Sie leben versteckt, sind meist gut getarnt, flink und scheu. Sie schaden dem Menschen nicht, noch stören sie ihn. Da sie außerdem nicht gegessen werden durften, spielten sie weder kulturell noch wirtschaftlich eine besondere Rolle und zählen zu den »Kleinen der Erde« (Spr 30,24). Erst in neuerer Zeit begeistern sich immer mehr Leute für Echsen.
Neben dem Chamäleon, das im nächsten Kapitel unter die Lupe genommen wird, leben 42 Echsenarten im heutigen Israel. Obwohl sie durch das warme Klima und die vielfältige Landschaft überall verbreitet sind und geeignete Habitate finden, werden sie in der Bibel in nur drei Versen erwähnt. Doch immerhin werden sechs verschiedene hebräische Namen genannt. Dass diese allerdings nur jeweils einmal vorkommen, macht die Zuordnung zu biologischen Artnamen nicht gerade einfach. Da die Wortwurzeln im Hebräischen aber meistens gut erkennbar bleiben und die Eigenschaften der möglichen Kandidaten bekannt sind, lässt sich das Puzzle mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit auflösen. Die ersten beiden Verse mit den ersten fünf Namen stehen in den Speisevorschriften: »… und die Eidechse [zav] nach ihrer Art und die Anaka und der Koach und der Letaah und der Chomet …« (3Mo 11,29.30). Etwas aufschlussreicher ist eine weitere Erwähnung in den Sprüchen: »Die Eidechse [semamit] kannst du mit Händen fangen, und doch ist sie in den Palästen der Könige« (Spr 30,28).

dorn:schwanz
Die erste Bezeichnung, die in dem zitierten Bibelvers (ÜElb) mit »Eidechse« übersetzt wurde, lautet auf Hebräisch zab. Das gleiche Wort bedeutet ebenfalls »Überdachung / Überdeckung« (4Mo 7,3; Jes 66,20). In der LXX wurde es mit dem griechischen Wort krokodeilos übersetzt, was sich selbst erklärt. Nun ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass zu den kleinen Tieren »die auf der Erde wimmeln« ein drei bis vier Meter langes Nilkrokodil (Crocodylus niloticus) zählt, das zudem im Nahen Osten (abgesehen von Ägypten) schon ausgestorben war, als die Israeliten in Kanaan einzogen. Vielleicht wurde krokodeilos aber auch in einem allgemeineren Sinn für Reptilien gebraucht.
Jedenfalls klingt das nach einer eindrucksvollen Echse und fast alle englischen Übersetzungen wählen hier large oder great lizard. Es gibt einen passenden Kandidaten – die Nordafrikanische Dornschwanzagame (Uromastyx acanthinura). Sie sieht wirklich wie ein kleines Krokodil aus, hat den gleichen Grünton und einen ähnlichen Schwanz. Außerdem gibt es zwei weitere Arten in Israel, den Ägyptischen Dornschwanz (Uromastyx aegyptia) und die Bunte Dornschwanzagame (Uromastyx ornata) – was den Zusatz »nach ihrer Art« (oder »alle Arten von …«) erklären könnte. Ihr arabischer Name dhab, in dem das hebräische zab eventuell anklingt, führte zur englischen Bezeichnung »dab lizard«.
Sie sehen zwar groß und gefährlich aus, sind aber friedliche Pflanzenfresser. Nur wenn sie angegriffen werden, nutzen sie den herumwirbelnden Schwanz mit den spitzen Stacheln zu ihrer Verteidigung. Zu guter Letzt haben alle drei Arten die Angewohnheit, sich morgens aufzuwärmen und bei der Tageshitze unter Sträuchern oder Felsüberhängen im Schatten zu liegen. Ihr massiger Körper würde sonst schnell überhitzen. Das könnte der Grund sein, weshalb man sie »Überdeckte« nannte. Da sie auffällig und leicht zu fangen sind, sich von den anderen Echsen deutlich unterscheiden und in den südlichen Regionen (Negev / Sinai) überall vorkommen, würde man sie im Speisegesetz auf jeden Fall erwarten. Bei Beduinen und anderen arabischen Volksgruppen gilt dhab als Delikatesse. Die jüdischen Vorschriften wurden im Koran nur teilweise übernommen. Oft wurden bestehende Traditionen toleriert (wie zum Beispiel beim Verzehr von Kamelen). So gibt es auch für die Dornschwanzagamen eine Ausnahme, obwohl Echsen ansonsten »haram« sind – also im Islam als unrein gelten.
Einigen deutschen Bibelüberarbeitern erschien diese Zuordnung so eindeutig, dass sie das Wort direkt mit »Dornschwanzechsen« übersetzen (NGÜ, Zü, NeÜ) oder es entsprechend anmerken (JaJe). Bleibt noch zu erwähnen, dass sich der Name Zobeba (1Chr 4,8) davon ableitet. Von ihm wissen wir nur, dass sein Vater Koz hieß, was »Dorn« bedeutet, aber das muss nichts damit zu tun haben, dass der Name des Sohnes mit »Dornschwanzechse« übersetzt werden kann.

