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Heuschrecken

Wenn sie in Schwärmen auftreten, verdunkeln Millionen von Heuschrecken den Himmel und verwandeln sich von harmlosen Einzelgängern in eine unaufhaltsame Naturgewalt. Sie »haben keinen König, und doch ziehen sie allesamt aus in geordneten Scharen« (Spr 30,27) – Sinnbilder für Gottes Gericht, für Chaos und Zerstörung, die bis heute erschreckend real sind.

Auch wenn hin und wieder einzelne Schwärme von Wüstenheuschrecken bis nach Mitteleuropa gelangten, war ihr furchterregender Charakter den Menschen hierzulande hauptsächlich aus den Berichten der Bibel bekannt. Dort werden Heuschrecken mehr als 50-mal erwähnt. Es existieren zehn verschiedene hebräische Wörter, bei denen im Einzelfall nicht sicher rekonstruiert werden kann, ob verschiedene Arten, Entwicklungsstadien oder Synonyme damit bezeichnet werden.

geißel:gottes

Die allgemeine Bezeichnung ist arbe, was sich von raba – »viele« ableitet. Es ließe sich also mit »Mehrling« oder »Schwärmling« übersetzen – in der Tat ein sehr treffender Name. Da weitere Namen benutzt wurden, von denen wir heute nicht rekonstruieren können, auf welche Arten sie sich beziehen, werden sie teilweise nicht übersetzt: »Diese dürft ihr von ihnen essen: den Arbeh nach seiner Art und den Solham nach seiner Art und den Chargol nach seiner Art und den Chagab nach seiner Art« (3Mo 11,22). Die Herkunft von Solham ist unsicher, aber Chargol leitet sich von dem Verb chagal (galoppieren, aufspringen) ab. Chagab ist die Kurzform von chargaba (Hüpfer). Dann gibt es noch diese sechs weiteren hebräischen Namen für die Heuschrecke, wovon drei sich als »poetische« Bezeichnungen unter anderem in diesem Vers finden: »Was der Nager übrig gelassen hatte, fraß die Heuschrecke; und was die Heuschrecke übrig gelassen hatte, fraß der Abfresser; und was der Abfresser übrig gelassen hatte, fraß der Vertilger« (Joel 1,4). Außer gasam (Nager), jelek (Abfresser) und chasil (Vertilger) werden sie noch zelazal (Schwirrende) genannt. Die Bezeichnungen gob und geb lassen sich dagegen sprachlich nicht genau ableiten, aber gob-gobe (Nah 3,17) ist eine Steigerungsform und beschreibt den Heuschreckenschwarm.

mr:hopper – Eine Heuschrecke im Familienwappen! Die althebräische Inschrift besagt: »Gehört Asarja (Sohn des) Gobe«. Dabei passt der Familienname zur Abbildung, denn Gobe (oder Geba) bedeutet »Heuschrecken«. Das Siegel besteht aus dem Mineral Karneol, das sich gut bearbeiten lässt, und wird auf 700 v. Chr. datiert (nach Avigad 1966).

Manche Übersetzer vermuten, dass geb (Jes 33,4) den Käfer bezeichnen könnte. Hauptargument dafür ist, dass ihre Fortbewegung mit den Verben maschak und schakak beschrieben wird, was eher ein Laufen als ein Krabbeln oder Springen beschreibt, wie es für die Heuschrecke zu erwarten wäre. Da geb aber weder woanders in der Bibel noch in anderen antiken Texten als Bezeichnung für den Käfer nachzuweisen ist, gilt diese Zuordnung den meisten Experten als unwahrscheinlich.

Auf Griechisch heißen sie akris, was eine Verkürzung von akrobates ist und »Auf-Zehenspitzen-Gehende« bedeutet. In poetischer Rede werden sie oft als Sinnbild für unzählige Mengen verwendet (Ri 6,5; 7,12; Jer 46,23; Nah 3,15), aber ihre größte Bedeutung erlangen sie als »großes Heer« Gottes (Joel 2,25) und Vollstrecker Seiner Gerichte (vgl. Offb 9,3-6). Wie an den Einzelheiten ihrer Anatomie und Strategie erkennbar ist, könnte es dafür kaum einen geeigneteren Kandidaten geben. Am schrecklichsten wüteten sie als »Achte Plage«: »Und die Heuschrecken kamen herauf über das ganze Land Ägypten und ließen sich im ganzen Gebiet Ägyptens nieder, in gewaltiger Menge; vor ihnen sind nicht derart Heuschrecken gewesen wie diese, und nach ihnen werden nicht derart sein.« (2Mo 10,14). Wenn wir diese Beschreibung wörtlich verstehen, handelte es sich um einen Überfall, der alle Rekorde bricht.

vogel:futter – Gut, dass nicht alle Heuschreckenarten zur Plage werden. Der Gemeine Grashüpfer (Pseudochorthippus parallelus), der in ganz Europa heimisch ist, bildet keine Schwärme und führt ein sehr unauffälliges Leben. In einem funktionierenden ökologischen Netz wird ihr Bestand durch viele Insektenfresser reguliert.

fress:lawine

Eine Idee, wie so eine Invasion abläuft, liefert uns dieser Bericht: Juni 1784 – Bay Durban – Südafrika. Ein britischer Kolonialbeamter traut seinen Augen kaum: Am hellen Mittag verdunkelt sich plötzlich der Himmel und ein unheimliches Brausen erfüllt die Luft. Alles um ihn herum scheint zu vibrieren und in Bewegung zu sein, die Sicht beträgt nur noch wenige Meter, Bäume biegen sich zur Erde und Zweige brechen unter dem Gewicht tausender Insektenleiber. Als der Himmel wieder etwas aufklart, ist die vor ihm liegende Ebene soweit das Auge reicht mit Heuschrecken bedeckt – so dicht, dass man den Erdboden unter ihnen nicht mehr erkennen kann! In weniger als fünf Stunden verwandeln sie 3.000 Quadratkilometer dicht bewachsenes Grasland in eine kahle Einöde, in der kein Halm mehr steht. Danach erhebt sich der Schwarm mit gewaltigem Getöse wieder in die Luft, um in Form einer riesigen Säule Kurs auf die Küste und die tosende See zu nehmen. Oder ist es der Nordwestwind, der ihn nun auf den offenen Ozean hinausweht? Jedenfalls ist das Meer am übernächsten Tag braun und schaumig. Bald darauf türmen die Wellen die toten Tiere am Strand auf einer Länge von 80 Kilometern zu einem Wall von über einem Meter Höhe auf. Faszinierte Naturkundler dokumentieren das Ereignis und berichten der Royal Society in London darüber. Dabei finden sie heraus, dass der Schwarm aus etwa 300 Milliarden Tieren der Art Schistocera gregaria besteht – Wüstenheuschrecken.

heu:schrecken

Ähnliche Ereignisse sind aus allen Epochen der Geschichte überliefert. In der Antike waren Überfälle durch Heuschrecken die furchtbarsten und opferreichsten Naturkatastrophen. Im Jahr 65 verwüsteten sie die Provinzen Cyrenaica und Numidia in Nordafrika, die zur »Kornkammer« des römischen Weltreichs zählten. Dem Historiker Paulus Orosius zufolge forderten die darauffolgenden Hungersnöte und Seuchen, die von den verwesenden Kadavern der Insekten ausgelöst wurden, etwa 800.000 Menschenleben – mehr als jedes andere Naturereignis, von dem die Chroniken Roms berichten. Im Jahr 1899 wurde ein Schwarm von etwa 250 Milliarden Tieren beim Überfliegen des Roten Meeres beobachtet. Ein Schiff, das dort kreuzte, fuhr einen ganzen Tag wie durch die Nacht und wurde unter den Körpern der Insekten förmlich begraben.

