Weise die Seele Europas berauscht.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-medium is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-14_09_21.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-14_09_21-300x300.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3792\" style=\"width:339px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-14_09_21-300x300.png 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-14_09_21-150x150.png 150w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-14_09_21-768x768.png 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-14_09_21-600x600.png 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-14_09_21-100x100.png 100w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-14_09_21.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Aber gerade weil so modisch begehrt, bleibt die indische Ware teuer und wird immer teurer: kaum kann man die st\u00e4ndig steigenden Fieberkurven der Preise heute noch richtig nachrechnen, denn alle historischen Geldtabellen bleiben erfahrungsgem\u00e4\u00df abstrakt; am ehesten gewinnt man noch eine optische Anschauung von der tollen \u00dcberwertung der Gew\u00fcrze, wenn man sich erinnert, dass zu Anfang des zweiten Jahrtausends derselbe Pfeffer, der heute an jedem Wirtstisch offen steht und achtlos wie Sand versch\u00fcttet wird, Korn um Korn abgez\u00e4hlt wurde und im Gewicht fast gleichwertig dem Silber galt. So absolut war seine Wertbest\u00e4ndigkeit, dass manche Staaten und St\u00e4dte mit Pfeffer kalkulierten wie mit einem Edelmetall: man konnte mit Pfeffer Grund und Boden erwerben, Mitgiften bezahlen, sich einkaufen ins B\u00fcrgerrecht; mit Pfeffergewicht setzten manche F\u00fcrsten und St\u00e4dte ihre Z\u00f6lle fest, und wenn man im Mittelalter einen Mann als schwerreich bezeichnen wollte, so schimpfte man ihn einen Pfeffersack. Auf Gold- und Apothekerwaagen wiederum wurden Ingwer und Zimt, Chinarinde und Kampfer ausgewogen und sorgf\u00e4ltig dabei T\u00fcren und Fenster verschlossen, damit nicht etwa ein Luftzug ein Quentchen des k\u00f6stlichen Staubs verblase.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber so absurd diese \u00dcberwertung unserem heutigen Blick erscheint, so selbstverst\u00e4ndlich wird sie, sobald man die Schwierigkeiten und das Risiko des Transports in Rechnung zieht. Unermesslich weit liegt in jenen Tagen das Morgenland vom Abendland, und welche F\u00e4hrnisse und Hindernisse haben die Schiffe, die Karawanen und Wagen unterwegs zu \u00fcberwinden! Welche Odyssee jedes einzelne Korn, jede einzelne Bl\u00fcte zu bestehen, ehe sie von ihrem gr\u00fcnen Strauch am Malaiischen Archipel bis an den letzten Strand, an den Verkaufstisch des europ\u00e4ischen Kr\u00e4mers gelangt! An sich w\u00e4re freilich keines dieser Gew\u00fcrze eine Seltenheit. Unten auf der andern Fl\u00e4che des Erdballs wachsen zwar die Zimtstangen Tidores, die Gew\u00fcrznelken Amboinas, die Muskatn\u00fcsse Bandas, die Pfefferstauden Malabars genau so \u00fcppig und frei wie bei uns die Disteln, und ein Zentner gilt auf den Malaiischen Inseln nicht mehr als im Abendland eine Messerspitze voll. Aber das Wort Handel kommt von Hand, und durch wie viele H\u00e4nde muss die Ware wandern, ehe sie durch W\u00fcsten und Meere an den letzten K\u00e4ufer, den Verbraucher, gelangt!<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"626\" height=\"944\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Gewurzinsel-neu.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3975\" style=\"width:337px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Gewurzinsel-neu.jpg 626w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Gewurzinsel-neu-199x300.jpg 199w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Gewurzinsel-neu-600x905.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 626px) 100vw, 626px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die erste Hand wird wie immer am schlechtesten entlohnt; der malaiische Sklave, der die frischen Bl\u00fcten pfl\u00fcckt und im bastenen B\u00fcndel auf seinem braunen R\u00fccken zu Markte schleppt, bekommt keinen andern Lohn als den eigenen Schwei\u00df. Aber sein Herr profitiert schon; von ihm kauft ein mohammedanischer H\u00e4ndler die Last und paddelt sie auf winziger Prau durch gl\u00fchenden Sonnenbrand von den Gew\u00fcrzinseln acht Tage, zehn Tage und mehr nach Malacca (in die N\u00e4he des heutigen Singapore). Hier sitzt schon die erste Saugspinne im Netz; der Herr des Hafens, ein m\u00e4chtiger Sultan, fordert f\u00fcr das Umladen vom H\u00e4ndler Tribut. Erst wenn die Abgabe entrichtet ist, darf die duftende Fracht auf eine andere, eine gr\u00f6\u00dfere Dschunke verladen werden, und wieder schleicht, von breitem Ruder oder viereckigem Segel langsam vorw\u00e4rtsgetrieben, das kleine Fahrzeug von einem K\u00fcstenplatz Indiens zum andern weiter. Monate gehen so dahin, eint\u00f6niges Segeln und endloses Warten bei Windstille unter wolkenlos brennendem Himmel, und dann wieder j\u00e4he Flucht vor den Taifunen und den Korsaren. Unendlich m\u00fchsam und auch unsagbar gefahrvoll ist diese Verfrachtung durch zwei, durch drei tropische Meere; von f\u00fcnf Schiffen f\u00e4llt fast immer eines unterwegs den St\u00fcrmen oder Piraten zum Opfer, und der Kaufherr segnet Gott, wenn er Cambagda gl\u00fccklich umfahren, endlich Ormudz oder Aden erreicht hat und damit den Zugang zu Arabia felix oder \u00c4gypten.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-medium is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-15_18_11.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-15_18_11-300x300.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3801\" style=\"width:339px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-15_18_11-300x300.png 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-15_18_11-150x150.png 150w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-15_18_11-768x768.png 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-15_18_11-600x600.png 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-15_18_11-100x100.png 100w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-15_18_11.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Aber die neue Art der Verfrachtung, die hier anhebt, ist nicht minder entbehrungsvoll und nicht minder gef\u00e4hrlich. Zu Tausenden warten in langen, geduldigen Reihen in jenen Umschlagsh\u00e4fen die Kamele, gehorsam beugen sie auf das Zeichen ihres Herrn sich in die Knie, Sack um Sack werden die verschn\u00fcrten B\u00fcndel mit Pfeffer und Muskatbl\u00fcten ihnen auf den R\u00fccken geladen, und langsam schaukeln die vierbeinigen Schiffe ihre Fracht dann durch das Sandmeer. In monatelangem Zuge bringen arabische Karawanen die indische Ware \u2013 die Namen von Tausendundeine Nacht klingen auf \u2013 \u00fcber Bassora und Bagdad und Damaskus nach Beyruth und Trebizonde oder \u00fcber Dschidda nach Kairo; uralt sind diese langen Wanderstra\u00dfen durch die W\u00fcste und seit den Jahren der Pharaonen und Bactrier schon den H\u00e4ndlern vertraut. Aber verh\u00e4ngnisvollerweise kennen sie die Beduinen, diese Piraten der W\u00fcste, nicht minder genau; ein verwegener \u00dcberfall vernichtet oft mit einem Schlage die Fracht und Frucht unz\u00e4hliger m\u00fchsamer Monate. Was dann gl\u00fccklich den Sandst\u00fcrmen entgeht und den Beduinen, kommt daf\u00fcr andern R\u00e4ubern zupass: von jeder Kamelladung, von jedem Sack verlangen die Emire des Hedschas, die Sultane von \u00c4gypten und Syrien Tribut, und zwar einen h\u00f6chst ausgiebigen; auf hunderttausend Dukaten sch\u00e4tzt man, was j\u00e4hrlich allein nur der \u00e4gyptische Wegelagerer an Durchgangszoll vom Gew\u00fcrzhandel erhob.