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Milben

Es gibt über 50.000 Arten von diesen Spinnentieren und die meisten sind so winzig, dass sie mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. Obwohl sie erst in der Neuzeit untersucht und benannt wurden, finden sich in der Bibel die ältesten Hinweise auf die Aktivität von Milben (Acari).

Zu den Krankheiten, die in den israelischen Gesetzesvorschriften genannt werden, zählt auch die Krätze, die mit dem hebräischen Wort garab (3Mo 21,20; 22,22; 5Mo 28,27) bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um einen Befall mit der Grab- bzw. Krätzemilbe (Sarcoptes scabiei). Die Symptomatik dieser Parasitose ist heute gut erforscht und erhellt einige biblische Zusammenhänge. Auch wenn die Details dieses Krankheitsbildes wenig erquicklich sind, lohnt sich doch eine nähere Betrachtung dieser kleinen Quälgeister und ihrer Geschichte.

kratz:krankheit

Die Bezeichnung leitet sich vom Verb garad ab, was »sich kratzen« bedeutet (siehe Hiob 2,8) – so wie sich »Krätze« auch im Deutschen davon ab leitet und auch die medizinische Bezeichnung Scabies auf das lateinische scabere zurückgeht – es ist die »Kratz-Krankheit«. Die Ortsbezeichnung gibe’at-gareb (Hügel Gareb, Jer 31,39) bezeichnete möglicherweise einen »Quarantänebezirk« außerhalb Jerusalems. Als Personenname machte er seinem Träger vielleicht wenig Freude, aber immerhin handelte es sich bei Gareb (2Sam 23,38; 1Chr 11,40) um einen von Davids Top-Elitekriegern.

gemein:gang

Die Lebensweise dieses Parasiten ist nichts für schwache Nerven. Die weibliche Krätzmilbe bohrt nämlich Gänge in die oberen Hautschichten – eine Vorstellung, die sehr abstoßend klingt. Darin legt sie ihre Eier und scheidet ihren Kot aus. Diese Hinterlassenschaften sind es, die die Immunantwort des Körpers auslösen und zu Bläschen, Vesikeln, Papeln, Pusteln, Quaddeln oder Infiltrationen führen. Da alle diese körperlichen Abwehrreaktionen mit starkem Juckreiz verbunden sind, kommen häufig Kratzwunden dazu, die Krusten und Narben hinterlassen und sich sogar infizieren und zu Furunkeln werden können. Dabei sind die Tierchen selbst sehr klein (< 0,5 Millimeter), der Durchmesser ihrer Bohrgänge ist entsprechend gering, sie treten nur in geringer Anzahl auf und der Schaden, den sie durch das Fressen menschlicher Körpersubstanz anrichten, ist nicht der Rede wert. Es sind vielmehr die beschriebenen Abwehrsymptome, besonders der unerträgliche Juckreiz, durch die sie zu einer Plage werden. Für Allergiker und stark immungeschwächte Personen kann ein Befall sogar lebensbedrohlich sein.

tunnel:effekte – Die Krätzmilben tummeln sich nur in der obersten Hautschicht und richten mit ihren Fraßgängen eigentlich kaum Schaden an. Erst der Juckreiz, das Kratzen und die entstehenden Wundstellen, die sich häufig auch noch entzünden, können schwerwiegende Folgen für die Gesundheit haben.

In den Industrieländern hat die Krätze heute so gut wie keine Bedeutung mehr. Die Tierchen sind recht sensibel, sie überleben bei Raumtemperatur nur zwei Tage außerhalb des menschlichen Körpers, sterben bei einer Wäsche über 50°C und sind in kühleren Breiten ohnehin selten unterwegs, weil sie bei unter 16°C bewegungsunfähig werden. Bei guter Körper-, Wohnungs- und Textilhygiene kommt es höchstens zufällig einmal zur Ansteckung (fast immer durch direkten Kontakt zu einem Infizierten) und selbst dann gibt es verschiedene hocheffektive Medikamente, die den Parasiten schnell und restlos eliminieren. Ganz anders sieht es allerdings in den tropischen Regionen der Erde aus. Dort leiden aktuell mindestens 200 Millionen Menschen unter dem Befall mit Krätzemilben. Ein tropisches, warm-feuchtes Klima, viele Menschen auf engem Raum und geringe Hygienestandards – ein Parasiten-Paradies, aus dem sich die ungebetenen Gäste nur schwer vertreiben lassen.

ausschlag:gebend

Übertragen wir unser heutiges Wissen über den Parasiten auf die biblische Zeit, können wir festhalten, dass diese Krankheit in dichtbesiedelten Gebieten mit warmem und feuchterem Klima verbreiteter war als in Kanaan. Vermutlich zählte sie zu den »bösen Seuchen Ägyptens« (5Mo 7,15), die die Israeliten eigentlich gar nicht groß jucken mussten. Nur bei Ungehorsam würde sie der Fluch treffen: »Der Herr wird dich schlagen mit den Geschwüren Ägyptens und mit Beulen und mit Krätze und mit Ausschlag, dass du nicht wirst geheilt werden können« (5Mo 28,27).

sumpf:seuche – Der Nil lagert fruchtbaren Schlamm ab, und beschert den Ägyptern reiche Ernten. Leider sind die überschwemmten Ebenen aber Brutstätten für viele Parasiten und Krankheitserreger und auch die Krätzmilben fühlen sich im feuchtwarmen Klima dort sehr wohl.

Dem gegenüber steht die Verheißung: »Wenn du fleißig auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hören wirst und tun wirst, was recht ist in seinen Augen, und seinen Geboten gehorchen und alle seine Satzungen halten wirst, so werde ich keine der Krankheiten auf dich legen, die ich auf Ägypten gelegt habe; denn ich bin der Herr, der dich heilt« (2Mo 15,26). In vielen Geboten geht es um die Unterscheidung zwischen rein und unrein, teilweise mit kultischem Hintergrund, zum Teil aber auch mit ganz praktischer Bedeutung. Auf den Gehorsam kam es an! So war es einerseits eine Folge des göttlichen Gerichts, zum anderen aber ein Resultat ihrer Missachtung der guten Hygienevorschriften des Gesetzes, wenn sich Krankheiten ausbreiteten, die leicht vermeidbar gewesen wären. Das erklärt unter anderem, warum ein von Krätze befallener Mann keinen Priesterdienst ausüben durfte (3Mo 21,20) – mal ganz abgesehen von dem Infektionsrisiko beim Kontakt mit anderen Menschen.

notaus:gabe

Jeder Parasit hat seinen Lieblingswirt, weshalb die »humane Krätze« in der Medizin (nicht in der Biologie!) Sarcoptes scabiei varietas hominis genannt wird. Das schließt aber leider nicht aus, dass ein Mensch bei intensivem Kontakt mit Haus- oder Wildtieren als »Fehlwirt« von deren Parasiten befallen werden kann. Es tröstet die Betroffenen wohl wenig, wenn sich die Krankheit dann Pseudokrätze oder Trugräude nennt, denn die Symptome sind dieselben.

Auch die Parasiten sehen gleich aus und sind selbst unter dem Mikroskop nicht zu unterscheiden. In der Bibel wird der entsprechende Befall bei Tieren daher mit dem gleichen Wort bezeichnet, während wir heute die veterinärmedizinisch korrekte Bezeichnung Räude verwenden. Neben den besagten Krätzmilben gibt es noch die Gattung der Saugmilben (Psoroptes), die bei Wiederkäuern die Psoroptes-Räude auslösen und die hautschuppenfressenden Milben der Gattung Chorioptes, die – wer hätte es geahnt? – die Chorioptes-Räude auslösen. Auch diese sind wirtsspezifisch, so dass man sie traditionell als Chorioptes ovis (befällt Schafe), Chorioptes caprae (befällt Ziegen) und Chorioptes bovis (befällt Rinder) bezeichnet hat. Das künstliche Zerlegen einer biologischen Art ist hier jedoch genau so überflüssig wie der Zusatz »varietas hominis« beim menschlichen Parasiten. Deshalb werden diese Bezeichnungen inzwischen nicht mehr verwendet. Man beschränkt sich jetzt auf eine Art – Psoroptes ovis, beziehungsweise zwei Arten – Chorioptes bovis und Chorioptes texanus. Die Wirkstoffe der Humanmedizin lassen sich in der Veterinärmedizin ebenfalls anwenden, so dass diese Parasiten auch in der modernen Tierhaltung nur noch wenig Schaden anrichten.

schafe:schrubben – In der Georgica, einer Sammlung von Lehrgedichten über die landwirtschaftliche Praxis, beschreibt der Römer Vergil um ca. 30 v. Chr. den Umgang mit der Krätze (bzw. Räude). Er empfiehlt zur Behandlung das Einreiben betroffener Hautstellen mit Extrakten aus verschiedenen Kräutern wie Weißer Meerzwiebel (Drimia maritima) und Nieswurz (Helleborus), Schwefel, Petroleum und Asphalt und den Aderlass. Auf dieser Illustration zu seinem Werk von Jacopus Sacon (Lyon, 1517) erkennt man außerdem, dass die Schafe immer wieder im Fluss gebadet wurden und man den Wundschorf mit dem Messer abschabte, um die weitere Ausbreitung der Infektionen einzudämmen und die Genesung der Tiere zu fördern.

Der Grund, warum diesem ungewöhnlichen Thema so viel Platz eingeräumt wird, ist der tiefere Zusammenhang, in dem diese Krankheit in der Bibel genannt wird. Es ist nämlich so, dass alle Parasiten, die ihren Wirt äußerlich befallen (Ektoparasiten), sehr leicht von einem Tier zum anderen springen. Befallene Tiere sind deswegen hochinfektiös. Auch wenn man sie schlachtet, befinden sich ihre Eier immer noch im Leder und Fell. Daraus schlüpfen noch Tage später weitere Nachkommen, die sich auf die Suche nach einem neuen Wirt machen … Warum nicht zwei Parasiten mit einer Klappe schlagen, das Tier ein wenig aufhübschen und schnell als Brandopfer bringen? Nichts davon wird gegessen, das meiste wird verbrannt. Na gut, die Haut bekommt der Priester, aber der hat in seinem Haushalt kein Vieh … – so ähnlich könnte sich ein Israelit das zurechtgelegt haben. Doch Gott warnt sein Volk vor dieser Missachtung Seiner Heiligkeit: »Jedermann vom Haus Israel und von den Fremden in Israel, der seine Opfergabe darbringt … zum Wohlgefallen für euch soll es sein, ohne Fehl … Alles, woran ein Gebrechen ist, sollt ihr nicht darbringen, denn es wird nicht zum Wohl gefallen für euch sein … eines, das Geschwüre oder die Krätze oder die Flechte hat, diese sollt ihr dem Herrn nicht darbringen, und sollt dem Herrn keine Feueropfer davon auf den Altar geben« (3Mo 22,18-22). Es ist erstaunlich, wie ausführlich die Bibel das Thema »freiwilliges Geben für Gott« behandelt. Wir können es problemlos auf unsere Zeit übertragen, in der wir Gott zwar keine reinen Tiere, aber Lob und Dank (Heb 13,15), Anbetung, Zeit, Geld, Energie und Verzicht opfern – und uns daran erinnern: »Einen fröhlichen Geber liebt Gott« (2Kor 9,7).

opfer:test – Das geeignete Opfertier muss ausgewachsen (einjährig) und völlig gesund sein – ohne Fehl und Flecken. Schließlich sind alle Opfer ein Hinweis auf das eine Opfer – das Opfer Jesu. Außerdem zeigt es uns, dass wir Gott nicht einfach irgendetwas geben sollen, sondern das Beste. Schon beim ersten Opfer, das von Menschen gebracht wird, sehen wir diesen Unterschied zwischen Kain, der etwas von seinen Früchten opfert und Abel, der das Beste gibt »von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett« (1Mo 4,4).

Quellennachweis:

Arlian, LG; Morgan, MS: A review of Sarcoptes scabiei: past, present and future. Parasites & Vectors 2017; 10(1); doi: 10.1186/s13071-017-2234-1

Currie, BJ: Scabies and Global Control of Neglected Tropical Diseases. New England Journal of Medicine 2015; 373(24):2371-2372; doi: 10.1056/nejme1511805; https://www.nejm.org/doi/pdf/10.1056/NEJMe1511805

Fernando, DD; Mounsey, KE; Bernigaud, C: Scabies. Nature Reviews Disease Primers 2024; 10:74; doi: 10.1038/s41572-024-00552-8

Hicks, MI; Elston, DM: Scabies. Dermatologic Therapy 2009; 22(4):279-292; doi: 10.1111/j.1529-8019.2009.01243.x

Roncalli, RA: The history of scabies in veterinary and human medicine from biblical to modern times. Veterinary Parasitolog 1987; 25(2):193-198; doi: 10.1016/0304-4017(87)90104-x

Sunderkötter, C; Wohlrab, J; Hamm, H: Scabies: Epidemiology, Diagnosis, and Treatment. Deutsches Ärzteblatt International 2021; 118:695-704; doi: 10.3238/arztebl.m2021.0296; https://di.aerzteblatt.de/int/archive/article/221506

Sweatman, GK: On the Life History and Validity of the Species in Psoroptes, a Genus of Mange Mites. Canadian Journal of Zoology 1958; 36(6):905-929; doi: 10.1139/z58-078

Vergilius Maro, P (Vergil): Georgica (drittes Buch, 440-460). aufgerufen am 08.12.2025: https://www.projekt-gutenberg.org/vergil/georgica/georg3b.html

WHO: Scabies (Bericht über den aktuellen Stand der weltweiten Infektionen) vom 31.05.2023; aufgerufen am 09.04.2025: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/scabies

Bildnachweis:

Milben Titel (Sarcoptes sp.) /shutterstock_ID_2534941321 / Corona Borealis Studio // KI-Bild: Sumpfland am Nil // perfektes Schaf /shutterstock_ID_2589503597 / Erwin Bosman

Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen

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