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Viren – Warum und woher?

Viren sind keine Lebewesen. Sie tragen nicht alle Kennzeichen des Lebens – stehen dem Leben aber sehr nahe. Für die meisten Menschen sind sie in erster Linie Krankheitserreger. Aber es gibt noch viel mehr über Viren zu sagen – sie sind sogar von essenzieller Bedeutung für das Funktionieren der Schöpfung! Aber kommen wir zunächst zu dem Ereignis, das den Viren ganz neue Aufmerksamkeit beschert hat …

März 2020, Lockdown. Als Reaktion auf die rasante Ausbreitung des neuen Erregers, Coronavirus SarS-CoV-2, werden weltweit in schneller Folge extreme Maßnahmen ergriffen. Um weitere Infektionen einzudämmen, werden Städte, Regionen und ganze Staaten abgeriegelt, Ausgangssperren verhängt, Flughäfen stillgelegt und Fährverbindungen eingestellt. Tourismus und Fernhandel kommen weitgehend zum Erliegen. Schulen setzen den Unterricht aus oder führen ihn online fort, Kindergärten reduzieren auf Notbetreuungsprogramme, Einzelhandel, Gastronomie und Hotelgewerbe müssen den Betrieb einstellen, die meisten Dienstleistungen dürfen nicht mehr angeboten werden und viele Unternehmen führen Kurzarbeit und Homeoffice ein. Großveranstaltungen wie Fußballspiele, bis hin zur geplanten Fußball-Europameisterschaft, Sportwettkämpfe, sogar die Olympischen Spiele, Messen, Konzerte, Konferenzen, Gottesdienste – einfach alles wird abgesagt. Die Welt scheint stillzustehen.

Die Massenquarantäne wird von der Verordnung individueller Schutz- und Hygienemaßnahmen begleitet: Abstandsgebote, Alltagsmaske, häufige Desinfektion und Einschränkung der persönlichen Kontakte. Die Medien senden und publizieren rund um die Uhr Corona-News, verweisen auf die Notwendigkeit der Restriktionen und schaffen ein Klima der Angst. Denn trotz aller Anstrengungen kommt die Pandemie nicht zum Stillstand. Bis zum Ende des Jahres wird der Erreger bei fast 90 Millionen Menschen in über 200 betroffenen Ländern nachgewiesen werden und fast zwei Millionen von ihnen werden damit oder daran gestorben sein.

gift:geifer

Vor dem Hintergrund der COVID 19-Pandemie war immer häufiger die Frage zu hören, warum ein allmächtiger und gütiger Schöpfer sich so etwas Gemeines und Unheimliches wie Viren überhaupt »ausgedacht« hat. Handelt es sich ausschließlich um »biologische Schadsoftware« – analog zu den gleichnamigen Computerprogrammen, die Festplatten zerschießen und Netzwerke zusammenbrechen lassen – oder was hat es damit auf sich?

Der römische »Wissenschaftsjournalist« Aulus Cornelius Celsus (25 v. Chr. – 50 n. Chr.) bezeichnete den Speichel tollwütiger Hunde in seinem Werk De medicina als virus. Damit ordnete er diesen Begriff einer Infektionskrankheit zu und auch seine Bedeutungen und Nebenbedeutungen »Schleim, Gift, Gestank, Schärfe, Bitterkeit« sind allesamt negativ.

Es dauerte allerdings noch lange, bis man der Natur dieses »Giftes« auf die Spur kam. Im Jahr 1882 entdeckte der deutsche Agrarwissenschaftler Adolf Mayer (1843-1942), dass er eine gesunde Pflanze mit dem Saft einer kranken Tabakpflanze anstecken konnte, ohne dass Bakterien daran beteiligt waren. Zehn Jahre später wies Dimitri Iwanowski (1864-1920) nach, dass die infektiösen Partikel viel kleiner als Bakterien sein mussten, indem er den krankheitsauslösenden Saft durch immer feinere Filter presste, bevor er ihn auf gesunde Pflanzen pinselte. So wurde das Tabakmosaikvirus zum ersten entdeckten Vertreter einer bis dahin unbekannten Klasse von Objekten. An der allgemeinen Wahrnehmung, dass es sich bei Viren um durchweg bösartige Erscheinungen handelt, hat sich bis heute fast nichts geändert. Der Nobelpreisträger Sir Peter Medawar bezeichnete sie als »in Eiweiß verpackte schlechte Neuigkeiten«.