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-medium is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ochsenkarren.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ochsenkarren-300x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3808\" style=\"width:338px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ochsenkarren-300x300.jpg 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ochsenkarren-150x150.jpg 150w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ochsenkarren-600x599.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ochsenkarren-100x100.jpg 100w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ochsenkarren.jpg 694w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ist schlie\u00dflich die Nilm\u00fcndung nahe von Alexandria erreicht, so wartet dort noch ein allerletzter Nutznie\u00dfer und nicht der geringste, die Flotte Venedigs. Seit der perfiden Vernichtung der Konkurrenzstadt Byzanz hat die kleine Republik das Monopol des abendl\u00e4ndischen Gew\u00fcrz-handels v\u00f6llig an sich gerissen; statt direkt weiter verfrachtet zu werden, muss die Ware zuerst an den Rialto, wo die deutschen, die flandrischen, die englischen Faktoren sie ersteigern. Dann erst rollen in breitr\u00e4drigen Wagen durch Schnee und Eis der Alpenp\u00e4sse dieselben Bl\u00fcten, die tropische Sonne vor zwei Jahren geboren und gegoren, dem europ\u00e4ischen Kr\u00e4mer und damit dem Verbraucher zu. Durch mindestens zw\u00f6lf H\u00e4nde, so schriftet es melancholisch Martin Behaim seinem Globus, seinem ber\u00fchmten \u00bbErdapfel\u00ab von 1492 ein, muss das indische Gew\u00fcrz wucherisch wandern, ehe es an die letzte Hand, an den Verbraucher, gelangt. \u00bbItem es ist zu wissen, dass die Spezerey die in den Insuln In Indien in Orienten in manicherley Hendt verkaufft wirdt, ehe sie herauss kumpt In unsere Landt.\u00ab Aber wenn auch zw\u00f6lf H\u00e4nde in den Gewinn sich teilen, so presst doch jede einzelne genug goldenen Safts aus dem indischen Gew\u00fcrz; trotz allen Risiken und Gefahren gilt der Spezereihandel als der weitaus eintr\u00e4glichste des Mittelalters, weil bei kleinstem Volumen der Ware mit der gr\u00f6\u00dften Marge an Gewinn verbunden. M\u00f6gen von f\u00fcnf Schiffen \u2013 die Expedition Magellans beweist dieses Rechenexempel \u2013 vier mit ihrer Ladung zugrunde gehen, m\u00f6gen zweihundert Menschen von zweihundertf\u00fcnfundsechzig nicht wiederkehren, so haben zwar Matrosen und Kapit\u00e4ne ihr Leben verloren, der H\u00e4ndler hat aber bei diesem Spiel noch immer gewonnen. Kehrt nur ein noch so kleines Schiff von den f\u00fcnfen, gut mit Gew\u00fcrz beladen, nach drei Jahren zur\u00fcck, so macht die Ladung mit reichlichem Profit den Verlust wett, denn ein einziger Sack mit Pfeffer gilt im f\u00fcnfzehnten Jahrhundert mehr als ein Menschenleben; kein Wunder, dass bei dem gro\u00dfen Angebot an wertlosen Menschenleben und der st\u00fcrmischen Nachfrage nach wertvollem Gew\u00fcrz die Rechnung immer wieder pr\u00e4chtig klappt. Die Pal\u00e4ste Venedigs und jene der Fugger und Welser sind fast einzig aus dem Gewinn an indischem Gew\u00fcrz erbaut.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kreuzrittersturm.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"937\" height=\"942\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kreuzrittersturm.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3840\" style=\"width:339px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kreuzrittersturm.jpg 937w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kreuzrittersturm-298x300.jpg 298w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kreuzrittersturm-150x150.jpg 150w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kreuzrittersturm-768x772.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kreuzrittersturm-600x603.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kreuzrittersturm-100x100.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 937px) 100vw, 937px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Aber unvermeidlich, wie Rost an Eisen setzt sich scharfer Neid an gro\u00dfen Gewinn. Immer wird jedes Vorrecht von den andern als Unrecht empfunden, und wo eine einzelne kleine Gruppe sich \u00fcberm\u00e4\u00dfig bereichert, formt sich selbstt\u00e4tig eine Koalition der Benachteiligten. Mit scheelen Augen sehen l\u00e4ngst die Genuesen, die Franzosen, die Spanier auf das geschicktere Venedig, das den goldenen Golfstrom an den Canal Grande zu leiten gewusst, und mit noch \u00e4rgerer Erbitterung starren sie nach \u00c4gypten und Syrien, wo der Islam eine undurchdringliche Sperrkette zwischen Indien und Europa gelegt. Keinem christlichen Schiff ist die Fahrt auf dem Roten Meer gestattet, keinem christlichen H\u00e4ndler auch nur die Durchreise; unerbittlich geht aller Indienhandel ausschlie\u00dflich durch t\u00fcrkische und arabische H\u00e4ndler und H\u00e4nde. Damit wird aber nicht nur den europ\u00e4ischen Verbrauchern die Ware unn\u00fctz verteuert, nicht nur dem christlichen Handel der Gewinn von vorneweg abgemelkt, sondern es droht der ganze \u00dcberschuss an Edelmetall nach dem Oriente abzuflie\u00dfen, da die europ\u00e4ischen Waren bei weitem nicht den Tauschwert der indischen Kostbarkeit erreichen. Schon um dieses f\u00fchlbaren Handelsdefizits willen musste die Ungeduld des Abendlands immer leidenschaftlicher werden, der ruin\u00f6sen und entw\u00fcrdigenden Kontrolle sich zu entziehen, und schlie\u00dflich raffen sich die Energien zusammen. Die Kreuzz\u00fcge waren keineswegs (wie es oft romantisierend dargestellt wird) ein blo\u00df mystisch religi\u00f6ser Versuch, die St\u00e4tte des Heiligen Grabes den Ungl\u00e4ubigen zu entrei\u00dfen; diese erste europ\u00e4isch-christliche Koalition stellte zugleich die erste logische und zielbewusste Anstrengung dar, jene Sperrkette zum Roten Meer zu durchsto\u00dfen und den Osthandel f\u00fcr Europa, f\u00fcr das Christentum frei zu machen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-medium is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-17_02_54.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-17_02_54-300x300.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3846\" style=\"width:340px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-17_02_54-300x300.png 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-17_02_54-150x150.png 150w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-17_02_54-768x768.png 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-17_02_54-600x600.png 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-17_02_54-100x100.png 100w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/ChatGPT-Image-3.-Mai-2025-17_02_54.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Da dieser Sto\u00df misslang, da \u00c4gypten nicht den Mohammedanern entrissen werden konnte und der Islam weiterhin den Weg nach Indien verlegte, musste notwendigerweise der Wunsch wach werden, einen andern, einen freien, einen unabh\u00e4ngigen Weg nach Indien zu finden. Die K\u00fchnheit, die Columbus nach Westen, die Bartolomeu Diaz und Vasco da Gama nach S\u00fcden, die Cabot nach Norden gegen Labrador vorsto\u00dfen lie\u00df, entsprang in erster Linie dem zielbewussten Willen, endlich, endlich f\u00fcr die abendl\u00e4ndische Welt einen freien, einen unbezollten und ungehinderten Seeweg nach Indien zu entdecken und damit die schmachvolle Vormachtstellung des Islams zu brechen. Immer ist bei entscheidenden Erfindungen und Entdeckungen ein geistiger, ein moralischer Antrieb die eigentlich befl\u00fcgelnde Macht, meist aber wird der endg\u00fcltige Absto\u00df ins Irdische dann von materiellen Impulsen gegeben. Gewiss h\u00e4tten auch um der k\u00fchnen Idee willen die K\u00f6nige und ihre R\u00e4te an Columbus&#8216; und Magellans Vorschl\u00e4gen sich begeistert; nie aber w\u00e4re das n\u00f6tige Geld gewagt worden an ihr Projekt, nie von F\u00fcrsten und Spekulanten ihnen tats\u00e4chlich eine Flotte ausger\u00fcstet worden ohne die gleichzeitige Aussicht, bei dieser Entdeckungsfahrt den aufgewendeten Betrag tausendfach zu verzinsen. Hinter den Helden jenes Zeitalters der Entdeckungen standen als treibende Kr\u00e4fte die H\u00e4ndler; auch dieser erste heroische Impuls zur Welteroberung ging aus von sehr irdischen Kr\u00e4ften \u2013 im Anfang war das Gew\u00fcrz.