Das Chamäleon galt nach den Speisevorschriften Israels als unrein und durfte nicht gegessen werden. Mehr wird in der Bibel nicht gesagt – über ein erstaunliches Tier, das auch den Menschen in der Antike gut bekannt war.
In besagtem Gebot wird es am Ende einer Aufzählung mit dem hebräischen Wort tanschemet erwähnt: »und die Anaka und der Koach und der Letaah und der Chomet und das Chamäleon« (3Mo 11,30). Dieses Wort kommt allerdings in zwei weiteren Versen vor (3Mo 11,18; 5Mo 14,16), in denen eine Vogelart bezeichnet wird. Abgeleitet wird der Name von dem Verb nascham (Jes 42,14) mit der Bedeutung »schnauben«. Das sagt nicht besonders viel aus, aber während die ersten vier Namen in vielen Bibelausgaben nicht übersetzt werden, findet man das Chamäleon dort inzwischen fast überall.
erd:löwe
Das liegt daran, dass es in der griechischen LXX mit chamaileon übersetzt wird und man davon ausgehen kann, dass diese Zuordnung korrekt ist, weil dieser Name (mit der Bedeutung »Erd-Löwe«) in klassischen griechischen Texten 170-mal auftaucht und häufig mit den eindeutigen Merkmalen dieses Tieres verbunden wird. So schreibt der griechische Schriftsteller Plutarch über den Athener Politiker Alkibiades: »Er hatte, wie man sagt, eine Fähigkeit, die alle anderen übertraf und sich als nützlich für seine Jagd auf Menschen erwies: die Fähigkeit, sich den Bestrebungen und dem Leben anderer anzupassen und sich ihnen anzuschließen, wobei er sich stärker veränderte als ein Chamäleon. Dieses Tier ist jedoch, wie man sagt, völlig unfähig, eine bestimmte Farbe anzunehmen, nämlich Weiß; Alkibiades hingegen konnte sich sowohl mit Guten als auch mit Bösen abgeben und fand nichts, was er nicht nachahmen und praktizieren konnte.«

Es sind vor allem drei Merkmale, die Chamäleons auszeichnen: ihre faszinierenden Augen, die extrem lange und blitzschnelle Fangzunge und ihre Fähigkeit die Hautfarbe spektakulär zu verändern. Dazu kommen weitere Spezialkonstruktionen wie der kräftige Greifschwanz, die besondere Stellung der Zehen, die aus den Beinen Greifwerkzeuge machen, und ein sehr langsamer Schaukelgang, der windbewegtes Blattwerk nachahmt. Jedes dieser Kennzeichen unterscheidet sie von den anderen Echsen. Außerdem stößt die in Israel heimische Art, das Gewöhnliche Chamäleon (Chamaeleo chamaeleon), ebenso wie das Basiliskenchamäleon (Chamaeleo africanus), das eher südwestlich (Sinai, Ägypten) anzutreffen ist, ein zischendes Fauchen aus, wenn es seine Drohgebärde zeigt. Vermutlich wurden sie deswegen »Schnauber« genannt.

um:sichtig
Jedem Betrachter fallen sofort die ungewöhnlichen Augen auf, die in kleinen, faltigen Kuppeln etwas hervorstehen und sich in der Horizontalen (rechts-links) um 180° und in der Vertikalen (oben-unten) um 150° bewegen lassen – und zwar unabhängig voneinander! Es handelt sich um die leistungsfähigsten Augen unter allen Reptilien, die es dem Tier erlauben, das gesamte Umfeld in den Blick zu nehmen, ohne den Kopf zu bewegen. Sobald ein Chamäleon ein Beutetier entdeckt hat – in der Regel irgendein fliegendes Insekt, das sich in seiner Nähe niedergelassen hat – wechseln die Augen vom Rundum-Scanmodus in die fokussierte Zielerfassung und arbeiten zusammen. Auf diese Weise kann die Position der Beute exakt vermessen werden, was für den nächsten Schritt unbedingt erforderlich ist.

zzzzz:unge
Auf der Jagd schleicht sich das Chamäleon mit großer Geduld an sein Ziel heran, bis es in Reichweite seiner Schleuderzunge ist – beim Chamaeleo chamaeleon ist das eine Distanz von etwa 20 Zentimetern. Durch die langsame und schaukelnde Fortbewegung, eine gute Tarnung, und diesen relativ großen Abstand bleibt es in jeder Hinsicht unterhalb der Reizschwelle der Fluchtreflexe seiner Opfer. Löst es dann die geniale Mechanik seiner Schleuderzunge aus, gibt es kein Entkommen mehr. Die gesamte Länge dieses Muskelstrangs, die bei den kleinsten Arten mehr als das Doppelte der Körperlänge beträgt, entfaltet sich in weniger als einer Zehntelsekunde.

Mit voller Wucht wird das Opfer von einer klebrigen Keule getroffen, umschlossen und fortgerissen. Das Zurückschnellen der Zunge geschieht fast genauso schnell – in einem Sekundenbruchteil ist alles vorbei. Bevor es Hochgeschwindigkeits-Aufnahmen dieser einzelnen Phasen gab, konnte man nur erahnen, was sich da genau abspielte. Zu beobachten war nur, dass die Beute plötzlich weg ist und das Chamäleon genüsslich kaut und schluckt.

farb:wechsel
In vielen Redewendungen wird auf das Chamäleon Bezug genommen. In der Medizin zum Beispiel, wo es Krankheiten mit einer seltsamen Variabilität an Symptomen gibt, spricht man vom »Chamäleon der Hepatologie« (der Autoimmunhepatitis – AIH), vom »Chamäleon der Gynäkologie« (der Endometriose), vom »Chamäleon der Gastroenterologie« (der Zöliakie) oder dem »Chamäleon unter den Gelenkerkrankungen« (der Arthropathie) und so weiter … Auch Menschen, die sich sehr flexibel anpassen, werden so bezeichnet. Im Gegensatz zu Plutarch, der diese Fähigkeit bewunderte, wird sie heute fast ausschließlich kritisch gesehen – zum Beispiel bei Politikern, denen man vorwirft, kein Rückgrat zu haben: »Markus Söder ist ein politisches Chamäleon« (Schlagzeile der NZZ vom 08.01.2025). Was hat es mit dieser Wandlungsfähigkeit auf sich?
Die Farbanpassung der Chamäleons ist ein Wunder der Biophysik – und tatsächlich erst in den letzten Jahren durch moderne Mikroskopie wirklich verstanden worden. Ihre Haut besteht aus mehreren Schichten von Spezialzellen: Chromatophoren in der oberen Schicht enthalten Pigmente (Gelb, Rot, Braun, Schwarz), die durch Ausdehnen oder Zusammenziehen der Zellfortsätze die sichtbare Menge dieser Farbstoffe regulieren können. Dieser Mechanismus kommt auch bei Insekten, Weichtieren, Fischen und anderen Reptilien vor und ist lange schon bekannt. Spektakulär sind dagegen die Iridophoren (auch: Guanophoren). Sie liegen in der tieferen Schicht und enthalten Nanokristalle, die in Gittern angeordnet sind und die Reflexion regulieren. Durch Änderungen ihrer Abstände wird bestimmt, welche Wellenlänge (Farbe) reflektiert wird. Darunter gibt es noch eine tieferliegende Schicht mit Melanophoren. Sie pumpen das dunkle Pigment Melanin gezielt nach oben und können so Helligkeit und Kontrast regulieren.
Die Tiere machen von ihrem besonderen Feature ausgiebig Gebrauch. Sie präsentieren perfekte Tarnfarben oder Blattmuster auf ihrer Haut und können sogar die Schatten verstärken, die darauf fallen, aber auch grelle, abschreckende Warnfarben gehören zu ihrem Repertoire. Außerdem kommunizieren sie untereinander – besonders im Rahmen innerartlicher Konkurrenz und bei der Partnerwahl – mit Mustern, die ihre Erregung signalisieren. Zu guter Letzt regulieren sie ihren Wärmehaushalt, indem sie maximal verdunkeln, um möglichst viel Wärme zu tanken oder sie aktivieren spezielle, tieferliegende Iridophoren, die in der Lage sind Infrarot zu reflektieren, um dadurch den Körper vor Überhitzung zu schützen. Was der gute alte Plutarch nicht wissen konnte: Diese IR-Reflektoren sind noch viel wirksamer, als wenn das Chamäleon in reinstem Weiß erschiene!

tarn:frage
Eine interessante Frage lässt sich an diesem erstaunlichen Tier treffend illustrieren: Sollten Christen Chamäleons sein? Es gibt einige Andeutungen in diese Richtung. Paulus, der ohne Zweifel der wirkungsvollste Evangelist der Geschichte war, schreibt über seine Missionsstrategie: »Ich bin also frei und keinem Menschen gegenüber zu irgendetwas verpflichtet. Und doch habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele ´für Christus` zu gewinnen. Wenn ich mit Juden zu tun habe, verhalte ich mich wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen. Wenn ich mit denen zu tun habe, die dem Gesetz des Mose unterstehen, verhalte ich mich so, als wäre ich ebenfalls dem Gesetz des Mose unterstellt (obwohl das nicht mehr der Fall ist); denn ich möchte auch diese Menschen gewinnen. Wenn ich mit denen zu tun habe, die das Gesetz des Mose nicht kennen, verhalte ich mich so, als würde ich es ebenfalls nicht kennen; denn auch sie möchte ich gewinnen. […] Und wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Gewissen empfindlich ist, verzichte ich auf meine Freiheit, weil ich auch diese Menschen gewinnen möchte. In jedem einzelnen Fall nehme ich jede nur erdenkliche Rücksicht auf die, mit denen ich es gerade zu tun habe, um jedes Mal wenigstens einige zu retten« (1Kor 9,19-22 NGÜ).
War Paulus ein »gesellschaftliches Chamäleon«? Das kommt darauf an, wie man diesen Ausdruck versteht. Um jeden »kulturellen Anstoß« zu vermeiden und die Hemmschwelle für die Akzeptanz seiner Botschaft so niedrig wie möglich zu halten, passte sich Paulus seiner Zuhörerschaft tatsächlich maximal an. Der Herr Jesus schlägt in die gleiche Kerbe, wenn Er uns auffordert »klug wie die Schlangen« (Mt 10,16) zu sein.
Andererseits rief Paulus sogar seine engsten Freunde und Mitarbeiter zur Ordnung, als er merkte, dass durch ihre, falsch motivierte, Anpassung lehrmäßige Fehlschlüsse gezogen wurden (siehe Gal 2,11-21). Wir verstehen unseren Herrn falsch, wenn wir Seine Aufforderung so verstehen, dass wir nur unsichtbar umherschleichen sollen. Bezogen auf das Evangelium sind wir: »das Licht der Welt; eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht eine Lampe an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Lampenständer, und sie leuchtet allen, die im Haus sind. Ebenso lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen« (Mt 5,14-16).

Es bleibt ein Spannungsfeld. Natürlich haben Christen, christliche Organisationen und Gemeinden eine biblisch begründete Überzeugung über verschiedenste Themen in der Bioethik (Abtreibung, Sterbehilfe, Zweigeschlechtigkeit, Menschenwürde), Soziologie (Geschlechterrollen, Familienmodelle, Kindererziehung), Sexualethik (Frühaufklärung, Promiskuität, LGBTQIA+), Geschichtsdeutung, Staatsverständnis … und dazu noch über die »internen« Themen, wie Taufe, Abendmahl, Heilsgewissheit, Auserwählung, Absonderung, Inspiration der Bibel, Schöpfungsverständnis, Bedeutung von Zeichen, Wundern, Heilungen und Geistesgaben, Mode, Musik, Sprachgebrauch … um nur einige zu nennen. Die Frage, inwieweit sich diese Überzeugungen in der Verkündigung des Evangeliums »hintenanstellen« lassen – ohne dass dabei das Evangelium verwässert, noch falschen Lehren Vorschub geleistet wird – muss in jedem Kontext (Zeitepoche, Zielgruppe, kulturelles und religiöses Umfeld) abgewogen werden. Gott sei Dank sind die Jünger Jesu dabei nicht auf sich gestellt: »seid nicht besorgt, wie oder womit ihr euch verantworten oder was ihr sagen sollt; denn der Heilige Geist wird euch in derselben Stunde lehren, was ihr sagen sollt« (Lk 12,11.12).
Karlchen Mäleon
Heut traf ich in der Stadt mal wieder Karlchen Mäleon
Ich hab ihn kaum erkannt, doch da begrüßte er mich schon.
Wir sind ganz alte Freunde, schon vom Kindergarten her,
und trotzdem fällt bei ihm mir jedes Mal neu das Erkennen schwer.
Ref.: Karlchen Mäleon läuft sich selbst davon,
passt sich immer an und denkt nie daran:
Gott hat ihn doch mit Bedacht unverwechselbar gemacht.
Doch was heißt das schon für Karlchen Mäleon?
Beim letzten Mal, als ich ihn sah, da trug er langes Haar,
Zwei-tage-Bart und die Sandale, die grad Vorschrift war.
Heut geht er kurz gescheitelt und im Bügelfaltenstil;
der Bart ist ab, weil das die Welt um ihn gerade haben will.
Noch schneller als sein Aussehn gibt er seine Meinung dran;
Die ändert sich fast täglich – schneller als man denken kann.
Er spürt den Rückenwind im Voraus, stellt sich niemals quer.
Man sagt, sein Rückgrat gab er längst für eine Wirbelsäule her.
Egal, ob ihm das steht, was man grad trägt – er ist dabei,
ist stets ein wenig atemlos vom allerletzten Schrei.
Und ob sein Leben etwas taugt und was er daraus macht
Für sich und andere – darüber hat er noch nie nachgedacht.
Es sieht so aus, als ob das immer weitergehen wird,
bis irgendwann sich Karlchen spurlos aus der Welt verliert.
Dabei hat Gott schon längst ein eignes Ziel für ihn gehabt,
ihn mit Verstand, Gefühl und Kraft doch so wie niemand sonst begabt.
Doch Karlchen Mäleon läuft auch Gott davon,
hat noch nie entdeckt, was da in ihm steckt
Hat ihn Gott nicht mit Bedacht unverwechselbar gemacht?
Lange sucht er schon nach Karlchen Mäleon.
Manfred Siebald, 1988
Quellennachweis:
Cuadrado, M; Martín, J; López, P: Camouflage and escape decisions in the common chameleon Chamaeleo chamaeleon. Biological Journal of the Linnean Society 2001; 72(4):547-554; doi: 10.1111/j.1095-8312.2001.tb01337.x
De Groot, JH; van Leeuwen, JL: Evidence for an elastic projection mechanism in the chameleon tongue. Proceedings of the Royal Society B – Biological Sciences 2004; 271(1540):761-770; doi: 10.1098/rspb.2003.2637
Fouda, YA; Sabry, DA; Abou-Zaid, DF: Functional Anatomical, Histological and Ultrastructural Studies of three Chameleon Species: Chamaeleo Chamaeleon, Chamaeleo Africanus, and Chamaeleon Vulgaris. International Journal of Morphology 2015; 33(3):1045-1053; https://intjmorphol.com/wp-content/uploads/2015/10/art_38_333.pdf
Freidel, M: Markus Söder ist ein politisches Chamäleon. Seine Absage einer schwarz-grünen Koalition ist wenig wert. Neue Zürcher Zeitung (NZZ) vom 08.01.2025; aufgerufen am 16.08.2025: https://www.nzz.ch/der-andere-blick/markus-soeder-ist-ein-politisches-chamaeleon-seine-absage-einer-schwarz-gruenen-koalition-ist-wenig-wert-ld.1865207
Lev-Ari, T; Lustig, A; Ketter-Katz: Avoidance of a moving threat in the common chameleon (Chamaeleo chamaeleon): rapid tracking by body motion and eye use. Journal of Comparative Physiology A 2016; 202(8):567-576; doi:10.1007/s00359-016-1106-z
Ligon, RA; McGraw, KJ: A chorus of color: hierarchical and graded information content of rapid color change signals in chameleons. Behavioral Ecology 2018; 20(20):1-13; doi: 10.1093/beheco/ary076
Plutarch: Alcibiades (Kap. 23, Abs. 4). aufgerufen am 15.08.2025: https://scaife.perseus.org/reader/urn:cts:greekLit:tlg0007.tlg015.perseus-eng2:23.4
Rühle, I: Paulus als Chamäleon – erfolgreiche oder verhängnisvolle Missionsstrategie? Württembergische Perikopenreihe W, Exegetische Beobachtungen; aufgerufen am 15.08.2025: https://www.fachstelle-gottesdienst.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/E_fachstellegottesdienstneu/Predigt/W-Reihe/W-Reihe_2_n_Trinitatis_1_Kor_9_16-23_Exegese_R%C3%BChle.pdf
Textsuche: „χαμαιλέω*“ in klassischen griechischen Texten; aufgerufen am 15.08.2025: https://scaife.perseus.org/search/?q=%CF%87%CE%B1%CE%BC%CE%B1%CE%B9%CE%BB%CE%AD%2a&kind=form&format=instances&p=1
Wang, X; Wang, Y: Chameleon-inspired flexible photonic crystal lens-shaped dynamic pressure sensor based on structural color shift. Cell Reports Physical Science 2023; 4:7101490; doi: 10.1016/j.xcrp.2023.101490
Bildnachweis:
Wikipedia: Gewöhnliches Chamäleon, erdfarben / Charles J. Sharp // Chamäleon beim Zungenschuss / Mkrc85
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