ausw:echse:lbar
Der leta‘a wird heute von den meisten Experten mit dem Schleuderschwanz (Stellagama stellio) identifiziert, der auch unter seinem arabischen Namen Hardun bekannt ist (siehe das Titelbild dieses Beitrags). In der Bibelübersetzung von Hermann Menge (Me, 1926) wird der »Schleuderschwanz« sogar genannt. Allerdings gibt es vier weitere Arten von Wüsten- oder Steppenagamen in Israel, so dass es sich auch hier um einen Sammelbegriff handeln könnte. Das Wort koach kommt in 121 Bibelversen vor und wird fast immer mit Kraft, Macht, Stärke oder Ähnlichem übersetzt. Nur in 3. Mose 11,30 erscheint es als Name »der Starke«. Im Kontext der Echsenaufzählung spricht alles dafür, hier von einem Wüstenwaran (Varanus griseus) auszugehen. Er ist mit Abstand die stärkste und größte Echse in Israel und wird bis zu 1,50 Meter lang.

grün:echse
Für chomet gibt es keine sprachliche Ableitung, die eindeutig wäre. In anderen semitischen Sprachen gibt es eine ähnliche Wurzel, aus der »sich krümmen, kauern, kriechen« abgeleitet wird (Arabisch: chamatha), was auf fast jedes Reptil (was nichts anderes als »Kriechtier« bedeutet, vom lateinischen »reptilis« = kriechen) irgendwie zutrifft. Möglicherweise handelt es sich hier um eine Sammelbezeichnung für alle kleinen und flinken Eidechsen, Skinke und Schleichen, die auf dem Boden herumhuschen. Da gäbe es fünf Arten der Fransenfingereidechsen (Acanthodactylus sp.), fünf Arten der Wüstenrenner (Mesalina sp.), mindestens neun Arten der Skinke und verschiedene Felseneidechsen (Phoenicolacerta sp.).

Sollte eine einzelne Art gemeint sein, kommt am ehesten die Israelische Riesen-Smaragdeidechse (Lacerta media israelica) in Frage – aus dem einfachen Grund, dass sie sich zum Verzehr eignen würde. Da alle Arten der Echten Eidechsen einzelgängerisch leben, einzeln gefangen werden müssten, sehr scheu und schnell sind und nur wenige Gramm Fleisch liefern, würde sich der Aufwand nicht lohnen, sie zu jagen. Bei Bibelübersetzungen, die an dieser Stelle Molche und Salamander anführen, wurde nicht sehr gründlich recherchiert. Obwohl in Nordisrael der Kleinasiatische Feuersalamander (Salamandra infraimmaculata) und der Südliche Bandmolch (Ommatotriton vittatus) anzutreffen sind, handelt es sich um seltene Ausnahmeerscheinungen. Fast alle Schwanzlurche benötigen ein feuchtes und kühles Umfeld. Viele von ihnen, wie auch der Feuersalamander, schützen sich außerdem durch giftige Hautsekrete und können oft gar nicht genießbar zubereitet werden.
klebens:künstler
Bei der Frage, welche Echse sich hinter dem Namen anaka verbirgt, sind sich die meisten Experten wieder einig. Das Verb anaka bezeichnet ein hörbares Seufzen (Ps 102,21) und es gibt keine Echsenarten in Israel (abgesehen vom Chamäleon, das extra aufgezählt wird), die hörbare Laute von sich geben, außer den Geckos. Ihre Rufe sind so charakteristisch, dass sie in vielen Sprachen danach benannt werden. Auch die Bezeichnung »Gecko« leitet sich von get-jok, der lautmalerischen Nachahmung des Rufs einer südostasiatischen Art in der malaiischen Sprache ab. In Thailand heißt diese Art von Haus-Gecko ching-chok.

Für den hebräischen Namen semamit gibt es keine bekannte Sprachwurzel, aus der er abzuleiten wäre. Allerdings wird hier etwas über dieses Tier gesagt: »die Eidechse kannst du mit Händen fangen, und doch ist sie in den Palästen der Könige« (Spr 30,28). Der Haus- oder Mauergecko (Hemidactylus turcicus) ist ein Kulturfolger und lebt fast ausschließlich in menschlichen Behausungen (aus Steinen und Ziegeln). Er ist nicht besonders schnell und scheu und kann leicht gefangen werden. Diese Merkmale treffen auf keine der anderen Echsen zu. Da es in Israel 16 verschiedene Arten von Geckos gibt, und diese sich von den anderen Gruppen deutlich unterscheiden, würde man sie in dieser Aufzählung auch erwarten. In den meisten Übersetzungen steht deswegen auch »Gecko« oder sogar konkret »Mauergecko« (Me). Einen weiteren Sprachhinweis liefert die LXX – hier wird sowohl anaka als auch semamit mit dem griechischen Wort skalabotes übersetzt. Es bezeichnet den Gecko und leitet sich aus der gleichen Wurzel ab, wie das Verb proskollao (= anhangen, anheften).