<\/p>\n\n\n\n<p>Wunderbar immer im Lauf der Geschichte, wenn sich der Genius eines Menschen dem Genius der Stunde bindet, wenn ein einzelner Mann hellsichtig die sch\u00f6pferische Sehnsucht seiner Zeit begreift. Unter den L\u00e4ndern Europas hat eines bisher seinen Teil an der europ\u00e4ischen Aufgabe noch nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen, Portugal, das in langwierigen heroischen K\u00e4mpfen sich der maurischen Herrschaft entrungen. Nun aber Sieg und Selbst\u00e4ndigkeit endg\u00fcltig erfochten sind, liegt die prachtvolle Kraft eines jungen und leidenschaftlichen Volkes v\u00f6llig brach; der nat\u00fcrliche Expansionswille, der jeder aufsteigenden Nation innewohnt, findet zun\u00e4chst keinen Aussto\u00df mehr. Mit seinen ganzen Landesgrenzen liegt Portugal an Spanien gelehnt, an eine befreundete, eine br\u00fcderliche Nation; so k\u00f6nnte einzig zur See, durch Handel und Kolonisation das kleine und arme Land sich erweitern. Aber verh\u00e4ngnisvollerweise ist \u2013 oder scheint zun\u00e4chst \u2013 die geographische Lage Portugals die ung\u00fcnstigste unter allen seefahrenden Nationen Europas. Denn der Atlantische Ozean, der seine Wellen von Westen her gegen seine K\u00fcsten wirft, gilt nach der ptolem\u00e4ischen Geographie (der einzigen Autorit\u00e4t des Mittelalters) als endlose und undurchfahrbare Wasserw\u00fcste. Als nicht minder ungangbar erkl\u00e4ren die ptolem\u00e4ischen Weltkarten den S\u00fcdweg, die afrikanische K\u00fcste entlang: unm\u00f6glich sei es, diese Sandw\u00fcste zu Schiff zu umfahren, denn dieses unwirtliche und unbewohnbare Land reiche bis zum antarktischen Pol und sei, ohne Durchlass zu gew\u00e4hren, mit der Terra Australis verwachsen. Nach der Ansicht der alten Geographie h\u00e4tte Portugal, weil au\u00dferhalb des einzig fahrbaren Meers, des Mittelmeers, gelegen, die denkbar schlechteste Position unter den seefahrenden Nationen Europas.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-medium is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Heinrich-der-Seefahrer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"230\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Heinrich-der-Seefahrer-300x230.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3848\" style=\"width:338px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Heinrich-der-Seefahrer-300x230.jpg 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Heinrich-der-Seefahrer-768x588.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Heinrich-der-Seefahrer-600x460.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Heinrich-der-Seefahrer.jpg 1001w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Es wird nun der Lebensgedanke eines portugiesischen F\u00fcrstensohns sein, dies angeblich Unm\u00f6gliche m\u00f6glich zu machen und den Versuch zu wagen, ob nicht doch gem\u00e4\u00df dem Bibelwort die letzten die ersten werden k\u00f6nnten. Wie, wenn Ptolem\u00e4us, dieser Geographus maximus, dieser Papst der Erdkunde, sich geirrt h\u00e4tte? Wie, wenn dieser Ozean, der mit seinen gewaltigen Wellen von Westen her manchmal merkw\u00fcrdige fremde H\u00f6lzer (die doch irgendwo gewachsen sein m\u00fcssen) an Portugals K\u00fcsten wirft, gar nicht endlos w\u00e4re, sondern zu neuen und unbekannten L\u00e4ndern f\u00fchrte? Wie, wenn Afrika bewohnbar w\u00e4re jenseits des Wendekreises, wie, wenn der allweise Grieche grob geflunkert h\u00e4tte mit seiner Behauptung, dieser unerforschte Kontinent sei zu Meer nicht zu umfahren und kein Weg f\u00fchre hin\u00fcber in die indische See? Dann w\u00e4re Portugal, gerade weil am weitesten gegen Westen gelegen, das wahre Sprungbrett aller Entdeckungen, es h\u00e4tte den n\u00e4chsten Weg von allen nach Indien. Nicht versto\u00dfen w\u00e4re es vom Ozean, sondern wie kein anderes Land Europas zur Seefahrt berufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Wunschtraum, das kleine machtlose Portugal zur nautischen Vormacht zu erheben und den bisher nur als Sperre betrachteten Atlantischen Ozean in eine Stra\u00dfe zu verwandeln, ist in nuce der Lebensgedanke des \u00bbIffante\u00ab Enrique gewesen, den die Geschichte zu Recht und zu Unrecht Heinrich den Seefahrer nennt. Zu Unrecht: denn abgesehen von einer kurzen Kriegsfahrt nach Ceuta hat Enrique niemals ein Schiff bestiegen, es gibt kein Buch, keinen nautischen Traktat, keine Karte von seiner Hand. Aber doch darf die Geschichte ihm diesen Namen Rechtens zuerkennen, denn Seefahrt und Seefahrern allein hat dieser F\u00fcrstensohn sein Leben und sein Verm\u00f6gen gewidmet. Fr\u00fch im maurischen Kriege bew\u00e4hrt bei der Belagerung von Ceuta (1412), zugleich einer der reichsten M\u00e4nner des Landes, k\u00f6nnte dieser Sohn eines portugiesischen und Neffe eines englischen K\u00f6nigs seinen Ehrgeiz in den blendendsten Stellungen auswirken; alle H\u00f6fe laden ihn zu sich, England bietet ihm ein Oberkommando. Aber dieser sonderbare Schw\u00e4rmer erw\u00e4hlt als Form seines Lebens die sch\u00f6pferische Einsamkeit. Er zieht sich zur\u00fcck nach Kap Sagres, das einstmals heilige (sacrum) Vorgebirge der Alten. Von dort bereitet er in beinahe f\u00fcnfzig Jahren die Seefahrt nach Indien und damit die gro\u00dfe Offensive gegen das \u00bbmare incognitum\u00ab vor.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-large\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ptolemy_Cosmographia_1467_-_world_map.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"730\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ptolemy_Cosmographia_1467_-_world_map-1024x730.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3849\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ptolemy_Cosmographia_1467_-_world_map-1024x730.jpg 1024w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ptolemy_Cosmographia_1467_-_world_map-300x214.jpg 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ptolemy_Cosmographia_1467_-_world_map-768x548.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ptolemy_Cosmographia_1467_-_world_map-1536x1096.jpg 1536w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ptolemy_Cosmographia_1467_-_world_map-600x428.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ptolemy_Cosmographia_1467_-_world_map.jpg 1542w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die &#8222;Cosmographia Claudii Ptolomaei Alexandrini&#8220; \u2013 eine Weltkarte von Jacob d&#8217;Angelo aus dem Jahr 1469 nach den Vorstellungen von Ptolm\u00e4us.