Wie die Schnecken im vorigen Kapitel gehören auch die Muscheln nicht auf die Speisekarte der Israeliten. In der griechischen und römischen Küche spielten sie ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle und tauchen daher nur in Verbindung mit ihren kostbaren und exotischen Produkten in der Bibel auf.
Bei der Unterscheidung von Schnecken und Muscheln hilft dieser Merksatz: Die Schnecke trägt ihr Haus, die Muschel lebt im Doppelhaus. Während Schnecken also ein einziges, meist spiralförmig gewundenes Gehäuse (Schneckenhaus) mit sich herumtragen (oder sogar ohne Haus leben), haben Muscheln ein Gehäuse aus zwei Schalenhälften (= Doppelhaus), die wie ein Klappdeckel verbunden sind, und leben meist fest angeklebt oder eingegraben. Dazu kommt, dass es Muscheln nur unter Wasser gibt, während einige Schnecken landlebend sind.
see:seide
Muscheln, die küstennah in der Gezeiten- und Brandungszone leben, müssen mit den starken Scherkräften des tosenden Wassers zurechtkommen. Zu diesem Zweck stoßen einige Arten ein Sekret aus, das zu einem sehr stabilen Haftfaden aushärtet. Die Muschel verankert sich damit so fest am Untergrund, dass sie der Gewalt der Wellen standhält, ohne davongespült zu werden. Diese Fasern wurden schon früh im Altertum geerntet und zu Muschelseide oder Byssus verarbeitet. Man muss nicht unbedingt südlichen Meeren auf den Grund gehen, um echte Muschelseide zu finden. Die Gemeine Miesmuschel (Mytilus edulis), die man an der Nordseeküste massenhaft findet, verwendet das gleiche Material. Ihr reichen allerdings kurze Fäden, um sich mit der Kolonie zu verknüpfen. Beliebtester Lieferant war die Edle Steckmuschel (Pinna nobilis), bei der die Ernte sich lohnt. Aus einer Steckmuschel lassen sich maximal zwei Gramm des begehrten Stoffes gewinnen, bestehend aus etwa 20.000 feinen Fasern von bis zu 25 Zentimetern Länge. In mühsamster Arbeit wurde daraus ein goldglänzender, dünner, dehnbarer, reißfester und haltbarer Faden gesponnen, aus dem sich herrliche Stoffe weben ließen. Für die Produktion von einem Kilogramm reiner Muschelseide mussten 4.000 Muscheln gesammelt werden.
Die hebräische Bezeichnung schesch wird mit Byssus übersetzt. Ein gewisses Problem aller besonderen Luxusgüter ist allerdings, dass sich billigere Nachahmerprodukte mit glanzvollen Markennamen schmücken. So wurde auch »Byssus« in einem allgemeineren Sinn gebraucht, um feine Gewebe aus Baumwolle oder Leinen zu bezeichnen, die »byssusmäßig gut« erschienen. Bei der Anfertigung der Stiftshütte und ihrer Textilien wurden allerdings tatsächlich die besten verfügbaren Materialien verarbeitet. Hier wird die genaue Bezeichnung schesch ma-schasar – gezwirnter Byssus verwendet. Dahinter verbirgt sich echte Muschelseide! Betrachtet man diesen herrlichen Stoff mit seinem weiß-goldenen Glanz, erkennt man darin ein sehr treffendes Symbol für die göttliche Vollkommenheit und Reinheit des Herrn Jesus. In dieser Hinsicht ergänzt es die anderen Materialien eines bemerkenswerten Quartetts.

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In manchen Muscheln verbirgt sich ein weiteres kostbares Luxusgut – Perlen! Sie waren seit jeher begehrt und wurden zu hohen Preisen gehandelt. Unzählige Perlentaucher riskierten (und verloren oft!) ihr Leben bei den gefährlichen Tauchgängen nach den glänzenden Kügelchen aus Perlmutt. Die Mehrzahl der Perlen, die in der antiken Welt im Umlauf waren, wurde von Perlenfischern am Persischen Golf heraufgeholt und den Gehäusen der Großen Seeperlmuschel (Pinctada margaritifera) oder der Gestreiften Perlmuschel (Pinctada radiata) entnommen. In einem Bericht aus dem Jahr 1880 heißt es, dass entlang der »Piratenküsten« von Bahrain bis zur Mündung des Golfs in der Saison täglich etwa 30.000 Perlentaucher loszogen, um die glänzenden Kleinode zu erbeuten. Wenige Jahre später fand der Japaner Kokichi Mikimoto heraus, wie sich Perlen künstlich züchten ließen, und leitete damit das Ende der Perlenfischerei ein.

