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Ameisenjungfern

In heutigen Bibelübersetzungen ist er nicht zu finden, aber in der Septuaginta (LXX), der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, taucht der »Ameisenlöwe« tatsächlich auf.

Das hebräische Wort lajisch, das so viel wie »Bedrücker« bedeutet, wird eindeutig für den Löwen verwendet und in der LXX auch ansonsten so übersetzt (Spr 30,30; Jes 30,6). Warum in Hiob 4,11 plötzlich das griechische Wort myrmekoleon auftaucht, das den Ameisenlöwen bezeichnet, ist etwas rätselhaft, zumal es im Textzusammenhang um Löwen geht: »Das Brüllen des Löwen und die Stimme des Brüllers sind verstummt, und die Zähne der jungen Löwen sind ausgebrochen; der Löwe [!] kommt um aus Mangel an Raub, und die Jungen der Löwin werden zerstreut« (Hi 4,10.11).

löwen:lapsus

Obwohl hier offensichtlich ein Übersetzungslapsus vorliegt, ergreift der Autor die Gelegenheit dankbar, um ihn als »Tier der Bibel« gelten zu lassen und einen prominenten Vertreter der Ordnung der Netzflügler (Neuroptera) vorzustellen. Von den etwa 2.000 Arten der Ameisenjungfern (Myrmeleontidae), die die größte Familie darin bilden, wurden 20 in Israel nachgewiesen. Am besten untersucht wurde dort die Art Myrmeleon hyalinus. Es gibt zwar keine deutsche Entsprechung, aber der Zusatz bedeutet »durchsichtig« und bezieht sich auf die Flügel der erwachsenen Ameisenjungfer, deren Äderung sehr zart und transparent ist. Die Flügel der anderen Arten haben eine kräftige Netzzeichnung in schwarz oder dunkelbraun, die sie als typische »Netzflügler« kenntlich macht. Auf Hebräisch werden sie heute mit arinamal (eine Kurzform von ari ha-nemalim – »Löwe der Ameisen«) bezeichnet, aber dieser Ausdruck kommt, wie gesagt, im (masoretischen) Text des Alten Testaments nicht vor.

myrmeko:l(xx)eon – In manchen Textausgaben der LXX wird der Ausdruck korrigiert, aber die antiken Manuskripte sind heute offen zugänglich. Wer auf der Seite https://digi.vatlib.it/view/MSS_Vat.gr.1209 Einblick in den »Codex Vaticanus« nimmt, findet auf S. 773 das Kapitel Hiob 4 und unten links in der Ecke den MYRMEKOLEON.

lock:loch

Das Besondere an dieser Familie sind nicht die erwachsenen Tiere, die Ameisenjungfern, die wie kleine Libellen aussehen, sondern ihre Larven, die Ameisenlöwen. Einige von ihnen leben als Lauerjäger in sandigem Boden und legen dort ausgeklügelte Fallgruben an. Auf den ersten Blick handelt es sich dabei um simple Sandtrichter, die der Ameisenlöwe aushebt, indem er eine Spirale von außen nach innen läuft und dabei den Sand ständig mit ruckartigen Bewegungen seiner Kieferzangen nach außen schleudert. Sobald die Grube fertig ist, positioniert sich der kleine Baumeister eingegraben darunter. Nur die langen Kieferzangen ragen heraus.

Die Steigung der Trichterwände entspricht exakt dem Reibungswinkel des Sandes (etwa 30°), bei dem die Körner gerade so in ihrer Position bleiben. Ein vorbeikrabbelndes Tier, das über den Trichterrand gerät, bringt diesen instabilen Zustand aus dem Gleichgewicht und rutscht mit dem Sand nach unten ab. Versucht es, wieder nach oben zu klettern, rutscht Sand nach. Außerdem ist der Fallensteller alarmiert und wirft eifrig mit Sand, um sein Opfer am Entkommen zu hindern. Sobald es sich in Reichweite befindet, durchbohrt er es mit seinen kräftigen Kieferzangen, die innen hohl sind und als Giftspritze fungieren. Ihre scharfen Spitzen durchdringen die Körperhüllen der meisten Insekten, Spinnen, Asseln und Tausendfüßer mühelos. Das Sekret, was er seiner Beute injiziert, ist eine Mischung aus Toxinen und Verdauungsenzymen, die sie in kürzester Zeit lähmt und tötet. Um jede Gegenwehr zu verhindern, zieht er sie tief in den sandigen Untergrund. Dort wartet er, bis sich der Körperinhalt verflüssigt hat, saugt sie durch seine Zangen aus und wirft die leere Hülle später mit einer schnellen Kopfbewegung aus dem Trichter.

trichter:tücke – Da staunten die Forscher nicht schlecht! – Nicht nur, dass die Wände des Fangtrichters automatisch die ideale Neigung haben, sondern der Aushub wird beim Wegschleudern sortiert. Die Grafik zeigt einen typischen Trichter im Querschnitt. Rot gefärbt sind die Bereiche mit den groben Körnern und blau die Flächen mit besonders feinem Sand. Sie liegen innen und machen die Falle besonders rutschig (ausgewertet wurden 50 Trichter von Euroleon nostras, Maße in mm, nach Franks et al.).

Bemerkenswerte Anpassungen ermöglichen es dem Ameisenlöwen in Sandböden zu leben, was nur wenige Insekten können. Um dort Halt zu finden und Vibrationen gut wahrnehmen zu können, ist sein Körper mit langen Tasthaaren und kurzen Borsten bedeckt. Zum Schutz vor feinem Staub und Austrocknung hat er, abgesehen von den feinen Enden seiner Saugzangen, keine Körperöffnungen. Sein Enddarm ist zu einer Spinndrüse umfunktioniert, mit der er sich schließlich einen Kokon zur Verpuppung spinnt, und seine Ausscheidungen wird er los, indem er sich häutet. Mit den Beinen scheint irgendetwas nicht zu stimmen – sie wirken wie falsch herum montiert. In gewisser Weise stimmt das – denn er kann nur rückwärts laufen. Im Wüstenboden erwärmt sich der Sand tagsüber auf bis zu 80°C. Wenn die Sonne am Mit tag senkrecht steht, zieht er sich in den kühlen Boden zurück, aber zu jeder anderen Tageszeit liegt irgendeine Seite seines Trichters im Schatten und er folgt einfach dem Lauf der Sonne und wandert im Kreis mit.

schatten:jäger – Für uns sind die Trichter mit den Wänden aus feinem, hellem Sand meistens gut im Gelände zu erkennen, aber krabbelnde Insekten haben diesen Überblick nicht. Fangen sie erst an zu rutschen, ist es bereits zu spät.

halb:finale

Der Autor hat eine in Deutschland heimische Art, die Geflecktflüglige Ameisenjungfer (Euroleon nostras) jahrelang in einer großen Tupperdose auf dem Balkon gehalten, ihre Lebensweise studiert und fasziniert zugesehen, wie neben Ameisen und Kellerasseln auch Ohrenkneifer, große Kreuzspinnen und sogar Wespen mithilfe einer kleinen Sandlawine im Trichter verschwanden. Lediglich bei Hornissen verzog der kleine Räuber sich doch lieber eine Etage tiefer, statt anzugreifen, und größere Käfer bekam er nicht richtig zwischen die Zangen, so dass sie sich am Ende herausstrampeln konnten.

fingerspitzen:gefühl – Ob er etwas fühlt, wenn er da oben sitzt? Der Finger fühlt jedenfalls nichts, wenn der Winzling mit seinen 5-20 Milligramm darauf hockt. Aber man sollte ihn nicht streicheln, denn auch wenn er klein ist, er kann doch schmerzhaft zubeißen.

Besonders interessant ist auch hier die Verwandlung der Larve. Nachdem der Ameisenlöwe ein bis zwei Jahre lauernd im Dreck gesessen und geräubert hat, spinnt er einen kugelförmigen Kokon, dessen klebrige Außenseite vollständig mit Sandkörnern bedeckt ist. Im Innern des seidigen Gespinstes findet dann die vollständige Verwandlung (Metamorphose) statt. Aus dem borstigen, gedrungenen, gelb-braun gefleckten und unansehnlichen Erdling wird ein filigraner Flieger mit schlankem, blaumetallisch schimmerndem Körper und vier feingeäderten Flügeln mit dem charakteristischen Fleckenmuster, dem die Art ihren Namen verdankt. Statt sechs winziger Punktaugen, die gerade mal hell und dunkel unterscheiden können, gibt es nun zwei scharfsichtige Facettenaugen. Ihr Aussehen und Flugmuster gleicht den Libellen, obwohl sie keine Jäger sind, sondern nur friedlich Blütennektar schlürfen.

rohr:zange – Diese starken Greifer sind sein ganz großes Plus. Die Muskelstränge, die sie bewegen, füllen fast den ganzen Kopf aus. Sie packen so kräftig zu, dass sie auch menschliche Haut durchdringen. Im Zentrum verläuft ein Kanal, durch den zuerst Gift und Verdauungssekret in den Körper des Opfers injiziert und später der verflüssigte Körperinhalt herausgesaugt wird.

Um das Ausschlüpfen aus dem Kokon besser beobachten zu können, wurden zwei dieser kleinen Sandkugeln ausgebuddelt und in einem Glasgefäß gut sichtbar aufgestellt. Wie die meisten in dieser Familie, schlüpft auch diese Art nach oben – also entgegen der Gravitation. Es scheint allerdings vorteilhaft zu sein, dass der Kokon ganz von Sand umgeben ist, damit das Tier sich aus seiner Hülle befreien kann. Jedenfalls blieb eine arme Ameisenjungfer beim Ausstieg stecken und verendete kläglich auf halbem Weg in ein neues Leben.

bruch:pilot – Aus der hinteren Sandkugel schlüpfte diese elegante und flugfertige Ameisenjungfer und blieb nach einem kurzen Erkundungsflug zutraulich in der Nähe. Beim Ausstieg streifte sie ihr hauchzartes Puppenkleid mit einer leichten Drehung ab. So muss das laufen! Der Kollege in der vorderen Kugel dagegen schaffte den letzten Zentimeter nicht und blieb auf der Strecke.

Dieser traurige Anblick erinnert daran, dass uns etwas ähnliches passieren kann. Wir Menschen sind nicht dazu geschaffen worden, nur von »Staub zu Staub« zu leben, erdverbunden und »irdisch gesinnt« zu bleiben – sondern wir können eine bewusste und vollständige Verwandlung (das ist die wörtliche Bedeutung von »Metamorphose«) erfahren und »Himmelsbürger« (Phil 3,20) werden. Ein noch bedauerlicheres Bild als der Ameisenlöwe in seinem Loch bieten geistliche »Steckenbleiber«, die sich auf den Weg gemacht haben, aber nirgendwo angekommen sind.

Quellennachweis:

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Druce, GC: An account of the Μυρµηκολέων or Ant-lion. The Antiquaries Journal (Society of Antiquaries of London) 1923; 3(4):347-364; doi: 10.1017/S0003581500015031

Franks, NR; Worley, A; Falkenberg, M: Digging the optimum pit: antlions, spirals and spontaneous stratification. Proceedings of Biological Sciences 2019; 286(1899):20190365; doi: 10.1098/rspb.2019.0365

Hawkeswood, TJ: Effects of envenomation to a human finger and arm by the larva of an unidentified species of Myrmeleon (Neuroptera: Myrmeleontidae). Calodema 2006; 7:32-33; https://web.archive.org/web/20160305041826/http://www.calodema.com/freefiles/307.pdf

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Scharf, I; Filin, I; Golan, M: A comparison between desert and Mediterranean antlion populations: differences in life history and morphology. Journal of Evolutionary Biology 2008; 21(1):162-172; doi: 10.1111/j.1420-9101.2007.01453.x

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Vatikanische Bibliothek: Codex Vaticanus (S. 773: „MYRMEKOLEON“). aus Hiob 4,11; aufgerufen am 27.11.2025: https://digi.vatlib.it/view/MSS_Vat.gr.1209

Weinstein, A: Der Trichter des Ameisenlöwen – nur eine Grube oder eine ausgeklügelte Falle? aufgerufen am 01.08.2025: https://www.insectour.com

Bildnachweis:

Titelbild Ameisenjungfern (Euroleon nostras) /shutterstock_ID_500823955 / PavelKrasensky // Schema Fangtrichter / Masanori & Matsui // Fangtrichter /shutterstock_ID_1624215397 / jasper87 // Ameisenlöwe auf Finger /shutterstock_ID_1666549981 / Dr.MYM // Greifzange des Ameisenlöwen /shutterstock_ID_1216735198 / OvyDrag

Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen

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