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Was diesem einsam-verwegenen Tr\u00e4umer den Mut gegeben hat, gegen die h\u00f6chsten kosmographischen Autorit\u00e4ten seiner Zeit, gegen Ptolem\u00e4us und seine Nachsprecher und Nachzeichner, die \u00dcberzeugung zu verfechten, Afrika sei kein dem Pol angefrorener Kontinent, sondern umschiffbar und der wahre Seeweg nach Indien \u2013 dieses letzte Geheimnis wird kaum mehr zu ergr\u00fcnden sein. Aber niemals war das (auch von Herodot und Strabo verzeichnete) Ger\u00fccht v\u00f6llig verstummt, dass in den dunklen Tagen der Pharaonen einmal eine ph\u00f6nikische Flotte das Rote Meer hinabgefahren sei und nach zwei Jahren unvermuteterweise durch die S\u00e4ulen des Herkules (die Enge von Gibraltar) heimgekehrt. Vielleicht hatte der Iffante auch durch maurische Sklavenh\u00e4ndler Kunde gehabt, dass jenseits der Libya deserta, der sandigen Sahara, ein \u00bbLand des Reichtums\u00ab, \u00bbbilat ghana\u00ab, liege, und tats\u00e4chlich findet sich schon auf einer Karte, die 1150 ein arabischer Kosmograph f\u00fcr den Normannenk\u00f6nig Roger II. angefertigt, das heutige Guinea unter diesem Namen \u00bbbilat ghana\u00ab v\u00f6llig richtig eingezeichnet. Es mag also sein, dass Enrique durch guten Kundschafterdienst besser \u00fcber die wirkliche Form Afrikas unterrichtet war als die Schulgeographen, die einzig auf die Codices des Ptolem\u00e4us ihre Hand zum Eidschwur legten und zun\u00e4chst auch die Berichte des Marco Polo und Ibn Battuta als falsches Geflunker ablehnten. Die eigentliche moralische Bedeutung Enriques aber liegt darin, dass er zugleich mit der Gr\u00f6\u00dfe des Ziels auch die Gr\u00f6\u00dfe der Schwierigkeit erkannte, dass er in edler Resignation begriff, er selbst werde seinen Traum niemals erf\u00fcllt sehen, weil eben mehr als ein einziges Menschenalter zur Vorbereitung eines so ungeheuren Unterfangens notwendig sei. Denn wie damals Seefahrt von Portugal nach Indien wagen ohne Kenntnis der See und ohne Schiffe zur Fahrt?<\/p>\n\n\n\n<p>Unvorstellbar primitiv sind zur Zeit, da Enrique an sein Werk geht, die geographischen, die nautischen Kenntnisse Europas. In den grauenhaften Jahrhunderten der Verd\u00fcsterung, die dem Einsturz des R\u00f6mischen Reichs folgten, hatte das Mittelalter beinahe alles vergessen, was die Griechen, die Ph\u00f6nizier, die R\u00f6mer auf ihren k\u00fchnen Fahrten erkundet. Unglaubhaft wie ein M\u00e4rchen war es f\u00fcr jene Jahrhunderte der r\u00e4umlichen Selbstbeschr\u00e4nkung geworden, dass ein Alexander l\u00e4ngst bis an die Grenzen Afghanistans und tief hinab bis nach Indien vorgedrungen war, verloren sind die trefflichen Karten, die Weltbilder der R\u00f6mer, verfallen ihre Heerstra\u00dfen, ihre Meilensteine, die bis tief nach Britannien und Bithynien reichten, vernichtet ihr vorbildlicher politischer und geographischer Nachrichtendienst; verlernt ist die F\u00e4higkeit des Reisens, erstorben die Lust des Entdeckens, armselig geworden die Kunst der Schifffahrt; ohne jedes weite, jedes k\u00fchne Ziel, ohne richtigen Kompass und klare Karten schleichen in \u00e4ngstlicher K\u00fcstenfahrt kleine Fahrzeuge von Hafen zu Hafen, immer in Sorgnis vor St\u00fcrmen oder den ebenso gef\u00e4hrlichen Piraten. Bei einem solchen Tiefstand der Kosmographie und mit solch kl\u00e4glichen Schiffen war es noch zu fr\u00fch, die Ozeane der Erde zu bezwingen und \u00fcberseeische Reiche zu erobern. Ein Menschenalter der Aufopferung musste erst nachholen, was Jahrhunderte der Gleichg\u00fcltigkeit vers\u00e4umt hatten. Und Enrique \u2013 dies seine Gr\u00f6\u00dfe \u2013 war entschlossen, sein Leben zu opfern f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Tat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-medium is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Nautik.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"297\" height=\"300\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Nautik-297x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3875\" style=\"width:339px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Nautik-297x300.jpg 297w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Nautik-768x775.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Nautik-600x605.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Nautik-100x100.jpg 100w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Nautik.jpg 938w\" sizes=\"auto, (max-width: 297px) 100vw, 297px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Nur ein paar verfallene Mauern stehen noch von dem einstigen Schlosse von Kap Sagres, das Prinz Enrique erbaut und das ein h\u00f6chst undankbarer Erbe seiner Wissenschaft, Francis Drake, gepl\u00fcndert und zerst\u00f6rt hat. Durch die Schatten und Schleier der Legende ist es heute kaum mehr m\u00f6glich, in den Einzelheiten zu erkennen, in welcher Weise Prinz Heinrich den Welteroberungspl\u00e4nen Portugals vorgearbeitet hat. Nach den (vielleicht romantischen) Berichten seiner heimischen Chronisten lie\u00df er sich s\u00e4mtliche B\u00fccher und Mappen aus allen Weltteilen kommen, berief arabische und j\u00fcdische Gelehrte und befahl ihnen, bessere Instrumente und Tabulaturen anzufertigen. Jeder Schiffer, jeder Kapit\u00e4n, der von einer Reise kam, wurde ausgefragt, alle diese Mitteilungen und Kenntnisse wurden sorgsam in einem Geheimarchiv gesammelt und gleichzeitig eine Reihe von Expeditionen ausger\u00fcstet. Unerm\u00fcdlich wird die Kunst des Schiffbaus gefordert; in wenigen Jahren erwachsen aus den urspr\u00fcnglichen \u00bbbarcas\u00ab, diesen kleinen offenen Fischerbooten mit achtzehn Mann Besatzung, wirkliche \u00bbnaos\u00ab, breite Kutter von achtzig und hundert Tonnen, die auch bei schwierigem Wetter im offenen Meere fahren k\u00f6nnen. Dieser neue, seet\u00fcchtige Typus des Schiffs bedingte wiederum einen neuen Typus des Seefahrers. Dem Steuermann gesellt sich ein \u00bbMeister der Astronomie\u00ab bei, der nautische Fachmann, der Portolane zu lesen, die Deklination zu bestimmen und die Meridiane einzuzeichnen wei\u00df; Theoretik und Praktik greifen sch\u00f6pferisch ineinander, und allm\u00e4hlich wird auf diesen Expeditionen aus blo\u00dfen Fischern und Schiffern ein Geschlecht von Seefahrern und Entdeckern systematisch herangebildet, dessen Taten der Zukunft vorbehalten sind. Wie Philipp von Mazedonien seinem Sohn Alexander die unwiderstehliche Phalanx zur Eroberung der Welt, so hinterl\u00e4sst Enrique seinem Portugal die besten, die modernsten Schiffe seiner Zeit und die trefflichsten Seeleute zur Eroberung des Ozeans.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-full\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Carta-Marina.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1278\" height=\"948\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Carta-Marina.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3878\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Carta-Marina.jpg 1278w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Carta-Marina-300x223.jpg 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Carta-Marina-1024x760.jpg 1024w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Carta-Marina-768x570.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Carta-Marina-600x445.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1278px) 100vw, 1278px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die &#8222;<strong>Carta marina<\/strong>&#8220; von 1539 stellt das offene Meer noch als Tummelplatz bedrohlicher Seeungeheuer dar.