Wie die Perlen in der Natur entstehen, ist noch nicht vollständig erforscht. Früher ging man davon aus, dass Sandkörner oder andere Fremdkörper in die Muschel gelangen und in Perlmutt eingekapselt werden. Heute denkt man eher, dass diese Reaktion durch Parasiten, die sich in die Muschel einbohren, oder andere äußere Verletzungen ausgelöst wird. Wie auch immer es funktioniert – die Kunstperlenzüchter wissen sehr genau, wo und wie sie das Gewebe der Muscheln zur Bildung von Perlen anregen können. Durch die Kunstperlenzucht ging einerseits ein traditionsreiches Gewerbe zugrunde, andererseits können sich nun sehr viele Menschen Perlen leisten; zumal die genannten Arten wahrscheinlich durch immer intensivere Perlenfischerei inzwischen ausgerottet worden wären.
Auf Hebräisch wird die Perle ra’ma genannt, was sich von ra’am ableitet und »die Erhabene« bedeutet. Das bezieht sich vielleicht auf den außerordentlichen Wert, der auch in diesem Vers anklingt: »Und wer Weisheit hat, besitzt mehr als Perlen« (Hi 28,18 Zü). Vielleicht hat der Name aber auch eine beschreibende Funktion in Anspielung auf die charakteristische Erhöhungen der glatten Perlmuttfläche auf der Muschelinnenseite. In einem anderen Vers werden Perlen zusammen mit weiteren Luxusgütern genannt, die von den Phöniziern gehandelt wurden: »Aram war dein Einkäufer wegen der Menge deiner Erzeugnisse: Für Halbedelsteine, roten Purpur und bunte Stoffe und Byssus und Perlen und Edelsteine lieferte man deine Waren« (Hes 27,16 Zü). Auf Griechisch werden Perlen als margarites (8x) bezeichnet.

reiz:wort
Neben vier Versen, in denen Perlen für Luxus und ungezügelte Prunksucht stehen (1Tim 2,9; Offb 17,4; 18,12.16), gibt es noch drei weitere Zusammenhänge, in denen sie erwähnt werden. Der Herr Jesus fordert uns auf, zu unterscheiden, mit welchen Menschen wir welche (geistlichen) Inhalte teilen: »Gebt nicht das Heilige den Hunden; werft auch nicht eure Perlen vor die Schweine, damit sie diese nicht etwa mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen« (Mt 7,6). Mit »Hunden« und »Schweinen« sind hier Menschen gemeint, die Gott ablehnen und über Glaubensinhalte spotten.
Zweifellos haben Menschen, die zu Jesus gehören, eine Botschaft, die jedem gilt: das Evangelium. Der Aufruf an Jesus zu glauben, Ihm die Sünden zu bekennen und sich so vor Gottes Gericht erretten zu lassen, muss allen Menschen weitergesagt werden, egal, wie ablehnend sie vielleicht reagieren. Der Herr Jesus hat, wie auch viele Propheten vor Ihm, immer wieder öffentlich zur Umkehr aufgerufen und vor dem Gericht gewarnt. Vieles lehrte Er aber auch nur im Kreis Seiner Jünger und die Bedeutung Seiner Gleichnisse erfuhren nur sie (zum Beispiel in Mt 13,34.36). Die »Endzeitrede« mit einem Blick in die ferne Zukunft (Mt 24) hörten nur die Jünger und Seine Abschiedsworte konnte Er erst an sie richten, nachdem Judas, der nicht an Ihn glaubte, gegangen war (Jh 13,30). Im Gleichnis vom Schleppnetz wird diese Unterscheidung ebenfalls gemacht. Das Evangelium bringt zwar »von jeder Art« zusammen, aber die Menschenfischer sollen sich am Ende nur mit denen weiter beschäftigen, die den Glauben annehmen.
Mit internen Dingen der Gemeinde, spezifisch christlichen Werten (zum Beispiel Themen wie Ehe, Familie und Erziehung), der Zukunft, so wie Gott sie uns in der Bibel offenbart, oder Ereignissen, die nur im Glauben erfasst werden können (wie die weltweite und gleichzeitige Entrückung der Gläubigen), liefern wir Menschen, die sie nicht verstehen können, Anlass zu Spott und vielleicht sogar Anfeindung. Nur wer an Jesus glaubt, hat den Heiligen Geist und ist in der Lage, diese Dinge zu begreifen, denn: »Der Mensch kann mit seinen natürlichen Fähigkeiten nicht erfassen, was Gottes Geist sagt. Für ihn ist das alles Unsinn, denn Gottes Geheimnisse erschließen sich nur durch Gottes Geist« (1Kor 2,14 HfA).
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Ihren prominentesten Auftritt hat die Perle in diesem Gleichnis: »Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht; als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie« (Mt 13,45.46). Im Zusammenklang mit den anderen Gleichnissen vom Reich der Himmel ist deutlich zu erkennen, dass der Kaufmann nur der Herr Jesus sein kann. Er ist derjenige, der reich war und für uns arm wurde (2Kor 8,9), der Sein Leben gab, um uns zu kaufen (Mt 20,28; 1Kor 6,20; Gal 3,13; Offb 5,9 uva.) und damit den höchstmöglichen Preis bezahlte.

