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Mikroorganismen

Der Mikrokosmos als Welt der allerkleinsten Lebewesen ist zwar allgegenwärtig, bleibt aber vor unseren bloßen Augen verborgen. Wir können zwar große Ansammlungen ausmachen, die meistens aus vielen Millionen von ihnen bestehen, wie beispielsweise einen Schimmelüberzug oder einen Bakterienrasen; wir riechen, schmecken und nutzen ihre Stoffwechselprodukte, aber die einzelnen Organismen können wir nicht erkennen.

Dass Aufbau und Funktion der einzelligen Winzlinge erst in jüngster Zeit erforscht werden können, erklärt, warum diese Details nicht in biblischen Beschreibungen und Benennungen auftauchen. Da sie allerdings von größter Bedeutung für das Funktionieren der Schöpfung sind, wird ihnen in dieser Kategorie ein weiterer Beitrag gewidmet. In diesem Beitrag soll es lediglich um ihre Wirkungsweise zum Nutzen oder Schaden des Menschen gehen.

abgrenz:ende – Als «Mikroorganismen« werden Lebewesen bezeichnet, die mit dem bloßen Auge nicht mehr sichtbar sind. Sie lassen sich verschiedenen Reichen des Lebens zuordnen und ihr einziges verbindendes Merkmal ist die geringe Größe. Im Reich der ganz kleinen Dinge verschwimmen allerdings die Grenzen oft. Was es mit dem »Salatblatt« im Zentrum auf sich hat, wird im Beitrag über die Schnecken erläutert.

gär:ngenossen

Die Nutzung verschiedener Mikroorganismen zur Herstellung von Nahrungsmitteln begann schon sehr früh. In der Bibel wird die alkoholische Gärung zum ersten Mal erwähnt, als Noah sich mit selbstgekeltertem Wein betrinkt (1Mo 9,21). Von keiner anderen Art wurden mehr Organismen aktiv von dem Menschen genutzt als von den winzigen, runden Zellen der Back- / Bier- / Bäckerhefe (Saccharomyces cerevisiae). Die vielfältigen Produkte, die mit Hilfe von Hefen hergestellt wurden, werden in dem Band über die Pflanzen der Bibel ausführlicher vorgestellt. An dieser Stelle genügt ein kurzer Überblick über die biblische Terminologie und die zuzuordnenden biologischen Arten und Definitionen.

brot:trunk – Dieses Modell einer Bäckerei und Brauerei wurde etwa 2000 v. Chr. als Grabbeigabe angefertigt. In Ägypten war Bier, das aus Gerste, Weizen oder Emmer gebraut wurde, ein Hauptnahrungsmittel, und die Kombination aus festem und »flüssigem Brot« erfreut sich auch heute noch großer Beliebtheit.

Tatsächlich ist die Hefe der einzige Vertreter aus der Welt der allerkleinsten Wesen, der in der Bibel direkt erwähnt wird: das hebräische schemer (Ps 75,9; Jes 25,6; Jer 48,11; Zeph 1,12) steht in engem Zusammenhang mit Weinfässern und dem Gärprozess. Grundsätzlich lässt sich jeder Pflanzenbestandteil, der ausreichend Kohlenhydrate enthält, zu irgendetwas vergären. So bezeichnen das hebräische jajin (133x) und das griechische oinos (26x) in der Bibel den vergorenen Saft der Weinreben (Vitis), also den Wein.

Obwohl verschiedene Methoden zur Destillation schon seit der Jungsteinzeit bekannt waren und man sie auch in den Ländern der Bibel zur Herstellung ätherischer Öle nutzte, begann die Herstellung von Spirituosen (mit Alkoholgehalten von mehr als 15%) erst sehr viel später, um das 11. Jahrhundert herum. Daher, und weil es nicht nur vom Wein, sondern auch von den »Gewächsen des Weinstocks« deutlich unterschieden wird, geht man davon aus, dass es sich bei dem hebräischen schekar (20x) um Bier handelt. In den meisten deutschen Bibeln wird es inzwischen auch so übersetzt. Die ÜElb verwendet hier »starkes Getränk«, was im heutigen Sprachgebrauch missverständlich ist (weil man dabei eben doch eher an Spirituosen denkt). Im Neuen Testament wird das Wort in einem Zitat mit der griechischen Form sikera (Lk 1,15) wiedergegeben. Die sprachliche Verwandtschaft mit dem hebräischen schakar (=sich betrinken, 19x), schikkaron (=Trunkenheit, 3x) und schikkor (=Betrunkener, 13x) ist jedenfalls eindeutig. Die griechischen Entsprechungen sind methyo (=betrunken sein, 7x), und methysko (=sich betrinken, 3x), methe (=Trunkenheit, 3x) und oinophlygia (=Trinkgelage, 1Pet 4,3).

früh:kölsch – Dass im Alten Ägypten schon sehr früh Bier gebraut wurde, ist durch viele Darstellungen belegt, aber dass sie diese Praxis auch nach Kanaan brachten, lange bevor die Israeliten dort einzogen, ist erst seit kurzem bekannt. In Tel-Aviv wurde 2015 ein Komplex ausgegraben, den man in die frühe Bronzezeit (3.500 – 3.000 v. Chr.) datiert. Er enthält die typischen Vorrichtungen zum Maischen, Filtrieren und Abfüllen des Biers und chemische Analysen wiesen die Rückstände dieser Prozesse nach.

In einem weiteren Schritt können Erzeugnisse der alkoholischen Gärung durch Mikroben aus der Gattung der Essigbakterien (Acetobacter sp.) fermentiert werden. Während die alkoholische Gärung unter Ausschluss von Sauerstoff (anaerob) abläuft, vollzieht sich die darauffolgende Fermentation des Alkohols zu Essigsäure an der Luft. Da die Bakterien praktisch überall vorhanden sind, wird die Umwandlung von selbst in Gang gesetzt, wenn Wein, Bier oder alkoholhaltige Obstsäfte längere Zeit offen stehen – sie »werden sauer«. Während man bei der Weinherstellung alles tut, um diesen Prozess zu verhindern, wird Essig, vielleicht schon ebenso lange wie Wein, gezielt produziert, weil seine säuerliche Note in erfrischenden Getränken, aber ganz besonders auch als Bestandteil unzähliger Saucen und Würzmischungen hochgeschätzt wird. In der Bibel wird er mit dem hebräischen Wort chomes (6x) und dem griechischen oxos (5x) bezeichnet.

all:rounder – Es geht nicht nur um die Klassiker – ein trendiges Angebot an Superfood, Lifestyle-Supplements, Health-Booster und Longevity-Produkten verspricht mehr Geschmack, Energie und Gesundheit durch Einbeziehung von Fermentationsprozessen. Bemerkenswert ist allerdings, dass nahezu alle diese modernen Erzeugnisse, die mit kreativen Werbekampagnen an den Kunden gebracht werden, buchstäblich seit Urzeiten bekannt sind (Grafik nach Baruah et al.).

kultur:austausch

Außer den Hefen kamen auch Milchsäurebakterien (Lactobacillaceae) zum Einsatz. Im Sauerteig bilden sie oft eine Lebensgemeinschaft. Während die Bakterien den Teig säuerlich machen, indem sie Milchsäure und Essigsäure produzieren, führen die Hefen den gleichen Gärprozess durch wie im Wein und Bier – mit dem Unterschied, dass der dabei entstandene Alkohol durch die hohe Temperatur während des Backens fast vollständig wieder verdampft. Durch ihre Wirkung wird die Haltbarkeit und Verträglichkeit der Backprodukte verbessert, neue aromatische Noten kommen hinzu und der Teig wird durch Gasbildung aufgelockert. Das so Gebackene wird als chames (=Gesäuertes) bezeichnet, allerdings nur, wenn es in Verbindung mit den Festtags- und Opfervorschriften erwähnt wird. Wenn einfach von Brot (hebr. lechem, 232x; gr. artos, 93x) die Rede ist, handelt es sich fast immer um ein Produkt, an dessen Herstellung Hefen und Bakterien beteiligt waren.

Der Sauerteig wird auf Hebräisch se‘or (2Mo 12,15.19; 13,7; 3Mo 2,11; 5Mo 16,4) genannt. Genauer gesagt wird die pastöse Masse (das sogenannte »Anstellgut«), die dem Mehl zugefügt wird, so bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Dauerkultur, die gepflegt und weitergezogen wird. Weil die Mikroorganismen sich sehr schnell vermehren, kann man immer wieder Portionen abzweigen, um neuen Brotteig damit zu versetzen. Der Name leitet sich von scha‘ar ab, was »übrigbleiben« bedeutet, eben weil man nicht alles in den Backtrog gibt, sondern immer etwas zurückbehält.

hefen:helfen – Die Gasbildung, die den Teig auflockert und »gehen« lässt, lässt sich gut von außen beobachten. Was sich durch den Stoffwechsel der Mikroorganismen sonst noch alles verändert, macht sich erst am Geschmack der fertigen Backwaren bemerkbar.

Eine solche Kultur kann theoretisch endlos weitergezogen werden und es gibt viele Bäckereien, die mit jahrzehntealten (oder sogar jahrhundertealten!) Dauerkulturen arbeiten. Heute ist das möglich, weil sich eine Kultur unter fast sterilen, kontrollierten und strikt gleichbleibenden Bedingungen stabil verhält. Im Altertum war das nicht der Fall. Es kam vor, dass sich das Gleichgewicht der Mikroflora verschob und seine Eigenschaften nachteilig veränderte. Solange dies nur den Geschmack betraf, war das nicht weiter dramatisch. Wenn sich allerdings schädliche Keime darin festsetzten, konnte es gefährlich werden. Es war deshalb ein Gebot der Hygiene, den Sauerteig von Zeit zu Zeit zu verwerfen. Paulus bezieht sich darauf, wenn er schreibt: »Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid!« (1Kor 5,7 Einh).

well:pappe – Gesäuerte und ungesäuerte Brote enthalten die gleichen Zutaten. Ohne die Mitarbeit der Mikroorganismen haben die Matzen, wie die Juden die ungesäuerten Brotfladen nennen, allerdings kaum Aroma. Sie sind außerdem dünn, trocken und brüchig und werden deswegen, außer zur Zeit des Passafestes, kaum hergestellt und gehandelt.

Um die Kultur neu zu starten, wird eine Teigportion offen hingestellt, um neue Bakterien aus der Umgebung einzuladen. Das funktioniert nicht immer. Wenn sich die falschen Gäste darin niederlassen, verfault der Teig. Aber notfalls kann man sich mit Freunden und Nachbarn austauschen. Das wird heute noch gemacht und ein gut funktionierender »Hermann« kann sich sogar tausendfach verbreiten und ganze soziale Netzwerke »durchsäuern«. Vielleicht war der ein oder andere zu bequem für den ganzen Aufwand (»Also mir schmeckt das Brot noch …«), weshalb Gott anordnete, dass mindestens einmal im Jahr vor dem Passahfest in allen Haushalten neu gestartet werden musste. Dass diese Handlung darüber hinaus eine tiefe geistliche Bedeutung hat, nimmt von der hygienischen Funktion nichts weg. Wie so oft verbindet der Schöpfer Seine Lektion mit praktischem Nutzen für alle, die Seine Gebote befolgen.

sauer:stoff:vergiftung

Im Neuen Testament wird der Sauerteig mit dem griechischen Wort zyme (11x) bezeichnet und seine Ausbreitung im Teig als zymoo (=durchsäuern, 4x). Auf Latein heißt Sauerteig fermentum. Man hört gut heraus, dass die Fachbegriffe Enzym und Ferment, die beide einen biochemischen Katalysator bezeichnen, sich davon ableiten.

Der Herr Jesus nimmt in folgendem Gleichnis Bezug auf die beschriebene Praxis: »Das Reich der Himmel ist gleich einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war« (Mt 13,33; vgl. Lk 13,21). Er fügt keine ausdrückliche Deutung an und es gibt im Wesentlichen zwei konkurrierende Auslegungstraditionen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich des Verständnisses des inneren Zusammenhangs der »Himmelreichs-Gleichnisse« und der Heilsgeschichte.

Wer in der Durchsäuerung des ganzen Teigs die Ausbreitung des Evangeliums in der ganzen Welt versteht, sieht sich darin bestärkt, da dies tatsächlich angekündigt wird und zu beobachten ist: »Und dieses Evangelium des Reiches wird auf dem ganzen Erdkreis gepredigt werden, allen Nationen zum Zeugnis, und dann wird das Ende kommen« (Mt 24,14); »… bis an das Ende der Erde« (Apg 1,8; 13,47); »… in dem Wort der Wahrheit des Evangeliums, das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt Frucht bringend und wachsend ist …« (Kol 1,5.6); am Ende stehen vor dem Thron Gottes die erretteten Menschen als »eine große Volksmenge, die niemand zählen konnte, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen« (Offb 7,9).

Dem entgegen steht allerdings, dass das Evangelium gerade nicht von der ganzen Welt angenommen wird – nicht einmal von der gesamten Christenheit! Diese Unterscheidung würde man in diesem Kontext unbedingt erwarten. Schließlich gibt es im gleichen Kapitel gute und schlechte Fische, Weizen und Unkraut, Acker und Schatz – und nur auf einem von vier Böden Frucht. Das stärkste Gegenargument ist aber, dass der Sauerteig in der Bibel durchweg eine negative Bedeutung hat. Deshalb musste er vor dem Passahfest aus allen Häusern entfernt werden (2Mo 12,15.19) und durfte nicht in den Speisopfern enthalten sein (3Mo 2,11). Im Neuen Testament verwendet der Herr Jesus Sauer teig als Bild für: die Heuchelei der Pharisäer (Lk 12,1), den Unglauben und Rationalismus der Sadduzäer (Mt 16,6) und die Weltförmigkeit der Herodianer (Mk 8,15). Paulus benutzt dieses Bild für die Unmoral und Hurerei unter den Korinthern (1Kor 5,1.6.7) und die Gesetzlichkeit der Judaisten (Gal 5,9). Da wäre es mehr als ungewöhnlich, wenn Sauerteig in dem Gleichnis vom Reich der Himmel plötzlich die rettende Botschaft des Evangeliums darstellen sollte.

In den anderen Gleichnissen vom Reich der Himmel handelt ein Mann. Der Herr Jesus erklärt: »Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen« (Mt 13,37) – Er selbst ist also dieser Mann. Er ist auch in den nächsten Gleichnissen der Mensch, der den guten Samen sät (Mt 13,24), das Senfkorn sät (Mt 13,31), den Schatz findet (Mt 13,44) und die Perle sucht und kauft (Mt 13,45). Hier ist die Rede vom »Sauerteig, den eine Frau [!] nahm und heimlich [!] in drei Scheffel Mehl hineinmischte« (Mt 13,33 SB). Leider geben nur wenige Bibelübersetzungen wieder, dass hier ein sehr ungewöhnliches Wort (gr. enkrypto = verstecken) für das Untermischen des Sauerteigs verwendet wird. Ob die Frau einer konkreten Strömung oder Organisation und der Sauerteig einer bestimmten Lehre oder Geisteshaltung zugeordnet werden kann, lässt sich vielleicht erst ganz am Ende der »Kirchengeschichte« sicher sagen. Jedenfalls kann man in der Heilsgeschichte eine prophetische Linie erkennen, die am Ende einen fortschreitenden Niedergang der Christenheit, bis hin zum völligen Abfall und Gericht aufzeigt. So sehr es dem Willen Gottes entspricht, dass »alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen« (1Tim 2,4), so offensichtlich ist, dass dies nicht geschehen wird.

milky:ways

Die Milchsäurebakterien waren nicht nur bei der Verarbeitung von Getreideprodukten nützlich, sondern, wie ihr Name bereits andeutet, auch für die Veredelung einer Vielzahl von Milchprodukten. Leider ist es kaum möglich, die biblischen Bezeichnungen den heute üblichen Molkereiprodukten exakt zuzuordnen. Ob die Namen cheme‘a (9x), gebina (Hi 10,10) und schefot bakar (2Sam 17,29) Rahm, Sahne, Butter, Dickmilch, Joghurt oder Käse bezeichnet haben, bleibt offen. Sicher ist, dass die meisten Techniken sich bis in früheste Zeit zurückverfolgen lassen. Wahrscheinlich fand schon Abel, der erste genannte Hirte (1Mo 4,2), heraus, was sich mit der Milch seiner Tiere alles anstellen ließ.

Physikalisch betrachtet ist Milch eine Emulsion aus kleinen Fettkügelchen und einer wässrigen Lösung. Lässt man sie ruhig stehen, entmischen sich die beiden Phasen. Der leichtere Fettanteil wandert an die Oberfläche, wo er als Rahm abgeschöpft werden kann. Wird dieser Rahm durch kräftiges Schlagen »gebuttert«, brechen die Fettkügelchen auf und das Fett kann sich verbinden und zu einer geschmeidigen Streichfett-Masse zusammengeknetet werden – der Butter. Bevor es allerdings geeignete Maschinen (Zentrifugen, Mixer, Kühlaggregate) für diesen Vorgang gab, ließ man den süßen Rahm durch Milchsäurebakterien zu Sauerrahm fermentieren, der leichter zu verarbeiten ist. Unsere heutige Butter wird ungekühlt und ungesalzen bei Raumtemperatur (21 °C) nach spätestens drei Tagen ranzig – im warmen Klima des mittleren Ostens noch schneller. Die Sauerrahmbutter ist deutlich länger haltbar. Einen direkten Hinweis auf das Buttern finden wir in diesem Vers: »Denn schlägt man die Milch, so gibt es Butter« (Spr 30,33).

Da Rohmilch bei offener und ungekühlter Lagerung schnell verdirbt, ist wahrscheinlich in den meisten biblischen Erwähnungen von chalab (38x) (=«Milch«) von verarbeiteten Produkten wie Sauermilch, Dickmilch, Sauerrahm, Joghurt oder Quark die Rede. Nur die Erwähnung von »zehn Schnitten Milchkäse« – schefot bakar (2Sam 17,29) lässt erkennen, dass das Produkt, von dem hier die Rede ist, so fest war, dass es geschnitten werden konnte – weshalb wir es wohl heute als »Käse« bezeichnen würden.

molken:himmel – Das Bild zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus einer unübersehbaren Vielfalt von Milchprodukten. Was davon bereits in biblischer Zeit hergestellt wurde, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Fest steht aber, dass der Mensch seit jeher neugierig und experimentierfreudig ist – besonders wenn es darum geht, neue Geschmacksnoten zu kreieren, und ausgefallene Kombinationen bekannter Zutaten und Prozesse auszuprobieren.

taumel:lolch

Zu den schädlichen Mikroorganismen zählt ein unscheinbarer Pilz, der erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt und beschrieben wurde. Bei Epichloë coenophiala handelt es sich um einen »systemischen Endosymbionten«. Das bedeutet, dass dieser mikroskopisch kleine Pilz nur innerhalb der Zellen seiner Wirtspflanze lebt und durch ihre Samen weitergegeben wird. Als selbstständiges Lebewesen »in freier Wildbahn« kommt er also gar nicht vor. Er produziert verschiedene Alkaloide, die sich in seiner Wirtspflanze Lolium temulentum anreichern. Der Gattungsname Lolium bezeichnet Lolch, ein einjähriges Süßgras, der Zusatz temelentum leitet sich vom lateinischen temulare – betrunken sein – ab. Die deutschen Bezeichnungen Taumel-Lolch, Rauschgras, Tobkraut, Tollgerste oder Tollkorn lassen nichts Gutes erahnen: Menschen und Tiere, die davon essen, taumeln anschließend wie betrunken umher. Was man anfangs noch für lustig halten könnte, handelt sich allerdings um eine Vergiftungserscheinung. Je nach aufgenommener Menge kommen Erbrechen und Krämpfe mit Tobsuchtsanfällen dazu. Obwohl es keine exakte Bestimmung der Giftigkeit (akute Toxizität, LD50) des verantwortlichen Wirkstoffs Temulin / Norlolin gibt, vermutet man, dass bereits wenige Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht zum Tod durch Atemlähmung führen.

Die furchtbare Wirkung dieses giftigen Unkrauts war schon im Alten Ägypten bekannt und man achtete darauf, es vor der Ernte aus den Getreidefeldern zu entfernen. Seine hebräische Bezeichnung findet sich schon im ältesten Buch der Bibel: »so mögen Dornen statt Weizen und Unkraut statt Gerste hervorkommen!« (Hi 31,40). Wie die meisten natürlichen Gifte verströmen auch die Pilzprodukte im Lolch einen intensiv-säuerlichen Geruch und warnen damit vor dem Verzehr desselben. Das ist wahrscheinlich der biologische Nutzen dieser Symbiose für die Pflanze – der Pilz schützt sie so davor, gefressen zu werden. Jedenfalls leitet sich bo’scha, der hebräische Name für »Unkraut«, von bo‘esch ab, was »Gestank« bedeutet und den Lolch als »Stinkgras« kennzeichnet.

gleich:gras – Der Vergleich zwischen Lolch und den Kulturgräsern zeigt, dass sich gerade die Jungpflanzen (vor der Ausbildung der typischen Frucht) zum Teil kaum unterscheiden.

Im Neuen Testament bekommt das Gleichnis vom Unkraut im Acker (Mt 13,24-30) eine tiefergehende Bedeutung, wenn man sich bewusst macht, dass es sich bei diesem Unkraut, mit der griechischen Bezeichnung zizanion, ebenfalls um den Taumel-Lolch handelte. Das Herauslesen der giftigen Gewächse war also nicht bloß eine Frage der Optik oder effektiverer Nutzung der Anbaufläche, sondern dämmte eine echte Gefahr ein. Eine weitere Eigenschaft des Taumel-Lolches, die sich in den deutschen Bezeichnungen Trugweizen, Schwindelweizen oder »falscher Weizen« widerspiegelt, macht die Sache noch komplizierter: Er lässt sich vom echten Weizen nur schwer unterscheiden. Erst, wenn der Weizen die Ähren ausbildet, die viel größer werden als die kurzen Rispen des Lolchs, ist der Unterschied offensichtlich. Das Gleichnis zeigt mehrere Aspekte auf, die kennzeichnend für das »Königreich der Himmel« sind – also dem Teil der Menschheit, die sich Christen nennen und damit ausdrücken, dass sie die Herrschaft von Jesus Christus anerkennen. Wie auch andere Gleichnisse zeigen, findet sich hier beides: wahre Gläubige (Weizen) und »Namenschristen« (Lolch). Wie beim Gleichnis vom großen Fischernetz wenige Verse später (Mt 13,47.48) wird erst am Ende Auslese gehalten. Deutlicher als in allen anderen Gleichnissen wird hier die Rolle des Widersachers beschrieben. Das Unkraut ist dort nämlich nicht zufällig gewachsen, sondern: »der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel« (Mt 13,39). Genial an dem natürlichen Bild ist, dass der Weizen an seinen vollen Ähren erkannt und vom Teufelskraut unterschieden werden kann, denn das »an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen« (Mt 7,16.20; vgl. Lk 6,43.44) ist ein biblisches Prinzip.

saat:anisch – Zum »Gleichnis vom Unkraut im Acker« gibt es eine Reihe eindrucksvoller historischer Gemälde und Illustrationen. Diese Grafik eines unbekannten Künstlers aus der englischen Schule des 17. Jahrhunderts legt den Fokus auf den Feind, der nachts den schädlichen Samen verstreut. Dieser Vorgang bildet eine Parallele zu dem Verstecken des Sauerteigs (Mt 13,33). Der zweite Teil des Gleichnisses bildet dann eine Parallele zum Gleichnis vom Fischernetz, wo am Ende Echte und Unechte unterschieden und getrennt werden.

aussatz:thema

Über »Aussatz in der Bibel« sind unzählige Abhandlungen verfasst worden. Da dieser Themenkomplex auch die Wirkungsweise von Mikroorganismen beinhaltet, darf er an dieser Stelle nicht fehlen. Andererseits haben wir es mit einem allgemeinen Prinzip zu tun, dem sich konkrete biologische Organismen als Auslöser der Symptome und Schädigungen des hebräischen zara‘at kaum zuordnen lassen. Das griechische Wort lepra klingt zwar vertraut, aber ganz so einfach ist es leider nicht …

Alle Erscheinungsformen von Aussatzübeln teilen diese beiden Merkmale: Sie treten auf Oberflächen auf und sind damit äußerlich sichtbar, und sie breiten sich aus und greifen um sich. Bleibt nur noch ein drittes Merkmal zu klären: Ist das Übel infektiös? – das heißt: Verunreinigt es auch andere Menschen oder Gegenstände? Wenn auch dieses Kennzeichen zutrifft, handelt es sich tatsächlich um »Aussatz«, der nicht wieder von selbst verschwindet. Die ausführliche Beschreibung der verschiedenen Ausprägungen diente im Wesentlichen dazu, den tatsächlichen Aussatz von Dingen wie zum Beispiel der Schuppenflechte (Psoriasis) und Haarausfall in Bezug auf den Menschen oder Rost, Kupferpatina, Kalk- und Salpeterausblühungen und ähnliches im Fall von Materialien zu unterscheiden. Die »Symptome« sind nämlich auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich.

aus:satz – Da es keine Therapie für den Aussatz gab, erregte es größtes Aufsehen, als der Herr Jesus einen Aussätzigen heilt (Mt 8,1-4; Mk 1,40-45; Lk 5,12-16). Er dokumentierte damit, dass Er in die Welt gekommen ist um das zu bewirken, was das Gesetz nicht bewirken konnte – Vergebung der Sünden und Versöhnung mit Gott: »Denn was dem Gesetz unmöglich war … das tat Gott, indem er seinen Sohn sandte …« (Röm 8,3). In dem Bild hat der niederländische Maler Rembrandt (1606-1669) das Heilungswunder dargestellt.

Aussatz ist in der Bibel ein Prinzip, das die gesamte gefallene Schöpfung durchzieht. Obwohl er nur an der Oberfläche sichtbar wird, weist er auf ein tieferliegendes Problem hin, für das es natürlicherweise keine Lösung und Heilung gibt – den verdorbenen Kern – und führt am Ende zum Tod und vollständigem Zerfall. Es lässt sich unschwer erkennen, dass damit die Wirkungsweise und Natur der Sünde symbolisiert wird. Sünde hat eine moralische Ursache und betrifft nur Menschen und das, was auf den Willen des Menschen zurückzuführen ist – zum Beispiel seine Werkzeuge, Haushaltsgeräte, Kleider und Gebäude. Dieser Aspekt betrifft den Rest der Schöpfung nicht. Tiere und Pflanzen werden nicht mit Aussatz in Verbindung gebracht, obwohl natürlich auch sie, wie die ganze Schöpfung unter den Folgen der Sünde »mitseufzen« (Röm 8,20-23).

central:gap – Obwohl das Problem des Aussatzes ausführlich in der Torah behandelt (3Mo 13) und im nächsten Kapitel auch beschrieben wird, was der vom Aussatz Geheilte tun sollte (3Mo 14) – sagt es nichts darüber, WIE man geheilt werden konnte. tatsächlich gab es keinen natürlichen Weg zur Heilung (Lk 4,27). Es gibt also mitten im Gesetz offensichtlich eine gravierende Lücke. Dass hier etwas Entscheidendes fehlt, wird im Neuen Testament bestätigt: »Das Gesetz, so wie es uns von Mose übergeben wurde, konnte uns nicht ans Ziel bringen und mit Gott versöhnen« (Heb 7,18 Hfa).

Soweit bisher bekannt, erfüllt keine spezifische Krankheit alle Kriterien, um dem biblischen Aussatz zugeordnet werden zu können. In Anbetracht der im Orient verbreiteten pathogenen Keime wird meistens auf Mycobacterium leprae verwiesen. Dieser Erreger ist dort seit dem frühen Altertum nachgewiesen und löst beim Menschen Lepra (Hansen-Krankheit, Morbus Hansen) aus. Das schien ein passender Kandidat zu sein, denn zum einen entspricht es der griechischen Bezeichnung lepra, und zum anderen wurde Lepra seit dem frühen Mittelalter in Deutschland als »Aussatz« bezeichnet. Das lag daran, dass Betroffene »ausgesetzt« wurden – sie mussten ihr klägliches Dasein in isolierten Quarantänebezirken fristen. Diese Praxis stimmt zwar mit den biblischen Berichten überein, aber die Symptome der Hansen-Krankheit decken sich nicht mit allen genannten Kennzeichen im »Priesterhandbuch« Levitikus. Da selbst die ausführlich beschriebene Symptomatik des Aussatzes sich nicht eindeutig mit heute beschriebenen Krankheitsbildern übereinbringen lässt, kann man erahnen, wie schwierig das für Erkrankungen ist, von denen uns nur ein Name vorliegt. Tatsächlich ist aber die Anzahl der Erreger, die den Menschen schon seit alter Zeit befallen, glücklicherweise recht überschaubar.

gift:zwerge – Mit den Bakterien ist es dasselbe, wie mit den Viren – es gibt nicht viel zu sehen. Man kann die Mikrofotos zwar mit spacigen Glow-Effekten aufhübschen, aber das ändert nichts daran, dass selbst ein berüchtigter Bösewicht wie Mycobacterium leprae als winziges, langweiliges, unbewegliches, abgerundetes, leicht gebogenes und buckliges Stäbchen erscheint.

meuchel:seuchen

Die aktuell tödlichste Infektionskrankheit ist die Tuberkulose, an der jedes Jahr etwa 10 Millionen Menschen erkranken und mehr als eine Million Menschen sterben. Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung trägt den Erreger Mycobacterium tuberculosis im Körper. Zum Glück bleibt er meistens unbemerkt und löst sein hässliches Krankheitsbild überwiegend bei immungeschwächten und vorerkrankten Patienten aus. Er taucht bereits in den frühesten Fundhorizonten auf und begleitet die Menschheit, soweit wir zurückschauen können. Schon die alten Griechen bezeichneten die Krankheit gemäß ihrer auffälligen Symptomatik – Appetitlosigkeit und extreme Abmagerung – als phthisis (= Dahinschwinden), im Deutschen wurde sie als »Schwindsucht« bezeichnet. Die hebräische Bezeichnung schachefet (3Mo 26,16; 5Mo 28,22) bedeutet ebenfalls »Abmagerung« (vgl. den Namen schachaf = »die Schlanke«, für die Möwe). Man ist sich einig, dass an diesen beiden Stellen tatsächlich die Tuberkulose zugeordnet werden kann.

divide-te:et:impera – Hier sieht man den Killer Nr. 1 – das Mycobacterium tuberculosis. Die einzelnen Bakterien liegen so dicht beieinander, weil sei unbeweglich sind und sich unablässig durch Teilung vermehren. Glücklicherweise gehören sie, mit einer Teilungsdauer von 16-20 Stunden, zu den langsam wachsenden Keimen. Das macht es dem Immunsystem leichter, sie zu bekämpfen. Da die Teilung symmetrisch verläuft, lässt sich in einer wachsenden Kultur weder Individualität noch ein Eltern-Nachkommen-Verhältnis definieren. Deswegen gelten sie als »potenziell unsterblich«. Doch obwohl ein einzelner, isolierter Mikroorganismus zwar, bei sehr tiefen Temperaturen eingefroren, fast beliebig lange weiterlebt, stirbt auch er irgendwann.

Das griechische Wort dysenteria (Apg 28,8) be zeichnete Durchfallerkrankungen, die bis heute Dysenterie genannt werden und im Deutschen als Formen der »Ruhr« bekannt waren. Da im Bericht des Lukas (der als Arzt fachkundig war) als Begleitsymptom auch Fieber erwähnt wird, wird es sich wahrscheinlich um die Bakterienruhr gehandelt haben. Sie wird durch Shigella dysenteriae ausgelöst, einen Erreger, der meistens mit dem Trinkwasser aufgenommen wird, das durch Fäkalien verunreinigt ist. Eine andere Form der Ruhr wird durch Amöben ausgelöst, wobei Fieber aber eher untypisch ist. Die Bibel nimmt nicht für sich in Anspruch, einen vollständigen Überblick der damals verbreiteten und bekannten Krankheiten zu liefern. Im Gegenteil, es heißt sogar ausdrücklich: »Und die in diesem Buch genannten Krankheiten und Seuchen sind bei weitem nicht alles …« (5Mo 28,61 Hfa). Es ist schön zu sehen, dass die Bibel nicht nur die zerstörerischen Auswirkungen von Krankheiten beschreibt, sondern immer wieder betont, dass die ganze Schöpfung (inklusiv aller Viren, Bakterien und sonstiger Mikroorganismen) völlig unter der Kontrolle ihres Schöpfers steht: »Ich allein bin Gott, und es gibt keinen außer mir. Ich ganz allein bestimme über Tod und Leben, über Krankheit und Gesundheit. Niemand kann euch meiner Macht entreißen« (5Mo 32,39 Hfa). Eine der mutmachendsten Selbstbeschreibungen Gottes lautet: Jahwe-Rofecha – »… ich bin der Herr, dein Arzt!« (2Mo 15,26 SB).

sauber:männer – Die Israeliten durften zwar im Krieg Menschen, Tiere und Güter erbeuten, aber es galten strenge Regeln. Weibliche Gefangene mussten Jungfrauen sein. Alle Stoffe und Gegenstände mussten mit einer (stark alkalischen und abrasiven) Aschelösung gereinigt und Metalle zusätzlich im Feuer erhitzt werden. Für die zurückkehren den Krieger und ihre Gefangenen galt eine Quarantäne von sieben tagen, nach deren Ablauf sie sich gründlich waschen mussten (4Mo 31,13-24). Aus heutiger Sicht sind das alles sinnvolle Hygienemaßnahmen, zum Schutz vor den Krankheiten anderer Völker.

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Bildnachweis:

Wikipedia: ägyptisches Modell einer Brauerei und Bäckerei / Keith Schengili-Roberts // Mycobacterium tuberculosis / Janice Carr

andere Lizenzen: Mikroorganismen Titel (Petrischale mit Kulturen) /shutterstock_ID_2387844591 / Billion Photos // Schüssel mit gehendem Hefeteig /shutterstock_ID_2250391241 / New Africa // Weizenbrot mit und ohne Sauerteig /shutterstock_ID_2496446611 / kaushikg // KI-Bild: eine Frau versteckt Sauerteig // Vielfalt der Milchprodukte /shutterstock_ID_1747036457 / margouillat // KI-Bild: Central-gap // Mycobacterium leprae /shutterstock_ID_2433754835 / nobeastsofierce // KI-Bild: Hygienevorschriften im Krieg, Eroberungsszene

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