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aber es geh\u00f6rt zum tragischen Schicksal der Vorl\u00e4ufer, dass sie an der Schwelle sterben, ohne selbst das gelobte Land zu schauen. Enrique hat keine einzige der gro\u00dfen Entdeckungen erlebt, die sein Vaterland in der Geschichte der Weltentdeckung unsterblich machten; in seinem Todesjahr (1460) ist im \u00c4u\u00dfern, im geographischen Raum kaum etwas Wahrnehmbares erreicht. Die vielger\u00fchmte Entdeckung der Azoren und Madeiras war in Wirklichkeit nur eine Wiederentdeckung (schon 1351 verzeichnet sie der Portolano Laurentino). An der Westk\u00fcste sind seine Schiffe nicht einmal bis zum \u00c4quator hinabgelangt, ein kleiner, nicht sehr ruhmreicher Handel hat begonnen mit wei\u00dfem und haupts\u00e4chlich mit \u00bbschwarzem Elfenbein\u00ab: das hei\u00dft, man raubt an der Senegalk\u00fcste massenhaft Neger, um sie auf dem Sklavenmarkt in Lissabon zu verkaufen, und findet etwas Goldstaub \u2013 dieser kleine unzul\u00e4ngliche Anfang ist alles, was Enrique von seinem getr\u00e4umten Werke gesehen. In Wahrheit ist der entscheidende Erfolg aber schon errungen. Denn nicht in der erreichten Distanz liegt damals der erste Triumph der portugiesischen Seefahrt, sondern in der moralischen Sph\u00e4re: in der Steigerung der Unternehmungslust und in der Vernichtung einer gef\u00e4hrlichen Legende. Jahrhunderte- und jahrhundertelang hatten die Seeleute gemunkelt, hinter dem Kap Non \u2013 zu Deutsch: dem Kap Nichtweiter \u2013 sei Seefahrt unm\u00f6glich. Dahinter beginne sogleich \u00bbdie gr\u00fcne See der Dunkelheit\u00ab, und wehe dem Schiff, das sich in diese t\u00f6dlichen Zonen wage. Von der Glut der Sonne siede und koche in jenen Wendekreisen das Meer. Sofort gerieten die Planken und Segel in Brand, jeder Christenmensch, der versuche, das \u00bbLand Satans\u00ab zu betreten, das w\u00fcst sei wie eine Kraterlandschaft, w\u00fcrde sofort zum Neger. So un\u00fcberwindlich war durch solche Fabeln diese Angst vor einer S\u00fcdfahrt geworden, dass der Papst, um Enrique nur \u00fcberhaupt Seeleute f\u00fcr seine ersten Expeditionen zu verschaffen, jedem Teilnehmer vollen S\u00fcndenablass zusichern musste; dann erst gelang es, ein paar Verwegene f\u00fcr diese ersten Entdeckungsfahrten anzuwerben. Welcher Jubel darum, als Gil Eannes 1434 dies angeblich un\u00fcberwindliche Kap Non umsteuert und von Guinea melden kann, dass der hochber\u00fchmte Ptolem\u00e4us als arger Fasler entlarvt sei, \u00bbdenn es geht hier so leicht zu segeln wie bei uns zu Hause und das Land ist \u00e4u\u00dferst reich und sch\u00f6n\u00ab. Damit ist der tote Punkt \u00fcberwunden. Nun braucht Portugal nach Mannschaft nicht mehr zu fahnden, aus allen L\u00e4ndern melden sich Abenteurer und Abenteuerlustige. Jede neue gegl\u00fcckte Fahrt macht die Seefahrer verwegener, pl\u00f6tzlich ist eine Generation von jungen Menschen zur Stelle, denen das Abenteuer mehr gilt als das Leben. \u00bbNavigare necesse est, vivere non est necesse\u00ab \u2013 der alte Seemannsspruch hat wieder Gewalt bekommen \u00fcber die Seelen. Und wo immer eine neue Generation geschlossen und entschlossen am Werke ist, verwandelt sich die Welt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"271\" height=\"300\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/imSturm-271x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3891\" style=\"width:336px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/imSturm-271x300.jpg 271w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/imSturm-768x851.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/imSturm-600x665.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/imSturm.jpg 842w\" sizes=\"auto, (max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Nur den Augenblick des letzten Atemholens vor dem gro\u00dfen Sprung bedeutet darum der Tod Enriques. Aber kaum hat der energische K\u00f6nig Jo\u00e3o II. den Thron bestiegen, so setzt ein Anschwung ein, der alle Erwartungen \u00fcbertrifft. Was bisher \u00e4rmlicher Schneckengang gewesen, wird mit einmal Sturmlauf und L\u00f6wensprung. W\u00e4hrend man es gestern noch als grandiose Leistung verzeichnete, wenn innerhalb von zw\u00f6lf Jahren die wenigen Meilen bis Kap Bojador ersegelt wurden und man nach abermals zw\u00f6lf Jahren langsamen Vordringens gl\u00fccklich Kap Verde erreicht hatte, bedeutet nun ein Vorsto\u00df von hundert, von f\u00fcnfhundert Meilen nichts Ungew\u00f6hnliches mehr. Vielleicht nur unsere Generation, welche die Eroberung der Luft miterlebt, wir, die wir ebenso im Anfang schon gejubelt, wenn nur drei, nur f\u00fcnf, nur zehn Kilometer vom Champ de Mars ein Aeroplan in der Luft sich halten konnte, und die ein Jahrzehnt sp\u00e4ter schon Kontinente und Ozeane \u00fcberflogen sahen, nur wir vielleicht k\u00f6nnen den gl\u00fchenden Anteil, den erregten Jubel ganz begreifen, mit dem ganz Europa den pl\u00f6tzlichen Vorsto\u00df Portugals ins Unbekannte begleitete. 1471 ist der \u00c4quator erreicht, 1484 landet Diego Cam bereits an der M\u00fcndung des Kongo, und endlich 1486 erf\u00fcllt sich der prophetische Traum Enriques: der portugiesische Seefahrer Bartolomeu Diaz erreicht die S\u00fcdspitze Afrikas, das Kap der Guten Hoffnung, das er freilich um der St\u00fcrme willen, denen er dort begegnet, zun\u00e4chst noch Cabo tormentoso, das st\u00fcrmische Vorgebirge, tauft. Aber wenn ihm auch das Wetter die Segel zerfetzt und den Mast zerspellt, der k\u00fchne Konquistador steuert entschlossen weiter. Schon ist er an die Ostk\u00fcste Afrikas gelangt, und von hier k\u00f6nnten ihn mohammedanische Piloten leichthin nach Indien weiterbringen \u2013 da meutert die Mannschaft: genug sei f\u00fcr diesmal erreicht. Verwundeten Herzens muss Bartolomeu Diaz zur\u00fcck, durch fremde Schuld den Ruhm verlierend, als erster Europ\u00e4er den Seeweg nach Indien bezwungen zu haben, und ein anderer Portugiese, Vasco da Gama, wird um dieser Heldentat willen in Camoens&#8216; unsterblichem Gedicht gefeiert werden; wie immer bleibt der Beginner, der tragische Initiator, vergessen \u00fcber dem gl\u00fccklicheren Vollender. Immerhin: die entscheidende Tat ist getan. Zum ersten Mal ist die geographische Gestalt Afrikas endg\u00fcltig bestimmt, zum ersten Mal gegen Ptolem\u00e4us bewiesen und erwiesen, dass der freie Seeweg nach Indien m\u00f6glich sei. Diesen hehren Lebens-traum haben Sch\u00fcler und Erben ein Lebensalter nach ihrem Meister erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Staunen und Neid wendet die Welt jetzt ihren Blick diesem kleinen unbeachteten Seevolk im letzten Winkel Europas zu. W\u00e4hrend sie, die Gro\u00dfm\u00e4chte Frankreich, Deutschland, Italien, in unsinnigen Kriegen einander zerfleischten, hat Portugal, dieses Aschenbr\u00f6del Europas, seinen Lebensraum um das Tausendfache und Zehntausendfache erweitert; keine Anstrengung kann seinen unermesslichen Vorsprung mehr einholen. \u00dcber Nacht ist Portugal die erste Seenation der Welt geworden, es hat sich durch seine Leistung nicht nur neue Provinzen, sondern ganze Welten gesichert. Ein Jahrzehnt noch und diese kleinste unter Europas Nationen wird den Anspruch erheben, mehr Weltraum zu besitzen und zu verwalten als das R\u00f6mische Reich selbst zur Zeit seiner gr\u00f6\u00dften Ausbreitung. Selbstverst\u00e4ndlich muss ein derart \u00fcbersteigerter imperialistischer Anspruch bei dem Versuch seiner Durchsetzung sehr bald die Kr\u00e4fte Portugals ersch\u00f6pfen. Jedes Kind k\u00f6nnte errechnen, dass ein so winziges Land, das im ganzen nicht mehr als anderthalb Millionen Einwohner z\u00e4hlt, auf die Dauer nicht allein ganz Afrika, Indien und Brasilien besetzen, kolonisieren, verwalten oder auch nur handelsm\u00e4\u00dfig monopolisieren kann und am allerwenigsten f\u00fcr ewige Zeiten gegen die Eifersucht der andern Nationen verteidigen. Ein einziger \u00d6ltropfen kann nicht ein aufgeregtes Meer gl\u00e4tten, ein stecknadelgro\u00dfes Land nicht hunderttausendfach gr\u00f6\u00dfere L\u00e4nder endg\u00fcltig unterwerfen. Von der Vernunft aus gesehen, stellt also die schrankenlose Expansion Portugals eine Absurdit\u00e4t dar, eine Don Quichotterie gef\u00e4hrlichster Art. Aber immer ist ja das Heldische irrational und antirational, immer, wo ein Mensch oder ein Volk sich an eine Aufgabe wagt, die sein eigentliches Ma\u00df \u00fcbersteigt, steigern sich auch seine Kr\u00e4fte zu nie geahnter St\u00e4rke: nie vielleicht hat sich eine Nation gro\u00dfartiger in einen einzigen sieghaften Augenblick zusammengefasst als Portugal um die Wende des f\u00fcnfzehnten Jahrhunderts: nicht nur seinen Alexander, seine Argonauten schafft sich das Land pl\u00f6tzlich in Albuquerque, Vasco da Gama und Magellan, sondern auch in Camoens seinen Homer, in Barros seinen Livius. Gelehrte, Baumeister, gro\u00dfe Kaufleute sind \u00fcber Nacht zur Stelle: wie Griechenland unter Perikles, England unter Elisabeth, Frankreich unter Napoleon, verwirklicht in universaler Form ein Volk seine innerste Idee und stellt sie als sichtbare Tat vor die Welt. Eine unvergessliche Weltstunde lang ist Portugal die erste Nation Europas, die F\u00fchrerin der Menschheit gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jede gro\u00dfe Tat eines einzelnen Volks ist immer f\u00fcr alle V\u00f6lker getan. Alle sp\u00fcren sie, dass dieser eine erste Einbruch ins Unbekannte zugleich alle bisher g\u00fcltigen Ma\u00dfe, Begriffe, Distanzgef\u00fchle umgesto\u00dfen hat, und mit pochender Ungeduld verfolgt man darum an allen H\u00f6fen, an allen Universit\u00e4ten die neuesten Nachrichten aus Lissabon. Dank einer merkw\u00fcrdigen Hellsichtigkeit begreift Europa das Sch\u00f6pferische dieser welterweiternden portugiesischen Tat; es begreift, dass Seefahrt und Entdeckung bald entscheidender die Welt ver\u00e4ndern werden als alle Kriege und Kartaunen, dass eine hundertj\u00e4hrige, eine tausendj\u00e4hrige Epoche, das Mittelalter, endg\u00fcltig zu Ende ist und eine neue Zeit, die \u00bbNeuzeit\u00ab, beginnt, die in andern r\u00e4umlichen Dimensionen denken und schaffen wird. Feierlich erhebt im Vollgef\u00fchl solchen historischen Augenblicks der Florentiner Humanist Politian als Sachwalter der friedlichen Vernunft die Stimme zum Ruhme Portugals, und der Dank des ganzen kultivierten Europa schwingt mit in seinen begeisterten Worten: \u00bbNicht nur die S\u00e4ulen des Herkules hat es hinter sich gelassen und einen w\u00fctigen Ozean bez\u00e4hmt, sondern die bislang unterbundene Einheit der bewohnbaren Welt wiederhergestellt. Was f\u00fcr neue M\u00f6glichkeiten und wirtschaftliche Vorteile, welche Erh\u00f6hung des Wissens, welche Best\u00e4tigungen der alten Wissenschaft, die bisher als unglaubhaft verworfen wurden, d\u00fcrfen wir noch erwarten! Neue L\u00e4nder, neue Meere, neue Welten (alii mundi) sind aus jahrhundertelangem Dunkel aufgetaucht. Portugal ist heute der H\u00fcter, der W\u00e4chter einer zweiten Welt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-medium\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ankunft-von-Kolumbus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"201\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ankunft-von-Kolumbus-300x201.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3892\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ankunft-von-Kolumbus-300x201.jpg 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ankunft-von-Kolumbus-1024x685.jpg 1024w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ankunft-von-Kolumbus-768x514.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ankunft-von-Kolumbus-600x401.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Ankunft-von-Kolumbus.jpg 1405w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein verbl\u00fcffender Zwischenfall unterbricht diesen grandiosen Vorsto\u00df Portugals nach dem Osten. Schon scheint die \u00bbzweite Welt\u00ab erreicht, schon scheinen Krone und alle Sch\u00e4tze Indiens dem K\u00f6nig Jo\u00e3o gesichert, denn nach der Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung kann Portugal niemand mehr zuvorkommen, und niemand unter den M\u00e4chten Europas darf sogar auf diesem langgesicherten Wege ihm noch nachfolgen. Denn bereits Enrique der Seefahrer hatte sich vorsichtigerweise vom Papst verbriefen lassen, dass alle L\u00e4nder, Meere und Inseln, welche hinter dem Vorgebirge Bojador entdeckt w\u00fcrden, einzig und allein den Portugiesen zugeh\u00f6ren sollten, und drei andere P\u00e4pste hatten diese sonderbare \u00bbSchenkung\u00ab bekr\u00e4ftigt, welche mit einem Griff und Federstrich den ganzen noch unbekannten Orient mit Millionen Einwohnern dem Hause Viseu als rechtm\u00e4\u00dfiges Krongut \u00dcbermacht. Portugal und Portugal allein sind also alle neuen Welten zugeschworen. Mit solchen unantastbaren Sicherheiten in H\u00e4nden hat man im allgemeinen f\u00fcr unsichere Gesch\u00e4fte nicht viel Neigung, und deswegen war es keineswegs so einf\u00e4ltig und wunderlich, wie es meist die Geschichtsschreiber a posteriori darstellen, wenn der beatus possidens, wenn K\u00f6nig Jo\u00e3o II. dem etwas konfusen Projekt eines unbekannten Genuesen wenig Interesse entgegenbrachte, der emphatisch eine ganze Flotte forderte, \u00bbpara buscar el levante por el ponente\u00ab, um Indien von Westen her zu erreichen. Man h\u00f6rt zwar Messer Christoforo Colombo im Schloss von Lissabon freundlich an, man sagt ihm keineswegs ein grobes Nein. Aber man erinnert sich allzu gut, dass bisher alle Expeditionen nach den sagenhaften Inseln Antilha und Brazil, die westw\u00e4rts zwischen Europa und Indien liegen sollen, kl\u00e4glich gescheitert sind. Und \u00fcberdies: wozu sichere portugiesische Dukaten wagen f\u00fcr einen h\u00f6chst unsicheren Weg nach Indien, da man doch nach jahrelanger M\u00fche eben den rechten gefunden hat und auf dem Tejo die Schiffswerften bereits Tag und Nacht an der gro\u00dfen Flotte arbeiten, die geradewegs um das Kap bis nach Indien fahren soll? Wie ein Steinschlag durch das Fenster klirrt darum die br\u00fcske Nachricht in den Palast von Lissabon, jener gro\u00dfsprecherische genuesische Abenteurer habe unter spanischer Flagge den Oceano tenebroso wirklich durchsteuert und sei in knappen f\u00fcnf Wochen auf Land im Westen gesto\u00dfen. Ein Wunder hat sich ereignet. Erf\u00fcllt ist \u00fcber Nacht die mystische Prophezeiung aus Senecas \u00bbMedea\u00ab, die seit Jahren und Jahren schon die Gem\u00fcter der Weltfahrer erregte: \u00bbvenient annis saecula seris, quibus Oceanus vincula rerum laxet et ingens pateat tellus, Typhisque novos detegat orbes, nec sit terris Ultima Thula.\u00ab [dt: In sp\u00e4teren Jahren wird eine Zeit kommen, in der Oceanus seine Riegel lockern und ein riesiges Territorium auftauchen wird, und Tiphys neue Welten entdecken wird und Thule nicht l\u00e4nger der entlegenste Ort der Erde sein wird.]<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrlich, sie scheinen gekommen, \u00bbdie Tage, da nach Jahrhunderten der Ozean sein Geheimnis auftut und ein unbekanntes Land erscheint, da der argonautische Pilot neue Welten entdeckt und Thule nicht mehr das fernste Land unserer Erde ist\u00ab. Zwar Columbus, der neue \u00bbargonautische Pilot\u00ab, ahnt nicht, dass er einen neuen Weltteil entdeckt hat. Bis zu seinem Lebensende hat dieser hartn\u00e4ckige Phantast sich unbelehrbar in den Wahn vermauert, er habe bereits das Festland Asiens erreicht und k\u00f6nne, von seinem \u00bbHispaniola\u00ab westw\u00e4rts steuernd, in wenigen Tagesreisen an der M\u00fcndung des Ganges landen. Gerade dies aber ist Portugals t\u00f6dliche Angst. Denn was hilft Portugal der Papstbrief, der ihm f\u00fcr die Ostfahrt alle L\u00e4nder zusagt, wenn Spanien ihm auf dem k\u00fcrzeren Westwege gerade vor dem Endsprunge zuvorkommt und Indien in letzter Minute noch vorwegnimmt? Damit w\u00e4re die f\u00fcnfzigj\u00e4hrige Lebensarbeit Enriques, die vierzigj\u00e4hrige M\u00fche seit seinem Tode sinnlos geworden, Indien f\u00fcr Portugal verloren durch den tollk\u00fchnen Abenteurerstreich des unseligen Genuesen. Will Portugal seinen Vorrang und sein Vorrecht auf Indien weiter behaupten, so bleibt ihm keine andere Wahl, als die Waffen zu ergreifen gegen den pl\u00f6tzlich eingedrungenen Rivalen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-full\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vertrag_Tordesillas-Papst2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"948\" height=\"938\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vertrag_Tordesillas-Papst2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3897\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vertrag_Tordesillas-Papst2.jpg 948w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vertrag_Tordesillas-Papst2-300x297.jpg 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vertrag_Tordesillas-Papst2-768x760.