Der Kaufmann versteht etwas von seinem Geschäft – so wie der Herr Jesus der Einzige ist, der den Wert einer Sache wirklich einschätzen kann. Er »ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist« (Lk 19,10). Allerdings liegt der Fokus hier nicht auf dem Kaputten und Verlorenen, das gerettet werden muss, sondern auf dem passend Gemachten und Wunderschönen, an dem Er seine Freude hat. Jeder einzelne Gläubige darf dieses Bild auf sich persönlich anwenden: Er ist dem Ursprung nach ein bösartiger Fremdkörper oder Parasit, der Schmerzen verursacht. Aber in einem erstaunlichen Prozess wird er in etwas Wunderschönes und Kostbares verwandelt. Von außen sehen viele perlenbildende Muscheln unscheinbar aus. Die typischen Perlaustern sind bucklig, graubraun, fleckig und mit Algen und Seepocken be wachsen. Aber in ihrem Innern tragen sie oft eine unfassbar wertvolle Perle. Um sie zu gewinnen, muss die Muschel aufgebrochen werden, was sie das Leben kostet. Dadurch ist schon die Perle an sich ein Bild für den Erlösungsweg »durch Leiden zur Herrlichkeit« (Heb 2,10).

Eine noch tiefergehende Bedeutung wird sichtbar, wenn man bedenkt, dass die besonderen Merkmale der Perle in ihrer Einheit und Einzigartigkeit bestehen. Alle anderen Schätze – Gold, Silber, Edelsteine, Korallen – können fast beliebig zerteilt werden und verlieren dadurch nicht an Wert. Eine Perle dagegen verliert ihren besonderen Glanz (Lüster) und ihren Wert, wenn man sie zerteilt. Deswegen ist die eine Perle ein besonders treffendes Bild für die Einheit und Gesamtheit aller Gläubigen, die in der Bibel als »Versammlung« oder »Gemeinde Gottes« bezeichnet wird, und von der es heißt, dass »Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat« (Eph 5,25).
perlen:glanz
Wenn am Ende der Bibel die »verherrlichte Versammlung« beschrieben wird, so wie sie in der Ewigkeit erscheint, darf auch der seidige, irisierend schimmernde Glanz der Perlen nicht fehlen: »Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, jedes einzelne der Tore war aus einer Perle, und die Straße der Stadt war reines Gold, wie durchsichtiges Glas« (Offb 21,21). Das ist überirdisch! Man hat bis heute keine Perle züchten können, die mehr als 2,5 Zentimeter Durchmesser hat. Ganz selten findet man unregelmäßig geformte Gebilde aus dem gleichen Material, die erheblich größer sind, wie die »Perle von Puerto«. Aber einzelne Perlen, aus denen man ganze Stadttore anfertigen könnte, gibt es definitiv nicht, genauso wenig wie Gold, das durchsichtig ist wie Glas. Doch wir befinden uns hier nicht mehr im Universum, sondern im Himmel; nicht mehr in der Zeit, sondern in der Ewigkeit, einer anderen Dimension. Hier trifft alles in Vollendung und gleichzeitig zu: strahlendes Licht, seidiger Glanz, vollkommene Herrlichkeit und absolute Transparenz.