Damit nimmt es Bezug auf die erstaunlichste Spezialbegabung der Geckos. Wer (zum Beispiel in »Google Scholar«) nach wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Gecko sucht, findet unter den ersten hundert Treffern fast nur Arbeiten, die sich mit seinem genialen Haftmechanismus beschäftigen. Da hat der Schöpfer etwas wirklich Erstaunliches konstruiert – Fußsohlen, die mit feinsten Härchen (Spatulae) bedeckt sind. Sie sind so fein, dass ihre stark vergrößerte Gesamtfläche durch Anziehungskräfte zwischen verschiedenen Molekülen (Adhäsion, Van-der-Waals-Wechselwirkungen) und, wie man erst seit kurzem weiß, außerdem auch durch elektrostatische Aufladung das Gewicht des Tieres halten, selbst wenn es kopfüber an einer waagerechten Decke läuft. Man kann etwas Wichtiges von ihm lernen. Die vielen Millionen feinster Hafthärchen geben ihm so guten Halt, dass er mühelos an Wänden und Decken herumläuft.

Auch unser Leben ist oft eine haarige Angelegenheit, wo wir uns oft wünschen, so rutschfest und standsicher wie dieser kleine Schuppenflitzer unterwegs zu sein – und zwar ohne irgendwo kleben zu bleiben. Denn das ist das eigentlich Erstaunliche: er kann seine Haftflächen in einer flüssigen Bewegung abrollen und die feste Verbindung mühelos wieder lösen. Einen festen Standpunkt einnehmen zu können ohne Dynamik und Mobilität einzubüßen – das sind die Gecko-Qualitäten.

Quellennachweis:
Arntzen, JW; Olgun, K: Taxonomy of the banded newt, Triturus vittatus: morphological and allozyme data. Amphibia-Reptilia 2000; 21(2):155-168; doi: 10.1163/156853800507345
Davies, J; Haq, S; Hawke, T: A practical approach to the development of a synthetic Gecko tape. International Journal of Adhesion and Adhesives 2009; 29(4):380-390; doi: 10.1016/j.ijadhadh.2008.07.009.
Fleck, J: Die Feuersalamander Vorderasiens-Salamandra infraimmaculata. Feuersalamander im Licht der AG Urodela. Amphibia 2016; 15(2):6-12; https://www.ag-urodela.de/wp-content/uploads/2020/04/amphibia_152_2016.pdf#page=4
Izadi H; Stewart, KME; Penlidis, A: Role of contact electrification and electrostatic interactions in gecko adhesion. Journal of the Royal Society 2014; Interface 11:20140371; doi: 10.1098/rsif.2014.0371
Liste der Reptilien Israels, aufgerufen am 17.08.2025: https://www.repfocus.dk/GEO/Israel.html
Loos, J; Dayan, T; Drescher, N: Habitat preferences of the Levant Green Lizard, Lacerta media israelica (Peters, 1964). Zoology in the Middle East 2011; 52(1):17-28; doi: 10.1080/09397140.2011.10638475
Nemtzov, SC: Uromastyx lizards in Israel. NDF Workshop Case Studies 2008; WG7(CS5):1-22; http://www.conabio.gob.mx/institucion/cooperacion_internacional/TallerNDF/Links-Documentos/WG-CS/WG7-ReptilesandAmphibians/WG7-CS5%20Uromastyx/WG7-CS5.pdf
Niewiarowski, PH; Stark, AY; Dhinojwala, A: Sticking to the story: outstanding challenges in gecko-inspired adhesives. Journal of Experimental Biology 2016; 219(7):912-919. doi: 10.1242/jeb.080085
Usman, O: Sunnah of the Dhab Lizard Delicacy. MM online vom 10.07.2008; aufgerufen am 18.08.2025: https://muslimmatters.org/2008/07/10/sunnah-of-the-dhab-lizard-delicacy
von Wilms, T; Böhme, W: Zur Taxonomie und Verbreitung der Arten der Uromastyx-ocellata-Gruppe (Sauria: Agamidae). Zoology in the Middle East 2000; 21(1):55-76; doi: 10.1080/09397140.2000.10637834
Warburg, MR: Longevity in Salamandra infraimmaculata from Israel with a partial review of life expectancy in urodeles. SALAMANDRA-BONN 2007; 43(1):21-34; ISSN 0036-3375
Zhou, M; Pesika, N; Zeng, H: Recent advances in gecko adhesion and friction mechanisms and development of gecko-inspired dry adhesive surfaces. Friction 2013; 1:114-129; doi: 10.1007/s40544-013-0011-5
Bildnachweis:
Wikipedia: Eidechsen Titel (Schleuderschwanz, Hardun) / Charles J. Sharp // Wüstenwaran mit Beute / Mfalhajji
andere Lizenzen: Dornschwanzagame /shutterstock_ID_2324738339 / Pavel Filatov // Dornschwanzagame (Schwanz) /shutterstock_ID_2324736579 / Pavel Filatov
Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen