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vertrag_Tordesillas-Papst2-600x594.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vertrag_Tordesillas-Papst2-100x100.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 948px) 100vw, 948px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Um kriegerische Auseinandersetzungen zu verhindern und den Frieden unter den katholischen L\u00e4ndern zu bewahren, teilte der Papst die neu zu entdeckende Welt zwischen Portugal und Spanien auf.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklicherweise beseitigt der Papst die drohende Gefahr. Portugal und Spanien sind die Lieblingskinder seines Herzens, weil die einzigen Nationen, deren K\u00f6nige sich niemals st\u00f6rrisch seiner geistlichen Autorit\u00e4t widersetzten. Sie haben die Mauren bek\u00e4mpft und die Ungl\u00e4ubigen vertrieben, mit Feuer und Schwert rotten sie jede Ketzerei aus in dem Lande, nirgends findet gegen Mauren, Maranen und Juden die p\u00e4pstliche Inquisition so bereite Helferschaft. Nein, seine Lieblingskinder sollen sich nicht entzweien, beschlie\u00dft der Papst, und darum geht er daran, alle noch unbekannten Sph\u00e4ren der Welt zwischen Spanien und Portugal einfach aufzuteilen, und zwar aufzuteilen, nicht wie man in unserer modernen diplomatischen Heuchelsprache sagt, als \u00bbInteressensph\u00e4ren\u00ab, sondern der Papst schenkt klar und redlich diesen beiden V\u00f6lkern alle die V\u00f6lkerschaften, L\u00e4nder, Inseln und Meere kraft seiner Autorit\u00e4t als Statthalter Christi. Wie einen Apfel nimmt er die Erdkugel und teilt sie statt mit einem Messer durch die Bulle vom 4. Mai 1493 in zwei H\u00e4lften. Die Schnittlinie setzt ein hundert leguas (ein altes Meilenma\u00df) von den Kap Verde-Inseln. Was auf der Erdkugel fortan an unentdeckten L\u00e4ndern westlich dieser Linie liegt, soll seinem lieben Kinde Spanien, was \u00f6stlich liegt, seinem lieben Kinde Portugal geh\u00f6ren. Zun\u00e4chst erkl\u00e4ren sich die beiden Kinder dankbar einverstanden mit dem sch\u00f6nen Geschenk. Aber bald f\u00fchlt sich Portugal doch beunruhigt und ersucht, die Grenzlinie m\u00f6ge noch ein wenig nach Westen verschoben werden. Dies geschieht im Vertrage von Tordesillas am 7. Juni 1494, der die Grenzlinie um zweihundertsiebzig leguas weiter nach Westen legt (wodurch Portugal sp\u00e4terhin tats\u00e4chlich das damals noch gar nicht entdeckte Brasilien zufallen wird).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-large\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Karte_Portugiesisch-Spanischer_Vertrage.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"529\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Karte_Portugiesisch-Spanischer_Vertrage-1024x529.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3899\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Karte_Portugiesisch-Spanischer_Vertrage-1024x529.png 1024w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Karte_Portugiesisch-Spanischer_Vertrage-300x155.png 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Karte_Portugiesisch-Spanischer_Vertrage-768x397.png 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Karte_Portugiesisch-Spanischer_Vertrage-600x310.png 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Karte_Portugiesisch-Spanischer_Vertrage.png 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>So grotesk auf den ersten Blick eine Generosit\u00e4t auch anmuten mag, welche beinahe die ganze Welt mit einem einzigen Federstrich an zwei einzelne Nationen ohne R\u00fccksicht auf die andern verschenkt \u2013 man muss doch diese friedliche L\u00f6sung als einen der seltenen Vernunftakte der Geschichte bewundern, wo ein Konflikt statt durch Gewalt vermittels friedlicher Einigung ausgetragen wurde. F\u00fcr Jahre und Jahrzehnte ist jeder Kolonialkrieg zwischen Spanien und Portugal durch den Tordesillas-Vertrag tats\u00e4chlich vermieden worden, obzwar die L\u00f6sung von vorneweg eine provisorische bleiben musste. Denn wenn man mit dem Messer einen Apfel ganz durchschneidet, muss die Schnittlinie auch auf der anderen, unsichtbaren Fl\u00e4che zutage treten. Innerhalb welcher H\u00e4lfte aber liegen nun die vielgesuchten, die kostbaren Gew\u00fcrzinseln? \u00d6stlich oder westlich der Schnittlinie auf der anderen Hemisph\u00e4re? Auf der Seite Portugals oder auf der Seite Spaniens? Das k\u00f6nnen in diesem Augenblicke weder der Papst noch die K\u00f6nige noch die Gelehrten voraussagen, weil noch niemand das Rund der Erde ausgemessen hat und die Kirche ihrerseits die Kugelform des Kosmos um keinen Preis \u00f6ffentlich anerkennen will. Aber bis zur endg\u00fcltigen Entscheidung haben beide Nationen reichlich zu tun, um die ungeheuren Brocken hinunterzuschlingen, die ihnen das Schicksal hingeworfen: dem einen kleinen Spanien das riesige Amerika und dem einen winzigen Portugal ganz Indien und Afrika. Die gl\u00fcckhafte Tat des Columbus erweckt in Europa zuerst ma\u00dfloses Erstaunen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-large\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vasco-da-Gama.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"821\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vasco-da-Gama-1024x821.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3907\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vasco-da-Gama-1024x821.jpg 1024w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vasco-da-Gama-300x241.jpg 300w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vasco-da-Gama-768x616.jpg 768w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vasco-da-Gama-600x481.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Vasco-da-Gama.jpg 1165w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nach der gelungenen Umrundung Afrikas steht der portugiesische Entdecker Vasco da Gama in Indien vor dem m\u00e4chtigen Samorim von Kalikut.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dann aber bricht ein Rausch von Abenteuer- und Entdeckerlust aus, wie ihn unsere alte Welt nie gekannt: immer entw\u00e4chst ja dem Erfolg eines einzelnen mutigen Mannes Eifer und Mut f\u00fcr ein ganzes Geschlecht. Alles, was in Europa unzufrieden ist mit seinem Stand und seiner Stellung, jeder, der sich zur\u00fcckgesetzt f\u00fchlt und zu ungeduldig ist, zu warten, die j\u00fcngeren S\u00f6hne, die unbesch\u00e4ftigten Offiziere, die Bastarde der gro\u00dfen Herren und die dunklen Gesellen, die von der Justiz gesucht werden \u2013 alle wollen sie in die neue Welt. Die F\u00fcrsten, die H\u00e4ndler, die Spekulanten r\u00fcsten jeder an Schiffen aus, was sie nur aufbringen k\u00f6nnen, mit Gewalt muss man den Abenteurern und Reisl\u00e4ufern wehren, die mit dem Messer k\u00e4mpfen, um als erste ins Goldland bef\u00f6rdert zu werden; w\u00e4hrend Enrique noch S\u00fcndenablass f\u00fcr alle Teilnehmer erbitten musste, um die allern\u00f6tigsten Matrosen an Bord zu bekommen, wandern jetzt ganze D\u00f6rfer zu den H\u00e4fen, und die Kapit\u00e4ne, die Kauffahrer wissen sich nicht mehr zu retten vor dem Andrang. Eine Expedition folgt der andern, und wirklich, als w\u00e4re eine Nebelwand pl\u00f6tzlich gesunken, tauchen jetzt \u00fcberall im Norden, im S\u00fcden, im Osten, im Westen neue Inseln, neue L\u00e4nder auf, die einen in Eis starrend, die andern mit Palmen bestanden; innerhalb von zwei, von drei Jahrzehnten entdecken die paar hundert kleinen Schiffe, die von Cadiz, Palos, Lissabon absto\u00dfen, mehr Welt und mehr unbekannte Welt als vordem die ganze Menschheit in den hunderttausenden Jahren ihres Daseins.