Auch in anderen Teilen der Welt gibt es verwandte Arten, die in Massen auftreten. 1974 legte ein Schwarm den Melbourner Flughafen mehrere Tage lahm, und im Januar 1975 starben zwei Bauern auf den Philippinen, weil sie von dem Gewicht der auf ihnen landenden Heuschrecken erstickt wurden. Beispiellos ist ein Schwarm von etwa 12,5 Billionen Felsengebirgsschrecken (Melanoplus spretus), der vom 15. bis 25. August 1875 über den US-Bundesstaat Nebraska hinwegzog und eine Ausdehnung von 514.400 Quadratkilometern erreichte (das übertrifft die Fläche von Spanien!). Die Wissenschaftler A. L. Child und Ch. Riley berichteten unabhängig voneinander darüber – möglicherweise handelte es sich um die größte Tieransammlung aller Zeiten. Kurioserweise starb diese Art nur 25 Jahre später aus.

Bis in unsere Zeit kennt man Heuschreckenschwärme als immer wiederkehrende Plage: 2013 wüteten sie in Madagaskar, 2015 gab es große Einfälle in Brasilien und Südostrussland und erst 2021 kam es in Ostafrika und Südasien zu einem der schlimmsten Ausbrüche seit Jahrzehnten. Allerdings werden sie heute scharf im Auge behalten und per Satellit überwacht. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) betreibt aufwändige Programme zu ihrer Bekämpfung. Auf der Seite http://www.fao.org/ag/locusts kann man sich jederzeit ein Bild von der aktuellen Situation machen. Bereits 1700 v. Chr. bekämpften Armeen der frühen Hochkulturen die »Invasoren« im Zweistromland, und bis heute ist in den Staaten der Sahelzone das Militär dafür zuständig.

über:zahl – Verzweifelt versucht dieses Mädchen in Kenia das Feld ihrer Familie vor den schwirrenden Räubern zu schützen und die Ernte zu retten.

sprung:bereit

Die Katastrophe bahnt sich sehr unvermittelt an, denn Wüstenheuschrecken haben zwei Gesichter. Die meiste Zeit leben sie im »Einzelkämpfermodus«, betrachten Artgenossen als Konkurrenten, gehen einander aus dem Weg und schlagen sich allein durch. Ihre Lebenserwartung beträgt, je nach Temperatur, zwei bis fünf Monate, und für viele hungrige Mäuler sind sie ein begehrter Leckerbissen, der zudem noch recht wehrlos daherkommt. Bei Bedrohung können sie sich nur durch rasche Flucht retten, indem sie ihren Trumpf ausspielen – den Heuschrecken-Weitsprung. Sie katapultieren sich mit ihren langen Hinterbeinen bis zu einem Meter weit durch die Luft. Ihre Beschleunigung beträgt bis zu 15 g – ein eigentlich unerreichbarer Wert, der nur durch einen kleinen Trick möglich ist. Kurz vor dem Start laden die Hüpfer ihre »Powerpacks« auf: Fasern des hochelastischen Proteins Resilin werden wie Gummisehnen gespannt, Muskelkraft wird als Verformungsenergie gespeichert und dann durch das Zucken eines winzigen Auslösers ruckartig freigesetzt. Der einzige Nachteil ist, dass dieser Ladevorgang etwa eine halbe Sekunde dauert. Das kann bei einem Überraschungsangriff zu lang sein. Gelingt jedoch der Absprung rechtzeitig, sind sie danach meistens in Sicherheit. Das ist auch gut so, denn diese enorme Leistung kostet so viel Kraft, dass sie direkt danach nur noch einen viel kleineren Sprung machen können und dann nur noch einen ganz winzigen.

