Als Grenzgänger in der Biologie, denen einige Kennzeichen des Lebens fehlen, gehören Viren eigentlich nicht zum Gewimmel. Da sie aber ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben und indirekt auch in der Bibel erwähnt werden, dürfen sie trotzdem nicht fehlen.
Viren sind zwar aus den gleichen biochemischen Bestandteilen aufgebaut, wie alle Organismen, gelten aber im Allgemeinen nicht als Lebewesen. Sie wurden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Wissenschaftlern entdeckt und beschrieben. Fast alle näheren Erkenntnisse über ihren Aufbau, ihre Vielfalt und ihre Genetik wurden erst in den letzten Jahrzehnten gewonnen. Trotz der großartigen wissenschaftlichen Fortschritte in ihrer Erforschung ist man sich heute im Klaren darüber, dass erst ein Bruchteil ihrer ungeheuren Vielfalt genauer charakterisiert worden ist und eventuell noch größere Überraschungen zu erwarten sind.
plagen:partikel
Es ist deswegen wenig verwunderlich, dass diese infektiösen Partikel nicht direkt in der Bibel erwähnt werden. Hier soll es nur um die von ihnen ausgelösten Krankheiten gehen. Glücklicherweise ist es dank moderner Paläopathologie möglich, Virusinfektionen in den Überbleibseln längst vergangener Generationen nachzuweisen und Einblicke in die Verbreitungsgeschichte vieler Krankheiten bis in die biblischen Zeiten zu bekommen. Weil Viren einen guten Eindruck von der Komplexität der Schöpfung vermitteln und in jüngster Zeit für viel Furore sorgten (siehe Corona), wird ihnen in dieser Kategorie ein weiterer Beitrag gewidmet.

staub:pocken
Vermutlich handelt es sich bei der sechsten Plage über Ägypten um eine landesweite Pockenepidemie: »Und der Herr sprach zu Mose und zu Aaron: Nehmt eure Fäuste voll Ofenruß, und Mose streue ihn zum Himmel vor den Augen des Pharaos; und er wird zu Staub werden über dem ganzen Land Ägypten und wird an Menschen und Vieh zu Geschwüren werden, die in Blattern ausbrechen, im ganzen Land Ägypten. Und sie nahmen den Ofenruß und stellten sich vor den Pharao, und Mose streute ihn zum Himmel; und er wurde zu Blatter-Geschwüren, die an Menschen und Vieh ausbrachen« (2Mo 9,8-10).
Die hebräische Bezeichnung aba‘bu‘a ist hier mit »Blattern« über setzt worden, einem alten Namen für Pocken. Auch der jüdische Gelehrte Philon von Alexandria (15 v. Chr. – 40 n. Chr.) beschreibt diese Plage in seinem Werk De vita Mosis mit den typischen Krankheitssymptomen von Pocken. Das deckt sich auch mit der historischen Vermutung, dass der Erreger sich von Ägypten ausgehend in der antiken Welt verbreitete. Deswegen ist es naheliegend, dass mit schechin mizrajim – »Geschwüre Ägyptens«, die in 5. Mose 28,27 genannt werden, ebenfalls Pocken gemeint sind. Der ägyptische Papyrus Ebers erwähnt diese Krankheit, dort uhedu genannt, die als hochinfektiöse Seuche mit bläschenartigem Hautausschlag einhergeht. An der Mumie von Pharao Ramses V, der wohl in der Zeit von 1150 bis 1145 v. Chr. über Ägypten herrschte, wurden schon bei der ersten Untersuchung im Jahr 1911 unverkennbare Pockenbläschen entdeckt. Genauere Analysen in den letzten Jahren bestätigten dies – er gilt als ältestes prominentes Opfer.

Pocken sind ein erfreuliches Beispiel dafür, wie eine furchtbare »Geißel der Menschheit« durch den medizinischen Fortschritt, den man als Gnade Gottes für die gefallene Schöpfung betrachten darf, vollständig besiegt wurde. Noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts starb auch in den bestentwickelten Ländern jedes zehnte Kind daran und in Nord- und Südamerika erlagen ihnen insgesamt mindestens ein Viertel, gebietsweise sogar bis zu 90% der indigenen Urbevölkerung. Dank effektiver Impfstoffe und einer radikal und global durchgesetzten Impfpflicht gelang es, den Virus weltweit auszurotten. Dieser Erfolg (und viele weitere – auch Polio und Masern wurden fast vollständig eliminiert) zeigt, dass die absolute Verweigerungshaltung gegenüber jeder Art von Impfung, wie sie heute gelegentlich anzutreffen ist, eine irrationale und lebensgefährdende Einstellung ist. Heute gibt es nur zwei Hochsicherheitslabore (das »Centers for Disease Control and Prevention – CDC« in Atlanta, USA und »Vector« bei Nowosibirsk, Russland), in denen das Virus unter strengster Kontrolle und höchsten Sicherheitsvorkehrungen aufbewahrt wird.
toll:wut
Schon im altbabylonischen Codex Ešnunna, der auf etwa 2.000 v. Chr. datiert wird und damit zu den ältesten Texten überhaupt zählt, wird Tollwut erwähnt. Dort wird geregelt, dass der Besitzer eines tollwütigen Hundes ein hohes Bußgeld zu zahlen hat, wenn jemand von dem Tier gebissen wird. Obwohl es keine direkten Nachweise gibt, kann man davon ausgehen, dass es auch in Israel und den anderen Ländern der Bibel seit frühester Zeit Infektionen durch Bisse von Tieren gab.
Während einige pathogene Viren erst in jüngerer Zeit entstanden, be ziehungsweise auf Menschen übertragen wurden (z. B. das Aids-Virus HIV oder SARS-CoV-2 – das COVID-19- oder Corona-Virus), gelten andere (wie das Gelbfieber- oder das Hepatitis-A-Virus) als uralt, aber lange Zeit nur regional verbreitet. Dagegen waren Influenzaviren (Grippeerreger) und Enteroviren (Erreger der Kinderlähmung / Poliomyelitis) wahrscheinlich zu allen Zeiten gegenwärtig, führten aber nur selten zu Epidemien. Bei vielen biblischen Krankheitsberichten ist eine verlässliche Diagnose Jahrtausende später nicht mehr möglich. Die erwähnten Symptome sind oft nicht spezifisch genug, um sie einem bestimmten Krankheitsbild zuordnen zu können.

Noch weniger Daten gibt es zur früheren Verbreitung der heute bekannten Viruserkrankungen von Nutzpflanzen. Allerdings gibt es Hinweise, dass zum Beispiel die Blattrollkrankheit, die durch den Blattroll-Virus (Grapevine leafroll associated virus, GLRaV) ausgelöst wird, und die Reisigkrankheit, die auf den Reisig-Virus (Grapevine fanleaf virus, GFLV) zurückzuführen ist und dazu führt, dass die Rebe alle Blätter abwirft, für die Zerstörung ganzer Weinberge verantwortlich sind.

Quellennachweis:
Geddes, AM: The history of smallpox. Clinics in Dermatology 2006; 24(3):1-157; doi: 10.1016/j.clindermatol.2005.11.009
Hopkins, DR: The greatest Killer: Smallpox in History. Chicago, USA (University of Chicago Press) 2002
Hopkins, DR: Ramses V: earliest known victim? World Health Organization 1980; https://coilink.org/20.500.12592/76kdd4
Ortner, DJ: Human skeletal paleopathology. International Journal of Paleopathology 2011; 1(1):4-11; doi: 10.1016/j.ijpp.2011.01.002
Otto, E: The Laws of Eshnunna by Reuven Yaron. Vetus Testamentum 1990; 40(3):361-369; doi: 10.2307/1519539
Philon von Alexandria: De vita Mosis (Erstes Buch, §22, deutsche Übersetzung). https://bkv.unifr.ch/de/works/x-4/versions/uber-das-leben-mosis/divisions/24
Ruffer, MA; Ferguson, AR: Note on an eruption resembling that of variola in the skin of a mummy of the twentieth dynasty (1200–1100 BC). The Journal of Pathology and Bacteriology 1911; 15(1):1-3
Steinberg, AD: Recent Worldwide Research on Animal Pox Viruses. Open Source Center 2008; aufgerufen am 07.03.2025: https://irp.fas.org/dni/osc/pox.pdf
Strouhale, E: Traces of a Smallpox Epidemic in the family of Ramses V of the Egyptian 20th Dynasty. Anthropologie 1996; 34(3):315-319; http://www.jstor.org/stable/44601512
Sundem, G: 10 Oldest Known Diseases. How Stuff works, 07.03.2024; aufgerufen am 07.03.2025: https://science.howstuffworks.com/life/cellular-microscopic/10-oldest-known-diseases.htm Thèves, C; Crubézy, E; Biagini, P: History of Smallpox and Its Spread in Human Populations. Paleomicrobiology of Humans 2016; doi: 10.1128/9781555819170.ch16
Bildnachweis:
Wikipedia: Pockenvirus / PD-USGov-HHS-CDC
andere Lizenzen: Viren Titel (Viren REM-Bild) /shutterstock_ID_1802064148 / Billion Photos // Virenvielfalt /shutterstock_ID_2457163611 / Fru // Virologen bei der Arbeit /shutterstock_ID_782843017 / Gorodenkoff
Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen