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-medium is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kartograph.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"198\" height=\"300\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kartograph-198x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3908\" style=\"width:337px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kartograph-198x300.jpg 198w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kartograph-600x907.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Kartograph.jpg 625w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Unvergesslicher, unvergleichlicher Kalender jener Entdeckerzeit: 1498 erreicht Vasco da Gama \u2013 \u00bbim Dienste Gottes und zum Vorteil der portugiesischen Krone\u00ab, wie K\u00f6nig Manuel stolz berichtet \u2013 Indien und landet in Calicut, im gleichen Jahre sichtet Cabot als Kapit\u00e4n in englischen Diensten Neufundland und damit die Nordk\u00fcste Amerikas. Und wieder ein Jahr (1499) und gleichzeitig entdecken, unabh\u00e4ngig einer vom andern, Pinzon unter spanischer Flagge und Cabral unter portugiesischer Brasilien, w\u00e4hrend Gaspar Cortereal als Nachfahr der Wikinger nach f\u00fcnfhundert Jahren Labrador betritt. Und weiter geht es Schlag auf Schlag. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts streifen zwei portugiesische Expeditionen, deren eine Amerigo Vespucci begleitet, die s\u00fcdamerikanische K\u00fcste hinab bis schon nahe an den Rio Plata, 1506 entdecken die Portugiesen Madagaskar, 1507 Mauritius, 1509 erreichen, 1511 erst\u00fcrmen sie bereits Malacca und haben damit den Schl\u00fcssel des Malaiischen Archipels in H\u00e4nden. 1512 erschlie\u00dft Ponce de Leon Florida, 1513 sieht von der H\u00f6he von Darien herab Nu\u00f1ez de Balboa als erster Europ\u00e4er den Pazifischen Ozean. Von dieser Stunde an gibt es f\u00fcr die Menschheit keine unbekannten Meere mehr. In dem knappen Zeitraum von einhundert Jahren hat sich die europ\u00e4ische Schifffahrt in ihrer Leistung nicht etwa blo\u00df verhundert-, sondern vertausendfacht. W\u00e4hrend 1418 unter Enrique es noch bewunderndes Staunen erregte, dass die ersten Barcas bis nach Madeira gelangten, landen 1518 portugiesische Schiffe \u2013 man stelle auf der Karte die beiden Distanzen gegeneinander! \u2013 schon in Kanton und Japan; bald wird eine Fahrt nach Indien als geringeres Wagnis gelten als vordem die Reise bis Kap Bojador.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Magellan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"648\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Magellan-648x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3909\" style=\"width:393px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Magellan-648x1024.jpg 648w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Magellan-190x300.jpg 190w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Magellan-600x948.jpg 600w, https:\/\/parquediscovery.pt\/wp-content\/uploads\/Magellan.jpg 755w\" sizes=\"auto, (max-width: 648px) 100vw, 648px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ferdinand Magellan (1485-1521) ist der erste Seefahrer, dessen Schiff die Erde ganz umsegelt. Das abgebildete Buch ist eine sehr spannende und empfehlenswerte Lekt\u00fcre.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von solchem Tempo befl\u00fcgelt, muss sich von Jahr zu Jahr, ja von Monat zu Monat das Weltbild ver\u00e4ndern und erweitern. Tag und Nacht sitzen in ihren Werkst\u00e4tten zu Augsburg die Kartenstecher und Kosmographen an der Arbeit, aber sie k\u00f6nnen den Bestellungen nicht mehr nachkommen. Noch feucht, noch unkoloriert rei\u00dft man ihnen die Stiche aus den H\u00e4nden, und ebenso k\u00f6nnen die Drucker an Reiseberichten, an Globen nicht genug auf die B\u00fcchermesse bringen, alles will Nachricht von dem \u00bbmundus novus\u00ab. Aber kaum haben die Kosmographen sauber und genau nach den letzten Mitteilungen ihre Weltkarte gestochen, so kommt schon neue Zeitung und neuer Bericht. Alles ist umgesto\u00dfen, alles muss frisch getan werden, denn was als Insel galt, hat sich als Festland erwiesen, was Indien schien, als neuer Kontinent. Neue Fl\u00fcsse, neue K\u00fcsten, neue Berge sind einzuzeichnen, und siehe, kaum sind die Stecher zu Ende mit ihrer neuen Karte, so m\u00fcssen sie schon mit einer berichtigten, verbesserten, erweiterten beginnen. Nie vordem, nie nachher hat die Geographie, die Kosmographie, die Kartographie ein so rasendes, so rauschhaftes, so sieghaftes Tempo des Fortschritts erlebt wie innerhalb dieser f\u00fcnfzig Jahre, in denen, seit Menschen leben, atmen und denken, zum ersten Mal Form und Umfang der Erde endg\u00fcltig bestimmt wird, da zum ersten Mal die Menschheit den runden Stern kennenlernt, auf dem sie seit \u00c4onen durch das Weltall rollt. All dies Ungeheure aber hat eine einzige Generation geleistet; ihre Seefahrer haben f\u00fcr alle sp\u00e4teren alle Gefahren bestanden, ihre Konquistadoren alle Wege aufgetan, ihre Helden alle oder fast alle Aufgaben gel\u00f6st. Nur eine Tat ist noch \u00fcbriggeblieben, die letzte, die sch\u00f6nste, die schwerste: auf ein und demselben Schiff den ganzen Erdball zu umrunden und damit gegen alle Kosmologen und Theologen der Vergangenheit die Rundform unserer Erde zu messen und zu erweisen \u2013 sie wird die Lebensidee und das Schicksal des Fern\u00e3o de Magelhaes sein, den die Geschichte Magellan nennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Quelle: Zweig, Stefan: <em>Magellan \u2013 Der Mann und seine Tat<\/em>. Frankfurt am Main (Fischer TB) 1983 Kap. 1, S. 13-38; Permalink: http:\/\/www.zeno.org\/nid\/2012025946X; Lizenz: gemeinfrei. Bearbeitet und illustriert durch Alexander vom Stein.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column has-small-font-size is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"line-height:1;flex-basis:100%\">\n<p class=\"has-small-font-size\">Bildquellennachweis:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Wikipedia: Carta marina \/ Olaus Magnus \/\/ Weltkarte mit Demarkationslinen zum Vertrag von Tordesillas \/ Lencer<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">alle anderen Bilder: lizenzfrei, Public domain und ChtaGPT 4.0<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[aus &#8222;Magellan \u2013 Der Mann und seine Tat&#8220;, Kap.<br \/> 1 &#8211; von Stefan Zweig] Im Anfang war das Gew\u00fcrz.<br \/> Seit die R\u00f6mer bei ihren Fahrten[\u2026]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3782,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"remove_blocks_before_content":false,"remove_blocks_after_content":false,"disable_reading_progress_bar":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[67],"tags":[],"class_list":["post-3780","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-history"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3780","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3780"}],"version-history":[{"count":42,"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3780\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4174,"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3780\/revisions\/4174"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3782"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3780"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3780"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/parquediscovery.pt\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3780"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}