Wer eine Heuschrecke fangen will, sollte sich also merken: drei Mal hüpfen lassen, bis »die Batterie leer« ist, dann einfach aufsammeln. In den Wüsten- und Steppenzonen Nordafrikas und Mittelasiens, die tagsüber glühend heiß und nachts eisigkalt sind, führen sie ein entbehrungsreiches Leben und ernähren sich vom spärlichen Pflanzenbewuchs ausgetrockneter Flussbetten. Das Wasser, das sie benötigen, kann ihr Stoffwechsel auf chemischem Weg selbst erzeugen, so dass sie nichts trinken müssen und selbst mit knochentrockener Nahrung auskommen können.

elektro:grillen – Der erstaunliche Sprungmechanismus der Heuschrecke wurde genau studiert. Der Beugemuskel speichert viel Energie im Resilin-Element, die beim Absprung schlagartig freigesetzt wird und die Kraft des Streckmuskels verstärkt. Das Prinzip ließ sich technisch in der Konstruktion eines hüpfenden Roboters anwenden. Mit einem Gewicht von 23 Gramm sprang der Prototyp (unten im Bild) immerhin 3,35 Meter hoch und 1,37 Meter weit – bei minimalem Energieverbrauch (aus Zaitsev et al.).

zeit:bombe

Welche Bedingungen zur Startphase der Massenvermehrung führen, ist noch nicht ganz geklärt. Es beginnt jedenfalls mit einem kräftigen Regenguss in einem Dürregebiet, den die Einzelgänger, vermutlich aufgrund der Luftdruckveränderung, in vielen hundert Kilometern Umkreis wahrnehmen. Sobald es Nacht geworden ist, machen sie sich aus allen Himmelsrichtungen auf den Weg und treffen zu tausenden dort ein. Sie fressen das frische Grün, das nach dem Regen aus dem Boden sprießt. Die Nahrungsumstellung von dürrem Wüstenkraut zu saftiger und vitaminreicher Vollwertkost wirkt wahre Wunder. Während die Tiere in ihrem Eremitenleben weder weiterwuchsen noch sich zur Geschlechtsreife weiterentwickelten, holen sie dies nun in kürzester Zeit nach. Egal, wie lang die Diaspora zuvor angedauert hat und wie alt die einzelnen Tiere sind – hier »im Paradies« werden sie in wenigen Stunden erwachsen, verändern ihre Farbe von braungrün zu braungelb und feiern eine »Massenhochzeit«.

Kurze Zeit später versenken die Weibchen durch einen langen Legeschlauch bis zu 80 reiskorngroße Eier im weichen Boden, die dabei von einer Schaumsäule umhüllt werden, die aushärtet und einen guten Schutz bietet. Unter idealen Bedingungen können daraus schon nach zwei Wochen Jungtiere schlüpfen, die zuerst etwa die Größe einer Stubenfliege haben. Wenn es allerdings zu kalt für die Eireifung ist, kann dieser Vorgang auch für mehrere Monate unterbrochen werden. Unter Umständen sind in der Zwischenzeit weitere Gruppen am gleichen Ort eingetroffen, haben sich ebenfalls in Massen verpaart und ihre Eier abgelegt – so dass immer mehr Eier im Boden stecken und auf das perfekte »Schlüpfwetter« warten – eine tickende Zeitbombe! Denn sobald ideale Bedingungen eintreten, reifen alle Eier gleichzeitig heran, egal, wie lange sie dort schon gelegen haben.

tiefer:gelegt – Zur Eiablage versenkt das Heuschreckenweibchen seinen Hinterleib möglichst tief im Boden und stülpt dann noch einen »Legeschlauch« aus. Dadurch gelangen die Eier tief in die Erde, wo sie gut geschützt abwarten, bis die Bedingungen für den Start ins Leben vielversprechend sind.

schwarm:explosion

Der Heuschrecken-Experte Cliff Ashall beschrieb dieses Ereignis so: »So weit das Auge reicht sprudeln die jungen Hüpfer förmlich aus der Erde hervor. In kürzester Zeit sind sämtliche Gelege in einem riesigen Brutgebiet geschlüpft. Wie Schneeflocken treiben Millionen der abgestoßenen feinen, weißen Larvenhäute im Wind über die Steppe.« Es sind bereits mehrere Mechanismen beschrieben worden, die den schlüpfenden Tieren nun ein Signal zum Phasenwechsel übermitteln. Sie sehen und riechen sich gegenseitig, aber der stärkste Trigger wird dadurch ausgelöst, dass sie sich gegenseitig auf die Füße treten. (Im Experiment konnte gezeigt werden, dass das häufige Berühren der Hinterbeine einer frisch geschlüpften Heuschrecke mit einer dünnen Präpariernadel den gleichen Effekt hatte.)

Was nun folgt, ist sensationell: eine völlige Charakterverwandlung der Heuschrecken, der Übergang vom solitären (einzelgängerischen) in den gregären (geselligen) Modus. Die neue Generation ist wesentlich aktiver; ihre Körpertemperatur liegt 5-8 Grad höher, die Flügel werden ein ganzes Stück größer als die ihrer Vorfahren, und auch ihre Färbung hat sich von deren grünlich-hellbraunem zu einem dunkel-rötlichbraunen Ton geändert. Beide Erscheinungsformen unterscheiden sich so stark, dass man sie bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts für verschiedene Arten hielt.

jekyll:hyde – Unterschiede in Färbung, Größe und Verhalten führten dazu, dass man die beiden Morphen von Schistocera gregaria früher für verschiedene Arten hielt. Die schwarmlebende Form (rechts) wurde als »Wanderheuschrecke« bezeichnet.

Die »Babyboomer«, die von Beginn ihres Lebens an in der Masse stecken, lieben das Wir-Gefühl. Selbst ihre Eltern, sofern sie noch in der Nähe sind, werden von dieser Gruppendynamik mitgerissen. Beherrscht von einem unglaublichen Nachahmungstrieb hüpfen sie, sobald sie Artgenossen treffen, gemeinsam weiter. Stoßen Gruppen aus verschiedenen Richtungen aufeinander, verschmelzen sie und ziehen auf einem Kurs weiter. Eine gewaltige Bewegung formt aus einer Unzahl eigenständiger Individuen etwas ganz Neues – einen Schwarm. Im Schwarm werden alle Mitglieder zusammengeschmiedet, so dass man ihn fast als ein neues Wesen begreifen kann. Es gibt keinen Anführer, »keinen König«, wie Salomo in dem vorangestellten Bibelvers bemerkt, dennoch erheben sich alle gleichzeitig, wie auf ein geheimes Kommando, als schwirrende Wolke in den Himmel. Niemand führt den Schwarm an, im Gegenteil, jedes einzelne Tier ist ständig darum bemüht, ins Zentrum der Wolke zu gelangen. Es gibt keine stabilen Positionen, sondern eine permanente Rotation. Wie von innen heraus gesteuert, folgt dieses chaotische Gewusel einem klaren Kurs, der nur zum Teil von der Windrichtung abhängt und einem einzigen Bedürfnis folgt: Fressen!

g:rasende

Der Appetit der Heuschrecken ist legendär. Sie sind wahre Fressmaschinen und verzehren täglich das Zwei- bis Dreifache ihres Körpergewichts. Eine Tonne Heuschrecken verbraucht täglich so viel Nahrung wie 2.500 Menschen. Der Lärm, den die unaufhörlich raspelnden und schabenden Mundwerkzeuge eines Schwarms erzeugen, gleicht einem prasselnden Platzregen. Kaum ein Gewächs ist vor ihnen sicher, was mit der erstaunlichen Tatsache zusammenhängt, dass die Mehrzahl der Arten dieser Insektengruppe polyphag ist und Nahrung aus mehr als einer Pflanzenfamilie vertragen kann. Außerdem können sie das Enzym Cellulase herstellen und damit sogar Holz fressen. Ungewöhnlich harte Mundwerkzeuge ermöglichen es ihnen, Gräser abzuweiden, die Silizium enthalten und von den meisten anderen Pflanzenfressern verschmäht werden. Das ist möglich, weil ihre Bezahnung noch härter ist. Die Schneidekanten ihrer Mandibeln sind nicht nur mit dem »Biobeton« Sklerotin verstärkt, sondern enthalten außerdem Zinkeinlagerungen. Die Turbofresser arbeiten mit einem »metallischen Mähwerk«!

biss:zum:anschlag – Selbst metallisch verstärkte Schneidwerkzeuge nutzen sich ab. Die Abbildung zeigt die linke Mandibel des Grashüpfers Caryanda cylindrica. Man beachte den Unterschied zwischen dem Zustand der Schneidezähne und Kauflächen vor und nach dem großen Fressen (Grafik nach Chapman 1964).

katastrophen:alarm

Diese (erste) Generation bezeichnet man noch als »Kleinschwarm«. Er umfasst typischerweise 30-50 Millionen Tiere. In den meisten Fällen gelingt es ihnen allerdings nicht, rechtzeitig Nahrungsgründe zu finden, die reichhaltig genug sind, um alle satt zu machen. Dann beginnt ein Massensterben: Sie fallen übereinander her und fressen sich gegenseitig. Die Überlebenden zerstreuen sich und werden wieder zu Einzelgängern. Der ganze Spuk ist so schnell vorüber, wie er begonnen hat. Aber wehe, wenn es anders kommt – wenn der Schwarm in ein Gebiet gelangt, das intensiv bewirtschaftet wird und Nahrung im Überfluss bietet. Sofort wird die nächste Generation in die Welt gesetzt – der ganze Zyklus dauert unter idealen Bedingungen nur sechs Wochen – und die Katastrophe nimmt unausweichlich ihren Lauf. Je größer der Schwarm wird, desto aktiver und aggressiver werden seine Mitglieder. Sie scheinen zu spüren, dass die Zeit gegen sie arbeitet und die Grenze des Wachstums schon bald erreicht sein wird. Um die knappen Ressourcen auszunutzen, fressen sie rund um die Uhr. Alles Grüne wird vertilgt, bis die Landschaft völlig kahlgefressenen ist. Sobald nichts mehr zu holen ist, fliegen sie los und fallen in neue Gebiete ein. Ihre Zahl wächst jetzt ins Unermessliche, sie bilden einen Superschwarm, der aus vielen Milliarden Tieren besteht und durch nichts mehr aufzuhalten ist.

gier:tier – Das Magazin »Der Spiegel« verwendete in seinem Titelbild (51/2006) eine Grafik des australischen Künstlers Gregory Bridges, um die Heuschrecke als Symbol zerstörerischer Gier in Szene zu setzen.

vaga:ungebunden

Mithilfe der Kraft des Windes lassen sie sich über weite Strecken tragen, werden dadurch unberechenbar und sind an keine Grenzen gebunden. Ein Schwarm aus der Sahara kann in Algerien, Marokko oder Mali landen oder durchstarten und bis in den Iran, Pakistan oder die Golfstaaten ziehen. Genauso können Schwärme von Mauretanien nach Indien oder von Tansania in die Türkei fliegen. Durch einen kräftigen Seewind wurde einmal ein Schwarm von den Kanarischen Inseln in 60 Stunden 2.600 Kilometer weit über das offene Meer bis nach Irland getragen. 1988 gelangten sogar einige Schwärme von Afrika bis in die Karibik.

Typischerweise bewegen sich Heuschrecken im Schwarm mit einer Geschwindigkeit von 15-18 Stundenkilometern fort. Das Fliegen ist eine gewaltige Kraftanstrengung und ihr Energieverbrauch kann dabei um mehr als das 100fache ansteigen – eine Leistung, zu der ein Mensch überhaupt nicht fähig wäre. Ein Erwachsener würde bei dieser Belastung etwa 7.500 Kilokalorien pro Stunde benötigen und müsste für eine Flugstunde vorher 12 Kilo Kartoffeln verspeist haben (oder während des Fluges alle 15 Minuten ein Glas Nutella leeren), um nicht entkräftet abzustürzen. So ein enormer Energieumsatz würde Verdauung, Stoffwechsel, Atmung, Blutkreislauf und Temperaturregulation des menschlichen Körpers hoffnungslos überfordern. Tatsächlich erreichen sie damit die höchste im Tierreich gemessene Stoffwechselrate.

In der Heuschreckenbrust pressen außerdem starke Flugmuskeln, die sich bei jedem Schlag um 30 Prozent verkürzen, große Luftsäcke zusammen und bilden damit einen »Blasebalg«, der Sauerstoff über feine Kanäle im Körper verteilt. Um auf den Langstreckenflügen kein Treibstoffproblem zu bekommen, können die »Triebwerke« der Heuschrecken im laufenden Betrieb umgestellt werden und nicht nur Zucker, sondern auch Fett direkt verbrennen. Auch die Antriebsmechanik ist für den langen Wanderflug optimiert und läuft völlig autark; theoretisch könnten sie ohne Kopf weiterfliegen. Im Gegensatz zu anderen Fluginsekten werden die Flügel im Schlag nicht gedreht. Dadurch sind sie zwar schnelle und ausdauernde Flieger, können aber kaum manövrieren. Eine Heuschrecke im Landeanflug wirkt meistens so, als ob sie zufällig vom Himmel purzelt.

heuschrecken:schlecken

Während Heuschrecken als Schädlinge eine große wirtschaftliche Bedeutung haben, wurde ihr Potential als Lebensmittel noch nicht so richtig entdeckt. Die Welternährungsorganisation FAO will das ändern und betreibt ein Forschungsprogramm, das ihre Nutzung als Nahrungsmittel etablieren soll. Heuschrecken bestehen zu 50% aus Protein, sind sowohl fettarm als auch reich an Vitaminen und Mineralien und damit eine gesunde Kost. Außerdem haben sie eine sehr gute Umwandlungsrate. Um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren, werden dreizehn Kilo Futter benötigt, da Warmblüter die meiste Energie für die Aufrechterhaltung ihrer Körpertemperatur aufwenden. Insekten dagegen sind wechselwarm und viel sparsamer; um ein Kilogramm Heuschreckenmasse zu produzieren, benötigt man deshalb nur zwei Kilogramm Futter. Da sie außerdem sehr robust und anspruchslos sind, ist ihre Haltung in den meisten Gebieten problemlos möglich. Gerade in den von Hungersnot bedrohten Regionen der südlichen Sahelzone könnten sie eine wichtige Nahrungsergänzung darstellen. In Europa werden die meisten gehandelten Hüpfer von Terrariumbesitzern an Echsen und Amphibien verfüttert und in der EU sind sie bisher noch nicht einmal offiziell als Lebensmittel zugelassen. Aber in über hundert Ländern der Erde stehen sie heute schon auf dem Speiseplan. Gott hatte die Nutzung dieser Ressource schon lange für den Menschen vorgesehen. In der Bibel ist nachzulesen, dass die Speisegebote dem Volk Israel den Verzehr von Heuschrecken ausdrücklich erlauben (3Mo 11,21.22), und dass Johannes der Täufer in der Wildnis sogar davon lebte (Mt 3,4; Mk 1,6). Ein Mensch benötigt etwa 200 Heuschrecken pro Tag, um satt zu werden.

spieß:grillen – Dieses Relief aus dem Palast des assyrischen Königs Sanherib in Ninive stellt einen Diener dar, der auf dem Spieß geröstete Heuschrecken serviert (British Museum, London, Inventarnummer WAA 124798).

Die Zubereitung ist so einfach wie variabel. Man kann sie grillen, braten oder frittieren, zu Pulver zermahlen, in Saucen tunken, mit einer süßen Glasur überziehen, zu einem Eintopf verarbeiten oder mit Gemüsestückchen als Spießchen servieren. Egal, welches Rezept man bevorzugt, die faserigen und stacheligen Beine und Flügel sollten vor dem Verzehr entfernt werden.

lotblaun:gelöstet – In vielen Ländern gelten Heuschreckenspießchen auch heute noch als Delikatesse, so wie hier in einem chinesischen Schnellimbiss.

fraß:genossen

König Salomo erwähnt sie allerdings weder als verheerende Plagegeister noch als Nahrungsmittel, sondern als gemeinsam handelnde und geeinte Gruppe (Spr 30,27). Sie werden uns Menschen als Vorbild hingestellt, weil sie in geordneten Scharen fliegen, ohne dass ein »Leithammel« vorausfliegt. Bei den Heuschrecken hat man herausgefunden, dass die äußere Konformität einen sehr banalen Grund hat: »Die Tiere mögen sich gegenseitig nicht, denn der größte Feind der Wanderheuschrecke ist eine andere Wanderheuschrecke. Ein Heuschreckenschwarm gleicht also einer großen Flucht, bei der jeder den anderen jagt.« Durch ihr Grünfutter bekommen sie nicht genug Proteine und Salze, sodass der wachsende Schwarm sich ein wenig dadurch reguliert, dass die Tiere sich beständig gegenseitig fressen. Nur die Stärksten überleben und die Flucht vor dem Gefressenwerden ist ihr größter Antrieb. Trotz seiner bewundernswerten Ordnung und Formation gleicht dieser Schwarm von Räubern und Kannibalen also eher dem natürlichen Menschen, der sich auch mit falscher Motivation sehr effizient organisiert (1Mo 11,1-6; Jes 41,5-7). Auch die Christen haben auf der Erde »keinen König« – keinen Menschen, der eine zentrale Autorität über sie ausübt und sie leitet. Dennoch bilden sie als »ein Leib« (Röm 12,5; 1Kor 10,17; Eph 4,4; Kol 3,15) eine wunderbare Einheit, die, im Gegensatz zum Heuschreckenschwarm, wirklich ein Organismus mit gegenseitiger Unterstützung, Ergänzung und Annahme ist. Diese wird am besten sichtbar, wenn alle Liebe untereinander haben (Jh 13,35; 1Pet 4,8) und jeder Einzelne sich in Richtung Mittelpunkt orientiert: Jesus Christus.

fast:food – In großen Heuschreckenschwärmen landen die Tiere in solcher Dichte, dass manchmal gar nicht alle an die Pflanzen gelangen können. Sie drängen sich gegenseitig weg und gönnen sich keine Pause. Oft müssen sie schon nach wenigen Stunden weiterziehen, weil es nichts Grünes mehr gibt.

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Bildnachweis:

Titelbild Heuschrecken (Schistocera gregaria) /shutterstock_ID_2021307713 / ABDULAA SAAD // Siegel mit Inschrift und Heuschreckenabbildung / N. Avigad // Heuschreckenschwarm /shutterstock_ID_1634469007 / Jen Watson // Der einheimische Gemeine Grashüpfer /shutterstock_ID_227434963 / Petro Perutskyi // Mädchen verscheucht Heuschrecken / FAO/Sven Torfinn // Hüpfmechanik in der Bionik / Zaitsev et al. // Heuschrecke bei der Eiablage /shutterstock_ID_1973031071 / Tomohira Ishiga // zwei Formen der Wüstenheuschrecke / Tom Fayle // abgenutzte Mundwerkzeuge / Chapman et al. // Titelbild von „Der Spiegel“ mit Heuschreckenmotiv / Der Spiegel // fliegende Heuschrecke /shutterstock_ID_1037611912 / Holger Kirk // fressender Heuschreckenschwarm /shutterstock_ID_2137914099 / Willem Cronje // Heuschreckenspieß in China /shutterstock_ID_2441923429 / Corpsbride

Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen

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