trittbrett:fahrer

Wie sind sie beschaffen, diese winzigen, infektiösen Partikel? Eine allgemeine Beschreibung fällt schwer. Die Vielfalt an Größe, Form und Struktur, unterschiedliche «Lebensräume«, »Lebenszyklen«, Vermehrungsstrategien und Wirtszellen, RNA oder DNA … wer wollte sich da festlegen, wie das »typische Virus« auszusehen hat?

varianten:reich – Viren haben ein sehr vielfältiges Erscheinungsbild. Die meisten sind nach klaren geometrischen Regeln strukturiert, einige jedoch als unregelmäßige Würmchen oder Knäuel. Wenn sie die Größe unserer Zimmerpflanzen hätten, würden wir sie wahrscheinlich genauso gerne als dekorative Elemente arrangieren.

In ihrem Aufbau aus Kohlenstoffverbindungen (Nukleinsäuren, Proteinen und manchmal auch Lipiden) und ihrer genetischen Wandlungsfähigkeit gleichen sie allen biologischen Organismen, aber da sie weder über einen eigenen Stoffwechsel noch über eigene Informationsverarbeitung (Wahrnehmung, Reaktion auf Umweltreize) verfügen, fehlen ihnen wichtige Kennzeichen von Lebewesen. Viren sind Grenzgänger und einer gängigen Definition zufolge »dem Leben nahestehende Einheiten mit parasitenähnlichem Verhalten«. Ihr einziger gemeinsamer Nenner ist, dass sie genetische Information beinhalten und lebende Zellen für ihre Vermehrung benötigen.

Viele haben ihre »Bauanleitung« bereits fest in das Genom von Wirtszellen eingebaut und einige davon kommen womöglich gar nicht mehr in freier Form (Virion) in der Umwelt vor. Für alle anderen gilt, dass sie eine schützende Struktur aus Proteinen benötigen, die alle möglichen Extras enthalten kann. Um die Größenverhältnisse etwas zu veranschaulichen, stelle man sich die Fläche der neuen Bundesländer als unseren flachgewalzten Körper vor. Ein durchschnittliches Kinderzimmer entspräche einer einzelnen Zelle darauf, ein Bakterium wäre so groß wie ein Fußball und ein Virus so groß wie ein Überraschungsei.

ran:dom – Wenn eine menschliche Hand so groß wäre, dass die Finger so hoch in den Himmel ragen, wie die Türme des 157 Meter hohen Kölner Doms, wäre ein einzelnes Corona-Virus darauf so groß wie ein Sandkorn – etwa 1/10 Millimeter im Durchmesser.

erb:feinde

Die Variabilität ihrer Programme ist enorm. Allein in der Gruppe der Phagen, die nur Bakterien befallen, gibt es schätzungsweise 100 Millionen unterscheidbare »Arten«. Vermutlich gibt es keine Organismen, die nicht von Viren befallen werden können; für Pflanzen und Tiere gilt dies als gesichert und einige Arten geben die ungebetenen Gäste sogar an den Nachwuchs weiter. Die Viren der Weltmeere, jedes für sich ein Leichtgewicht, wiegen zusammengenommen so viel wie 750 Millionen Blauwale – mehr als die Gesamtheit aller Pflanzen und Tiere des Meeres. In jedem Milliliter Wasser aus Flüssen und Seen tummeln sich Millionen von ihnen, ein Liter Meeres- oder Waldboden enthält etwa 10 Milliarden, die Luft ist voll davon und einige Arten kommen auf und in unserem gesunden Körper vor – sie sind überall!

patho:gene

Natürlich denken wir zuerst an die »Geißeln der Menschheit«: Mörderviren wie Ebola, Aufreger wie SARS und COViD-19, Saisonplagen wie Influenza, »Kinderkrankheiten« (das Wort erscheint unangemessen harmlos) wie Mumps, Masern, Röteln, Windpocken und Polio, Exoten wie Gelbfieber, Zika, Vogel- und Schweinegrippe oder auch die etwas unauffälligeren wie Herpes und Eppstein-Barr, mit denen jeweils 90% der Deutschen dauerhaft infiziert ist (meistens ohne störende Folgen). Daneben gibt es noch einige, die vermutlich bei der Krebsentstehung eine große Rolle spielen.

Viele dieser gefährlichen Krankheitserreger sind weit verbreitet und alle benötigen unsere Zellen, um sich zu vermehren. Haut und Schleimhäute bilden eine erste Barriere, die verhindert, dass sie einfach so hereinspazieren können. Außerdem sind wir von einer Aura sehr stabiler »Desinfektionsmittel« umgeben – Ribonukleasen aus unseren Absonderungen (Schweiß, Tränen, Speichel, Ohrschmalz, Urin, Milch) umhüllen uns und zerhacken die Erbinformation der meisten Viren in kleine, harmlose Schnipsel. Trotzdem gelingt es immer wieder einigen der Winzlinge, unbeschadet hereinzukommen. Sie verschaffen sich schnellstmöglich Zugang in das Innere einer Zelle. Dort sind sie erst einmal sicher und können in aller Ruhe ihr kleines Programm auspacken und übersetzen lassen. Die arme Zelle kann gar nicht anders, als der damit vorgelegten Bauanleitung zu folgen und massenhaft neue Viren zu bauen. Sie wird zur Kopiermaschine. Bei vielen Virus-Typen macht sie das so lange, bis sie so voll mit Viren ist, dass sie platzt. Andere (wie auch COViD-19) gehen es noch raffinierter an. Sie lassen die Zelle leben und die Nachkommen unauffällig ausschleusen, so dass insgesamt viel mehr produziert werden kann. Alle frischen Kopien, die in den Körper gelangen, befallen neue Zellen und die Infektion »geht viral« – sie breitet sich rasant aus. Zum Glück sind wir diesem Geschehen nicht hilflos ausgeliefert.

viren:scanner

Der gesunde Körper muss sich ständig mit eingedrungenen Fremdkörpern auseinandersetzen und erledigt das normalerweise so »geräuschlos«, dass es uns gar nicht bewusst wird. Die eigentlichen Helden in diesem Kampf sind die Makrophagen. Völlig autonom schwimmen sie mit oder gegen den Strom durch Blutgefäße und Lymphkanäle, patrouillieren durch den ganzen Körper, spüren Eindringlinge auf und machen der Bedeutung ihres Namens »große Fresser« alle Ehre, indem sie sie einfach verschlingen. Da allerdings ein Invasor selten allein kommt, geben sie den Steckbrief von jedem, den sie erwischen, sofort an andere »Sicherheitsdienste« weiter. Sogenannte »T-Lymphozyten« fungieren als »Central Intelligence« und koordinieren den Einsatz weiterer Spezialisten. »Killerzellen« bekommen von ihnen den Auftrag, alle infizierten Zellen des Körpers mitsamt den darin enthaltenen, fertigen oder im Bau befindlichen Viruspartikeln und allen schädlichen Informationen zu vernichten. B-Lymphozyten werden veranlasst, maßgeschneiderte Spezialwaffen zu produzieren – Antikörper, die exakt auf die Oberfläche der enttarnten Viren passen und sich dort anheften. Damit ist der Angreifer außer Gefecht gesetzt. Er kann nicht mehr in Zellen eindringen, verklebt bei Kontakt mit seinen Kollegen und ist ein markiertes Ziel für die bereits erwähnten Makrophagen, die ihn ohne Umschweife verdauen. Um das Ganze noch effektiver zu machen, »archi-viren« unsere hauseigenen Kammerjäger alle Steckbriefe – B-Lymphozyten werden zu »Gedächtniszellen«, die sich jahre-, manchmal sogar lebenslang, an jeden ungebetenen Gast erinnern und sofort aus allen Rohren feuern, sollte er später erneut gesichtet werden. Außerdem sind die produzierten Antikörper noch lange nach der Invasion in Blut und Lymphe »auf Streife«.

task:force – Für die meisten Virentypen hat das Immunsystem unseres Körpers die passende Antwort parat. Es produziert maßgeschneiderte Antikörper, die Eindringlinge verkleben und sie als Ziele für Fresszellen markieren.

Die letzten beiden Effekte macht man sich bei der Schutzimpfung zunutze, indem die Abwehrprozedur künstlich gestartet wird, ohne dass aktive Viren beteiligt sind. Grundsätzlich führt der Alarm zu einer Vorbereitung auf den neuen Feind, im besten Fall zu einem dauerhaften Schutz (Immunisierung). Im Fall des aktuellen Coronavirus ist es ein glücklicher Umstand, dass er einen eigenen Korrekturmechanismus mitbringt und sich viel langsamer verändert als die meisten anderen RNA-Viren.

akti:viren

Es gibt viele interessante Ideen dazu, wie wir uns Viren zunutze machen könnten. Die größte Hoffnung ruht auf einem medizinischen Einsatz als »Vektoren«, Transportmittel, um DNA in Körperzellen zu bringen und so genetische Defekte zu beheben. Dann gibt es Phagen, die nur Bakterien befallen, und als natürliches Antibiotikum eingesetzt werden könnten. Damit ließen sich besonders multiresistente Krankenhauskeime bekämpfen, denen sonst kaum noch beizukommen ist. Sie werden heute schon verwendet, um in Holland die Kartoffeln, in Schweden den Räucherlachs und in Südkorea die Milch zu sterilisieren. Viren lassen sich so umbauen, dass sie onkolytisch wirken, also gezielt Krebszellen befallen und abtöten. Damit könnten Tumore bekämpft werden. Zur Schädlingsbekämpfung könnten Viren als biologische Waffe eingesetzt werden. Vor einigen Jahren wurde ein Typ entdeckt, der die Malaria-Mücke und deren Larven befällt.

Erfahrungen mit dem Myxomatose-Virus, mit dem man in Australien die Kaninchen ausrotten wollte, haben allerdings gezeigt, dass es bei längerem Einsatz auch hier zu Resistenzen kommt und die künstlich erzeugten Epidemien sich immer wieder totlaufen, wenn die meisten Wirtstiere gestorben sind. Auch die anderen Ansätze stecken noch in den Kinderschuhen und haben ihre Tücken. Wenn Phagen eine letzte Reserve zur Bakterienbekämpfung werden sollten, ist es sehr unklug, sie heute schon in der Landwirtschaft einzusetzen, da auch hier Resistenzbildung zu erwarten ist. Die Onkolytischen machen tatsächlich einen guten Job in der Krebstherapie, aber für den Körper sind sie Viren wie alle anderen, die vom Immunsystem sofort attackiert werden.

Man benötigt bei mehreren Gaben immer neue Varianten, damit sie nicht sofort eliminiert werden. Was die Gentherapie betrifft, gibt es bereits erste Erfolge. Am Chil dren’s Hospital of Philadelphia (CHOP) ist es 2023 erstmals gelungen, mithilfe des Virus-Vektors AAV ein defektes Gen zu reparieren. Ein elfjähriger Junge, der an einer genetisch bedingten Taubheit (SNHL) litt, erhielt dadurch sein Hörvermögen zurück. Seitdem wurden viele weiter Kinder mit der gleichen Methode geheilt. Wahrscheinlich werden wir in den nächsten Jahren erleben, dass viele bisher unheilbare Krankheiten mit diesen und ähnlichen Verfahren völlig geheilt werden können. Es bleibt zu hoffen, dass auch die damit einhergehenden Risiken rechtzeitig erkannt und richtig beurteilt werden können.

up:date – Ein modifizierter Virus schleust einen genetischen Bauplan in die Körperzelle des Patienten. Dort wird das entsprechende Produkt hergestellt – ein Protein, das aufgrund eines Genfehlers vorher nicht gebildet werden konnte. Vielleicht können so zum Beispiel schon bald Bluter geheilt werden. Ihnen fehlt nur ein kleines Glied in einer komplizierten Reaktionskette, aber dadurch funktioniert die Blutgerinnung nicht, was lebensbedrohlich ist.

gemein:nützig

Die Virologin Karin Mölling hat die Öffentlichkeit in dem bemerkenswerten Buch »Viren – Supermacht des Lebens« auf eine ganz neue Sichtweise aufmerksam gemacht, die sich in den Biowissenschaften langsam durchsetzt. Es ist nämlich so, dass die 21 eindeutig bekannten Krankheitserreger unter den vielen Millionen Virustypen nur eine verschwindend geringe Minderheit ausmachen. Ihr wichtigster Beitrag für den Menschen und das Leben auf der Erde insgesamt besteht in etwas ganz anderem.

Unsere Biosphäre, die sich von fünf Kilometer tiefen Gesteinsschichten bis hinauf in 60 Kilometer hohe Luftschichten um die ganze Erde zieht, ist in ein gigantisches Netzwerk genetischer Wechselbeziehungen eingehüllt. Wir beginnen gerade erst zu verstehen, welche Rolle Viren darin spielen.

Soweit heute schon bekannt, regulieren sie überall das Wachstum der Bakterien-, Pilz-, Plankton- und Algenpopulationen. Sobald diese eine kritische Größe überschreiten, werden sie anfällig für Virusinfektionen, die sich dann rasant ausbreiten können und die meisten Zellen töten. Ohne diesen Mechanismus würden sich Meere und Gewässer innerhalb weniger Tage in stinkende Kloaken verwandeln und überall, wo ausreichend Feuchtigkeit vorhanden ist, würde die Welt verfaulen, verschimmeln und verrotten. Pflanzliches, tierisches und menschliches Leben wäre nicht möglich. Schon länger fragte man sich, wie die verwobenen Nahrungsketten unserer ökologischen Netze an der Basis funktionieren. Bakterien und Pilze sind die Reduzenten, die alles tote organische Material so zerlegen, dass Pflanzen und Algen, die Produzenten, es aufnehmen können. So weit, so gut. Aber Bakterien und Pilze wachsen und wachsen und scheiden zu wenig aus. Wie genau werden die »Nährsalze« wieder frei? – Und da kommen, nach neuerer Erkenntnis, Viren ins Spiel, die noch weiter unten in der Kette rangieren, als Terminatoren auftreten und die Mikroorganismen auflösen.

Allerdings traut man den Viren noch viel mehr zu. Sie selbst sind genetisch überaus wandlungsfähig, können das Erbgut ihrer Wirte verändern und sogar Erbinformationen von einer biologischen Art auf eine andere übertragen. Möglicherweise verbirgt sich hier ein »Evolutionsmotor«, der neue Perspektiven auf die Veränderlichkeit der Lebensformen eröffnet. Das würde einmal mehr belegen, dass eine große Variationsbreite der Lebensformen durch natürliche Prozesse hervorgebracht werden kann ohne, dass dazu die Information für komplexe Konstruktionen durch »Zufall und Notwendigkeit« neu entstehen müsste.

In der Weltanschauung des Naturalismus wird der Evolutionsprozess als zufallsbestimmter Überlebenskampf »jeder gegen jeden« gedeutet, was den Blick für zugrunde liegenden Konzepte versperrt. Wer die Welt als absichtsvoll erschaffenes Gesamtsetting wahrnimmt, wird durch diese neuen Einblicke zu Lob und Anbetung geführt.

woher:viren

Inzwischen ist also die Nützlichkeit, ja sogar die Lebensnotwendigkeit von Viren offensichtlich geworden. Aber hebt das Gute, Normale und Nachvollziehbare das Üble, Abnorme und Unverständliche auf? Natürlich nicht! Über die schlimme Tatsache, dass immer wieder jemand Amok läuft, trösten wir uns nicht damit hinweg, dass Millionen anderer es nicht tun. Was Gott im Anfang erschuf, war noch nicht durch den Sündenfall verdorben. Der Zusammenhang zwischen der ursprünglichen Schöpfung, die der allmächtige und gütige Gott als »sehr gut« bezeichnet (1Mo 1,31) und den gefährlichen Krankmachern unter den Viren ist erklärungsbedürftig. Woher kommen also Viren?

nota:bene

  • Viren sind allgegenwärtig, seitdem sie erforscht werden. Da sie sich ständig verändern und manchmal sogar ihre Wirtsorganismen wechseln, kann man sie zu Recht immer wieder als »neu« bezeichnen. Die erstmalige Entstehung eines Virus aus »Nicht-Virus« wurde allerdings bisher noch nicht beobachtet.
  • Wir erforschen heute nicht die ursprüngliche, sondern die gefallene Schöpfung. Der Sündenfall ist ein Erkenntnishorizont: die Bibel berichtet weder, was dabei, naturwissenschaftlich betrachtet, genau geschah, noch wie die Welt davor funktionierte.
  • Die ursprüngliche Schöpfung war zwar »sehr gut«, aber Gottes Schöpfungshandeln war damit nicht abgeschlossen. Dass Gott im engeren Sinn »nur Gutes« schafft, ist keine biblisch begründbare Aussage, auch wenn selbstverständlich alles in seinen vollkommenen »Masterplan« passt. In der gefallenen Schöpfung agiert Gott auch als Richter. Er schafft Finsternis und Unglück (Jes 45,7) und den Verderber (Jes 54,16). Es ist also denkbar, dass Gott menschenfeindliche Organismen »de novo« erschaffen hat. Möglicherweise finden wir in dem Vorgang, dass Staub bei der dritten Plage zu Stechmücken wurde (2Mo 8,13), sogar einen direkten biblischen Beleg in diese Richtung. Die ägyptischen Wahrsagepriester erkannten darin jedenfalls Gottes (Schöpfer)Macht (2Mo 8,15). Abgesehen davon kann man über die Option der direkten Erschaffung nur spekulieren.
  • Bei der Beschreibung der Viren war zu sehen, wie verschieden sie sind. Bei so großen Unterschieden ist es naheliegend, dass sie auch verschiedene Entstehungsgeschichten haben (sofern sie denn nicht alle direkt erschaffen wurden).

wirbel:winde

Schieben wir das Problem der bösen Viren noch ein wenig vor uns her und beginnen mit den einfacheren Fragen … Am eindeutigsten ist die Sache bei den Bakteriophagen: Sie gehören allesamt zu den »Guten«, tun keinem Menschen etwas zuleide (wobei sie Molkereien, Brauereien und mikrobiologischen Laboratorien aus technischen Gründen verhasst sind), befallen ausschließlich Bakterien und regulieren deren Vermehrung. Schon allein deswegen sollte niemand ein Problem damit haben, sie als Gottes Geschöpfe zu sehen, zumal ihr Wirken mitunter sogar erforderlich ist. Noch deutlicher wird dieser Fall durch starke Design-Signale:

Phagen weisen eine geniale und zweckorientierte Konstruktion auf, deren Entstehung nicht durch die bekannten biologischen Prozesse erklärt werden kann. Obwohl sie sich nicht aktiv fortbewegen können, führen sie doch erstaunliche Aktionen aus. Wenn ein T4-Phage ein Kolibakterium überfällt, landet er auf dessen Oberfläche, rammt seine spitzen Spikes hinein und krallt sich damit fest. Während die langen Schwanzfibern ihn in aufrechter Position stabilisieren und ein spezielles Enzym abgesondert wird, das die Zellwand darunter auflöst, zieht sich die kontraktile Scheide ruckartig zusammen und stößt das hohle Schwanzrohr wie eine Injektionsnadel ins Innere des Bakteriums, um als letztes die DNA durchzuschleusen. Das alles dauert nur etwa 45 Sekunden und ist noch recht überschaubar, verglichen mit der fantastischen Vorrichtung, mit deren Hilfe wenige Minuten später im Bakterium jeweils eine Kopie seines DNA-Strangs in jeden Capsid der frisch zusammengebauten Viren hineinbefördert wird. Um einen Eindruck davon zu bekommen, was dort geschieht, greifen wir noch einmal auf den Größenvergleich zurück. Wenn das Capsid die Größe eines Überraschungseis hätte, wäre die DNA ein 30 Kilometer langer Bindfaden. Die Aufgabe ist jetzt, ihn ordentlich darin zu verpacken. Schon in effizientester Anordnung füllt der Faden das Innenvolumen fast vollständig aus, es darf also nicht der geringste Platz verschwendet werden. Noch viel erstaunlicher ist allerdings, dass sich dabei nichts verheddert, denn schon kleinste Unregelmäßigkeiten würden einen unentwirrbaren »Bandsalat« zur Folge haben. Deswegen wird ein Motor als »Seilwinde« im Kragen unterhalb der Capsidöffnung eingebaut. Wie das Antriebszahnrad einer Kettensäge greifen rotierende Proteine in die lange Molekülkette der DNA und spulen sie hinein. Die Leistung kann sich sehen lassen: 2.000 Basenpaare (»Buchstaben«) pro Sekunde, bei gleichzeitigem Energieverbrauch von einem Molekül ATP. Die Phagen-DNA umfasst 169.000 Basenpaare und liegt in weniger als 90 Sekunden ordentlich aufgewickelt in der Kopfkapsel. Das ist Schöpferhandwerk vom Feinsten!

import:phagen – Ein T4-Phage ist auf einem Bakterium gelandet. Im nächsten Moment wird sich die mittlere Säule zusammen ziehen und eine lange Röhre, wie eine Injektionsnadel, durch die Zellwand stoßen. Dann wird der lange DNA-Faden (hellgrün) aus der Kopfkapsel ins Innere des Bakteriums geschleust.

start:up

Fast die Hälfte unseres menschlichen Genoms besteht aus transponiblen Elementen (Abschnitte in der DNA, die ihre Position im Genom verändern können, auch »springende Gene« genannt) und die meisten Biologen sehen in ihnen »die Hinterlassenschaften uralter Virenangriffe«. Nach dieser Vorstellung hat sich in einer Entwicklungsgeschichte von vielen Millionen Jahren die eingeschleuste »Schadsoftware« eingedrungener Viren in unserer Erbinformation beständig angereichert. Unser Organismus hätte sich dann dagegen gewehrt, indem er die betroffenen Abschnitte (hauptsächlich durch eine chemische Blockade: »Methylierung«) abgeschaltet hätte. Legt man die Idee von den »uralten Virenangriffen« einfach mal beiseite, eröffnet sich hier ein ganz neuer Blick. Die Transposone könnten ein riesiger Fundus regulierender, modifizierender und sogar informationstragender Elemente sein und die Methylierung in erster Linie ein komplizierter Steuerungsmechanismus. Genau das legen aktuelle Forschungen nahe!

Vor diesem neuen Hintergrund erscheint die von der Mehrheit der Virologen vertretene Ausbruchshypothese oder Exosomtheorie plausibel: Unter bestimmten Stressbedingungen kommt es vor, dass Zellen kleine Bläschen aus ihrer Zellwand abschnüren, sogenannte Vesikel oder Exosomen. Sie können alle möglichen Zellbestandteile (Proteine, Lipide, RNA, DNA) und Rezeptoren beinhalten und einiges spricht dafür, dass hin und wieder alles Nötige enthalten war, um sich selbstständig zu machen und zu einem Virus zu werden. Die starke Ähnlichkeit von Viren und Transposonen wird damit genau andersherum gedeutet – nicht unser Genom (und das fast aller Lebewesen) besteht überwiegend aus alten Viren, sondern (manche) Viren entstammen dem Genom lebender Zellen.

degenerier:ende

Es gibt noch eine weitere Entstehungsmöglichkeit, die weder eine spezielle Schöpfung Gottes noch eine evolutive Höherentwicklung erfordert: die Reduktionshypothese. Sie besagt, dass Viren degenerierte Überreste von Bakterien sein könnten. Ein Kandidat für diesen Entwicklungsweg wäre das Mimivirus, das in Amöben vorkommt. Es wird auch als Megavirus bezeichnet, weil es 100-mal voluminöser ist als die kleinsten Viren. Sein großes DNA-Genom von 1,2 Millionen Basenpaaren ist komplex strukturiert und enthält einige Gene, die man auch aus bestimmten Bodenbakterien kennt. Wie es in der Vergangenheit dazu kam, dass ein hochangepasster Mikroorganismus so drastisch verkümmerte, dass er nun als lebloser Virus weitergereicht wird, ist nicht bekannt. Für den Verlust komplexer genetischer Informationen, Strukturen und Fähigkeiten gibt es allerdings eine gewisse Wahrscheinlichkeit und derartige Vorgänge wurden vielfach beobachtet.

Sollte diese Theorie stimmen, hätte sie den Charme, dass es einen fast fließenden Übergang zwischen dem kleinsten Noch-Lebewesen und dem größten Nicht-mehr-Lebewesen gibt. Das Bakterium Mycoplasma genitalium, ist äußerlich gleich groß, hat mit 580.000 Basenpaaren aber nur ein halb so großes Genom wie das Mimivirus. Es ist nicht in der Lage, selbstständig zu leben, sondern kann nur in seinen Wirtszellen existieren und nutzt dessen Gene und Stoffwechselwege wie ein Virus. Vielleicht kann man sich die Vorstufe des Mimivirus so ähnlich vorstellen.

corona:maß:nahme – Viren gibt es in verschiedenen Größen. Den Rekord hält das Pithovirus, das deutlich größer als Mycoplasma genitalium, das kleinste Bakterium ist. Dieses hat die gleiche Größe, wie das Mimivirus. Das Coronavirus SARS-CoV-2 rangiert im gleichen Bereich wie HIV.

ur:sprung

Als Zwischenergebnis lässt sich festhalten: Viren entstanden nicht durch Zufallsprozesse aus unbelebter Materie – weder in der Ursuppe, Urpizza oder Ureiscreme, noch hinter dem Uranus (genauso wenig wie irgendwelche anderen biologischen Strukturen). Einige wurden offensichtlich als geniale Regulatoren erschaffen, um die Bakterien im Zaum zu halten – wie die Phagen. Andere sind möglicherweise dem Genom lebender Zellen entsprungen und haben sich verselbstständigt, oder sie waren vorher lebende Zellen, die Selbstständigkeit und Eigenleben aufgegeben haben, um als Virus weiterkopiert zu werden.

Außerdem bleibt die Möglichkeit, dass die furchtbaren Krankheitserreger ursprünglich mit einer nützlichen Funktion erschaffen wurden und dann zur »Schadsoftware« entartet sind. In einigen Fällen war der Mensch außerdem zunächst gar nicht der Zielorganismus. Verschiedene Verhaltensweisen (z. B. Haltung, Zucht und Verzehr exotischer Tiere, Massentierhaltung) leisten dem Wirtswechsel Vorschub. Viren springen von Tieren auf Menschen über und können neue Epidemien auslösen.

Letztendlich ist es denkbar, dass sie sogar nach dem Sündenfall mit diesem traurigen Ziel erschaffen wurden. Denn auch der Mensch ist in der gefallenen Schöpfung biologisch gesehen ein Lebewesen in einem großen Netzwerk natürlicher Wechselwirkungen, das unter anderem durch Krankheit, Leid und Tod »reguliert« wird.

quo:virus

Da wir jetzt die Frage nach dem Warum und dem Woher beleuchtet haben, sollten wir am Schluss noch einen Blick auf die dritte Grundfrage werfen: Virus wohin? Besonders im Blick auf die COVID-19-Pandemie ist die Frage interessant, was über den weiteren Entwicklungsverlauf von Viren bekannt ist, besonders über den der Krankheitserreger. Die gute Nachricht ist, dass die Entropie (oder »Vergänglichkeit«, Röm 8,20), der die ganze Schöpfung unterworfen ist, auch vor der genetischen Information nicht Halt macht. Während es eine allgemeine Grundannahme der Evolutionstheorie ist, dass die genetische Information über die Zeit zunimmt und beständig neue Konstruktionen entstehen, legen die Daten der modernen Genetik genau das Gegenteil nahe. Obwohl Variation, Selektion und epigenetische Faktoren zu einer ständigen Anpassung und Optimierung aller Organismen führen, geht dies zu Lasten der genetischen Vielfalt. Zufällige Verluste (Gendrift, Aussterben von Populationen) und besonders Mutationen wirken ebenfalls negativ auf den Genpool, den Gesamtbestand der Gene, ein.

Auch das Coronavirus zerfällt zusehends. Auf verschiedenen Internetseiten lässt sich dieser Verfall live mitverfolgen. Es ist möglich, dass einzelne Varianten vom Immunsystem schlechter erkannt und bekämpft werden können. Allerdings ist bis heute kein Fall bekannt, bei dem ein eher harmloser Erreger zu einem richtigen »Killervirus« mutiert ist. Das Gegenteil ist der Normalfall: Der Erreger schwächt immer weiter ab und die Immunität der Bevölkerung nimmt zu. Es gibt noch eine weitere gute Nachricht. Das aktuelle Coronavirus SArS-CoV2 hat so große Ähnlichkeit mit den schon lange zuvor verbreiteten Erkältungsviren gleicher Kategorie, dass 40-60% aller gesunden Personen bereits immun dagegen sind. Möglicherweise liegt darin eine der Ursachen, warum, zumindest in Europa, die Tendenz erkennbar ist, dass in südlichen Ländern, die ein milderes Klima haben und weniger von Erkältungskrankheiten betroffen sind, weniger Menschen diesen natürlichen Schutz haben. Außerdem könnte es erklären, warum ein großer Anteil der Infizierten symptomfrei bleibt, und in engen Kontaktgruppen ohne Schutzmaßnahmen (Familien) häufig nicht alle Mitglieder infiziert werden. Mit mehr als fünf Jahren Abstand zum ersten Ausbruch lässt sich jetzt schon feststellen, dass COVID-19 seinen Schrecken verloren hat und sich in die altbekannten Varianten der Grippeerreger einreiht, ohne weiterhin besondere Aufmerksamkeit zu bekommen.

charakter:kopf – Diese Darstellung des Coronavirus SARS-CoV-2 wird inzwischen wohl von den meisten Menschen erkannt. Es hielt die Welt zwei Jahre lang in Atem und es ist erfreulich, dass sein Potential als Krankheitserreger bereits stark nachgelassen hat.

Größer noch als die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden der beiden »Coronajahre« sind allerdings die gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Verwerfungen, die sie hinterlassen haben. Wer nicht in Panik verfallen ist, den Zwangsmaßnahmen gegenüber skeptisch eingestellt war und die Impfung abgelehnt hat, sieht sich jetzt im Nachhinein bestätigt, denn das meiste davon erwies sich als wirkungslos oder sogar kontraproduktiv. Aber deswegen sollte sich niemand überheben. Der Erreger war unbekannt und die Situation einer weltweiten Ausbreitung in diesem Ausmaß ebenfalls neu. Die meisten Menschen und Regierungen haben mit den besten Absichten auf das Geschehen reagiert und im Nachhinein ist man immer schlauer. Jedenfalls ist es jetzt höchste Zeit für alle, die diese Rechnungen zwischen sich noch offen halten, aufeinander zuzugehen und Versöhnung zu suchen.

Quellennachweis:

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Bildnachweis:

Wikipedia: Darstellung von SARS-CoV-2 / Alissa Eckert

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