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Mit den »Gleichnissen vom Reich der Himmel« (Mt 13) entfaltet der Herr Jesus einen heilsgeschichtlichen Über blick der Christenheit. Das einleitende Gleichnis vom Sämann und den vier verschiedenen Böden zeigt in allgemeiner Weise, wie Gottes Wort (Same) in der Welt (Acker) verkündet und von Menschen (»Herzensböden«) aufgenommen wird.
Die nächsten drei Gleichnisse zeigen die äußere Entwicklung der Christenheit, die von Satan und seinen Dämonen (sein Feind, die Vögel des Himmels, eine Frau) von Anfang an durch lehrmäßige und moralische Verdrehungen angegriffen wird. Das macht es nötig, zu unterscheiden (zwischen Unkraut und Weizen). Am Ende führt dies zum völligen Verfall (»ganz durchsäuert«). Die endzeitliche Prophetie lässt das Gericht über die abgefallene Christenheit erkennen (Offb 17.18), das stattfindet, nachdem die Gläubigen von der Erde genommen wurden (Entrückung: 1Thess 4,16.17).
Die letzten drei Gleichnisse zeigen den inneren Wert der Christenheit – errettete Menschen, die als »Volk Gottes« auf der Erde sind. Dieser Schatz des echten Glaubens wird, fast wie etwas Überraschendes, entdeckt (Mt 8,10; Lk 18,8). Sein Wert bleibt zunächst noch verborgen. Die Perle dagegen wird gezielt gesucht. Während der Schatz eher die Vielzahl und Vielfalt der Gläubigen darstellt, zeigt die Perle ihre Einheit als »Versammlung Gottes«. Die Freude darüber war ein starker Beweggrund für den Herrn Jesus, das Kreuz zu erdulden (Heb 12,2; »verkauft alles, was er hat«) um den Acker (mit dem Schatz) und die Perle zu kaufen (1Kor 6,20; 7,23; Offb 5,9).
Während der Weizen und das Senfkorn auf Seinen Acker (Mt 13,24.31) gesät werden, wobei man an Israel denken kann (das Seine: Jh 1,11), mit dem die Entwicklung begann, ist der Schauplatz der letzten beiden Gleichnisse das Meer – ein Bild der anderen Völker. Die aufeinanderfolgenden Gleichnisse sind außerdem dadurch verbunden, dass eine gleiche oder ähnliche Handlung im Vordergrund steht.

Quellennachweis:
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Gim, J; Koch, A; Otter, LM: The mesoscale order of nacreous pearls. Proceedings of the National Acadademy of Science (PNAS) 2021; (42):e2107477118; doi: 10.1073/pnas.2107477118 (2021).
Heading, J: Was die Bibel lehrt: Matthäus (S. 151). Dillenburg (CV) 1997
Heßling, T von: Die Perlmuscheln und ihre Perlen naturwissenschaftlich und geschichtlich (S. 47-75). Leipzig (Engelmann) 1859
Maeder, F: Sea-silk in aquincum: first production proof in antiquity. Purpureae Vestes 2008; Textiles and Dyes in Antiquity; S. 109-118.
Pasche, D: Sea Silk. Dissertation TU Berlin, 2019
Remmers, A: Die kostbare Perle. Ermunterung und Ermahnung 1996; 50:296-298; https://www.soundwords.de/die-kostbare-perle-a206.html
Rouw, J: Edelsteine erzählen ihr Geheimnis (S. 43-50) Hückeswagen (CSV) 1978 Smith, C: Treasures from the Sea. Sea Silk and Shellfish Purple Dye in Antiquity. International Journal of Nautical Archaeology 2018; 47(1):237-240; doi: 10.1111/1095-9270.12283
Bildnachweis:
Wikipedia: Flussperlmuschel mit Perle / Zircon056
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Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen
