Sie sind fast überall anzutreffen, aber so klein und verletzlich, dass wir sie oft versehentlich zertreten. »Die Ameisen sind ein nicht starkes Volk« (Spr 30,25) und werden doch von Wissenschaftlern als »heimliche Herrscher« bezeichnet.
Der große König Salomo, ein vielseitiger Naturforscher und einer der weisesten Menschen aller Zeiten, »redete über die Bäume, von der Zeder, die auf dem Libanon ist, bis zum Ysop, der an der Mauer herauswächst; und er redete über das Vieh und über die Vögel und über das Gewürm und über die Fische« (1Kön 5,13). Viele seiner Beobachtungen übertrug er in Form von klugen Sprüchen, von denen er dreitausend verfasste, auf das menschliche Verhalten.
körner:sammler
In Sprüche 30,25 stellt er fest: »Die Ameisen sind ein nicht starkes Volk, und doch bereiten sie im Sommer ihre Speise.« Diese Aussage erscheint allerdings etwas merkwürdig: In Israel sind Ameisen das das ganze Jahr über aktiv und müssen keine Winterruhe einlegen. Warum sollten sie also im Sommer Vorräte anlegen? Außerdem assoziiert man mit dem Stichwort »Nahrung sammeln« eher hiesige Wald- oder Gartenameisen, die Insektenteile durch die Gegend schleppen – was aber haben Ameisen mit der Erntezeit zu tun?
Schaut man sich allerdings im Mittelmeerraum um, stellt man fest, dass dort ganz andere Ameisenarten vorherrschen. Die Römer gaben ihnen den lateinischen Namen formica, der sich von ferre mica – »Körner-tragen« ableitet, denn die verbreitetsten Arten dort sind allesamt Körnersammler und Granivoren (Körnerfresser). So kommt es, dass sich formica (bis heute) zu einer allgemeinen Bezeichnung für die Ameise etablierte.

fitter:schnitter
Mit ziemlicher Sicherheit kann man davon ausgehen, dass Salomo Ernteameisen beschreibt. Ihr lateinischer Gattungsname messor bedeutet »Schnitter«. Die hebräische Bezeichnung nemala für die Ameise leitet sich von dem Verb namal – »abschneiden, ernten« (vgl. Hi 24,24) ab, bedeutet also dasselbe. Die am weitesten verbreiteten und am häufigsten auftretenden Arten in Israel gehören dieser Gattung an. Zur Erntezeit häufen sie gewaltige Körnervorräte in unterirdischen Kammern auf. In Tunesien wurde das näher untersucht: 35 Messor-Kolonien transportierten dort in einem Sommermonat von einem Hektar Buschsteppe mehr als 20 Kilogramm Körner ab. Das lässt erahnen, welche Getreidemengen von dicht bewachsenen Feldern unter der Erde verschwinden. Da sie aber lediglich die Körner aufsammeln, die auf dem Boden liegen, sind sie keine Schädlinge und mindern den Ertrag des Landwirts nicht.
Es ist also gut nachvollziehbar, dass bei den fleißigen Ernteameisen im Sommer, der Zeit der Getreideernte, Hochbetrieb herrscht. Was aber hat es mit der Aussage auf sich, dass sie sich »ihr Brot« bereiten? Auch wenn das hier verwendete hebräische Wort lechem gelegentlich mit »Nahrung, Speise, Essen« im weiteren Sinn übersetzt werden kann, bezeichnet es in den meisten der fast dreihundert Erwähnungen in der Bibel eindeutig »Brot«. Tatsächlich ist es ein besonderes Kennzeichen der Messor Ameisen, dass sie Ameisenbrot herstellen.

weg:weisend
Die Ernteameisen haben noch mehr auf Lager: Besonders die Arbeiterinnen der Art Messor barbarus legen ein umfangreiches Verkehrsnetz aus gut ausgebauten Straßen an, das sie während der ganzen Erntesaison nutzen und mit großem Aufwand instandhalten. Bei Hochbetrieb erinnern diese Schnellstraßen an rasende Förderbänder. Die Streckenführung wird zunächst durch raffinierte Mechanismen so lange optimiert, bis die kürzeste Verbindung zwischen Nest und ergiebigsten Nahrungsgründen gefunden ist. Dann werden alle Steinchen, Blätter, Nadeln und ähnliche Hindernisse von den ausgewählten Trassen entfernt. Falls nötig, werden sogar Erdarbeiten durchgeführt, um einen Durchgang zu verbreitern oder Tunnel anzulegen. Wenn Salomo von der Ameise sagt: »Sieh ihre Wege und werde weise« (Spr 6,6), dann steckt offensichtlich weit mehr dahinter als ein allgemeiner Hinweis auf ihr Verhalten. Meister im Straßenbau sind im Übrigen nicht nur die Messor-Ameisen. Verschiedene Arten südamerikanischer Blattschneiderameisen bauen Wegenetze, die sogar auf Luftaufnahmen gut zu erkennen sind.

ei:brot
Die mühsam aufgebaute Infrastruktur ist eine wertvolle Errungenschaft, die gegen Ameisen anderer Kolonien und Arten vehement verteidigt wird. Der exklusive Nutzungsanspruch teilt ihr Verbreitungsgebiet automatisch in Nahrungsterritorien. Sobald die Claims abgesteckt sind, richtet sich die »Politik« der Kolonie nach deren Größe und Ergiebigkeit. Die Herstellung von Ameisenbrot beispielsweise ist ein so arbeitsintensiver Prozess, dass er nur von großen und ertragsstarken Kolonien angegangen werden kann. Darüber hinaus verfügen sie noch über einige weitere, höchst erstaunliche Strategien zur Steuerung der Bevölkerungsentwicklung: In Zeiten extremer Nahrungsknappheit legt die Königin der Unterart Messor capitatus nur noch unbefruchtete »Nähreier«, die gefressen werden und als zusätzliche Energiereserve dienen – es gibt sozusagen »Brot mit Ei«. Um dem Ganzen die Spitze aufzusetzen, können Kolonien dieser Art sogar den Verlust ihrer Königin verkraften. Die größten Arbeiterinnen entwickeln sich dann weiter und sind, auch ohne Befruchtung, nach einiger Zeit in der Lage, Eier zu legen, aus denen sowohl weibliche als auch männliche (!) Nachkommen schlüpfen.

planer:innen
Als staatenbildendende Tiere verhalten sich die Ameisen »eusozial«, das heißt, sie stellen ihre »persönlichen« Bedürfnisse völlig hinter denen der Allgemeinheit zurück. Sie sind hierfür sogar das Paradebeispiel, denn während es in allen anderen Familien der Stechimmen (Aculeata), selbst bei den Wespen und bei den Bienen neben den eusozialen auch einzelgängerische (solitäre) Arten gibt, sind die Ameisen immer und ausschließlich als »Insektenstaat« organisiert.

Jedem aufmerksamen Beobachter dürfte auffallen, dass in ihren Kolonien ein perfektes System der Arbeitsteilung herrscht, das stark an die menschliche Wirtschaftsform in Hochkulturen erinnert. Im Gegensatz zum Menschen brauchen die Ameisen allerdings keine Autoritäten, Aufpasser, Antreiber oder Regulatoren – ihre ausgeklügelte Ordnung funktioniert, obwohl sie »keinen Richter, Vorsteher und Gebieter« haben, wie Salomo ebenfalls beobachtet (Spr 6,7). Dabei sind sie keineswegs alle gleich. Als letztes besonderes Merkmal der Gattung Messor sei hier erwähnt, dass es extreme Größenunterschiede zwischen den Arbeiterinnen gibt. Aus der unterschiedlichen Größe ergibt sich die Arbeitsaufteilung. Ausgewachsene Individuen haben Körperlängen zwischen 4 und 14 Millimetern, obwohl sie genetisch identisch sind. Bei Messor barbarus gibt es drei verschiedene Größenklassen, die sich gegenseitig darüber informieren, wer für welchen Einsatz gebraucht wird, zum Beispiel in Abhängigkeit von der zu transportierenden Korngröße oder den abzuwehrenden Feinden. Noch deutlich größer als die größten Arbeiterinnen sind die Königinnen. Sie sind das größte Kapital einer Kolonie. Ihre Eierstöcke sind voll ausgebildet – sie sind wahre »Eierlegemaschinen« und können zudem sehr alt werden (bei einigen Arten bis zu 30 Jahre!). Ihr Gehirn ist jedoch nur wenig differenziert. Sie können definitiv nicht »regieren«.

Die unermüdlich umherwimmelnden Arbeiterinnen lernen weder durch Beobachtung noch durch Imitation, sondern erledigen »von selbst« Aufgaben, die genau zu ihrer Körpergröße passen. Dieses geheimnisvolle »von selbst« begegnet Naturforschern auf Schritt und Tritt. Auch im Ameisenstaat lassen sich Zweckmäßigkeit und Zielgerichtetheit der Struktur und Organisation auf jeder Ebene erkennen. Allerdings lässt sich die Intelligenz, die hier am Werk ist, nirgendwo im System lokalisieren. Die einzelne Ameise ist nicht intelligent. Das ausgeklügelte Zusammenwirken aller Individuen im großen Superorganismus ist ein deutlicher Hinweis auf den großen Planer und Schöpfer des Ganzen.
myrmeko:logisch
Das Verhalten der Ameisen, besonders ihre Kooperation und Kommunikation, eignen sich wie kaum ein anderer Forschungsgegen stand dazu, die ewige Kraft und Göttlichkeit (Röm 1,20) des Schöpfers zu erkennen. Aber der Rückschluss von der Schöpfung auf den Schöpfer ist kein zwingender – jeder Mensch hat die Freiheit, sich dieser Erkenntnis zu verweigern.
Leider deutete der brillante Wissenschaftler, dem wir einen großen Teil der heutigen Erkenntnisse über Ameisen verdanken, seine überwältigenden Entdeckungen völlig anders. Edward Osborne Wilson (1929-2021) empfand schon als Kind eine besondere Faszination für Ameisen, begann als Teenager, Insekten zu studieren, und blieb dieser Leidenschaft sein Leben lang treu. Er eröffnete der staunenden Fachwelt immer wieder neue, überraschende Details über die internen Abläufe im hochkomplexen Insektenstaat. Das amerikanische Nachrichtenmagazin TIME listete ihn 1996 unter den fünfundzwanzig einflussreichsten Amerikanern auf. Nicht, weil sich plötzlich jedermann in den USA brennend für Ameisen interessiert hätte, sondern weil er, wie Salomo, seine Beobachtungen auf das Zusammenleben der Menschen übertrug. In den Büchern On human nature (1979, dt. »Biologie als Schicksal«) und The Ants (1991, dt. »Ameisen«) belegt er seine naturalistische Weltsicht anhand der gewonnenen Daten so bestechend nachvollziehbar, dass er für beide Werke jeweils die höchste Literaturauszeichnung der USA erhielt, den renommierten »Pulitzer-Preis«. Heute gilt Wilson als der Begründer der »Soziobiologie«. Er vertritt die Auffassung, dass menschliches Verhalten und moralisches Denken auf jeder Ebene naturwissenschaftlich erklärbar sind.

ver:lebt
In dem Buch Der Sinn des menschlichen Lebens, seiner letzten Veröffentlichung, entfaltet der fast 90-jährige Naturforscher ein atemberaubendes Panorama sensationeller Entdeckungen aus verschiedensten Bereichen der Wissenschaft. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die mit der systematischen Erforschung der Natur so früh begannen, eine derartige Ausdauer an den Tag legten, Zugriff auf so große finanzielle, personelle und apparative Ressourcen hatten und sich dazu modernster Methoden bedienen konnten wie Wilson. Er gewann in seinem langen Forscherleben tiefste Einblicke in das geniale Design der Schöpfung – doch den Schöpfer erkannte er darin nicht. Das Buch ist sehr lesenswert, denn es ist ein guter Beleg dafür, dass es in einer zufallsbestimmten Welt ohne übergeordnete Ziele und Absichten keinen Sinn geben kann. Der Autor weicht dieser niederschmetternden Erkenntnis aus. Er stellt fest, »dass die Zufälle der Geschichte, nach den Gesetzen des Universums in sich überlappenden Netzwerken von Ursachen und Wirkungen, und nicht die Absichten eines Schöpfers unser Dasein ergeben«. Deswegen bestünde der Sinn »in der Erzählung unserer Spezies, die mit der biologischen Evolution und der Urgeschichte begann, und weiter in die historischen Zeiten vordrang und jetzt, Tag für Tag, immer schneller in die offene Zukunft; zu dieser unserer Erzählung gehört auch das, was wir aus eigener Entscheidung heraus werden wollen«. Die »Erzählung der Menschheitsgeschichte« sei also der Sinn des menschlichen Lebens – eine Geschichte, die allerdings nach naturalistischem Verständnis irgendwann in naher oder ferner Zukunft, nach dem Verlöschen unserer Spezies, niemanden mehr hat, der sie erzählt und auch niemanden, der sie hört.
sinn:frei
Wilson erklärte, warum er diese Erzählung trotzdem als Befreiung empfindet: »Ich meine die Erzählung, die durch wissenschaftliche Forschung sichtbar geworden ist, nicht deren archaische, von Religion und Ideologie durchtränkte Version. Ich glaube, wir verfügen über genug und ausreichend klare Beweise, um so viel sagen zu können: Wir sind nicht als Produkt einer übernatürlichen Intelligenz entstanden, sondern durch Zufall und Notwendigkeit als die eine Art unter Millionen Arten in der Biosphäre. Wir mögen etwas anderes hoffen und wünschen, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass eine äußere Macht wohlwollend über uns waltet, uns ist kein nachweisliches Schicksal oder Ziel zugeteilt, und nach diesem Leben ist uns kein zweites versprochen. Wir sind allem Anschein nach ganz allein. Und das ist, wie ich finde, sehr gut so. Es bedeutet, dass wir völlig frei sind. Deshalb können wir auch besser die Ursachen für die irrationalen Glaubensformen diagnostizieren, die uns so ungerechtfertigterweise spalten. Vor uns liegen ganz neue Möglichkeiten, von denen man früher kaum träumen konnte. Mit ihrer Hilfe können wir voller Zuversicht das größte Ziel aller Zeiten angehen, nämlich die Einheit der Menschheit.«

muskel:zwerge
Was hat es aber mit der Aussage auf sich, die Ameisen seien ein »nicht starkes Volk«? Sind nicht gerade die Ameisen für ihre unglaubliche Körperkraft bekannt? Irrt die Bibel hier?
Es sieht beeindruckend aus, wenn diese Winzlinge Blattstückchen, Tannennadeln und Beutetiere umherschleppen, die um ein Vielfaches größer sind als sie selbst. Tatsache ist, dass sie ungefähr das 40fache ihres Körpergewichts hinter sich her schleifen und sogar das 100fache kopfüber hängend festhalten können. Aber das beeindruckt nur, wenn wir uns in ihre kleine Welt hineindenken, denn in absoluten Zahlen ist ihre Kraft natürlich sehr gering. Sie sind offensichtlich schwach.

Mitunter wird fantasievoll ausgemalt, was für Kraftprotze Menschen wären, wenn sie das Hundertfache ihres Körpergewichts halten könnten, oder wie stark Ameisen wären, wenn sie die Größe von Menschen hätten. Doch der entscheidende Punkt, der in diesen Darstellungen übersehen wird, ist folgender: Ihre Leistung lässt sich nicht einfach in unsere menschliche Dimension umrechnen. Das liegt an den Skalierungsgesetzen, die in diesem Fall bedeuten, dass Masse und Volumen eines Körpers als Raumdimensionen in der dritten Potenz seiner Länge zunehmen, während die Leistung der Muskulatur nur im Quadrat (entsprechend dem Durchmesser der Muskelfaserbündel) wächst. Das klingt kompliziert … also in Zahlen: Eine Arbeiterin der Ernteameise (8 Millimeter lang, 8 Milligramm schwer) wird einer menschlichen »Arbeiterin«, also einer durchschnittlichen deutschen Frau (1,60 Meter groß; Gewicht: 67 Kilogramm), die körperliche Arbeit gewohnt ist, gegenübergestellt. Würde man die Ameise nun auf die Größe dieser Frau skalieren (= Länge x 200), so läge ihr Gewicht (das im Kubik zunimmt = Gewicht x 200 x 200 x 200) dann bei 64 Kilogramm, aber ihre Kraft hätte nur im Quadrat zugenommen (= Kraft x 200 x 200). Selbst wenn sie vorher das Hundertfache ihres Körpergewichts tragen konnte, wäre es jetzt nur noch die Hälfte ihres Körpergewichts, also 32 Kilogramm – und da bewegt die deutsche Durchschnittsfrau, wenn es drauf ankommt, deutlich mehr!

boden:truppen
Über Ameisen ließe sich unfassbar viel erzählen. Das besagte Werk The Ants von Wilson ist ein großformatiger Wälzer von 746 Seiten und gibt nur einen Überblick! Ameisen bauen verrückte Behausungen, leben in bemerkenswerten Symbiosen mit einer Vielzahl von Pflanzen, Pilzen und Tieren, bestreiten ihren Lebensunterhalt als Jäger und Sammler, Nomaden, Viehzüchter, Räuber und Sklavenhalter. Ihre Strategien in Angriff, Verteidigung und Selbstverwaltung sind ungemein viel fältig und ständig wird Neues über sie entdeckt. Vor kurzem wurde das Verhalten von Colobopsis explodens näher unter sucht, einer Schuppenameise, die sich vor einem Angreifer selbst in die Luft sprengt, indem sie ihren Hinterleib zusammenpresst und platzen lässt, wobei ein ätzendes Gift verspritzt wird. Sie opfert ihr Leben so dem Schutz der Kolonie.
Da sie nur in zwei Bibelstellen erwähnt werden, steht ihnen in diesem Buch eigentlich nicht mehr Platz zu. Es juckt dem Autor gewaltig in den Fingern, von der Argentinischen Ameise (Linepithema humile) zu berichten, die per Schiff nach Europa kam, sich als aggressiver Invasor unaufhaltsam ausbreitet, alle anderen Ameisenarten vernichtet und inzwischen den größten bekannten Superorganismus dieser Erde bildet. Ihr Territorium zieht sich über 6.000 Kilometer entlang der Mittelmeer- und Atlantikküste von Norditalien bis Nordspanien (und die Front läuft durch den Parque Discovery!). Wer spannende Geschichten liebt, recherchiere diesen Umwelt-Krimi selbst …

Trotz Platzbeschränkung soll noch auf eine Gattung eingegangen werden, die in allen Ländern der Bibel verbreitet war und in Israel intensiv erforscht wurde (auch wenn Salomo sie vielleicht noch nicht auf dem Schirm hatte): Wüstenameisen der Gattung Cataglyphis!

unver:wüstlich
In der Mittagshitze des Sommers, wenn Sonne und Thermometer um die Wette klettern und in den Wüstenregionen von Negev und Sinai kaum ein anderer Gliederfüßer mehr im Sonnenlicht aktiv ist, schwärmen sie aus, um Nahrung herbeizuschaffen. Doch was für Nahrung kann es in dieser Einöde schon geben? Des einen Leid ist des anderen Freud – Insekten, die durch ungünstige Winde herangetragen werden und hier vergeblich nach einem Schattenplatz suchen, haben in der Hitze keine Überlebenschance. Ihre gerösteten Überreste sind die Lebensgrundlage der Wüstenameise. Da jeden Tag nur wenige »Hitzetote« in Reichweite eines Nestes landen, sind sie für deren Auffinden und Einsammeln genial angepasst. Um diese Zeit müssen sie weder Fressfeind noch Nahrungskonkurrenten fürchten. Mit ihren langen Beinen halten sie den Körper möglichst weit vom glühend heißen Boden entfernt, den Hinterleib steil in die Luft gehoben. So ist er nicht nur besser gegen die Hitzestrahlung von unten geschützt, sondern kann auch den Rest des Körpers beschatten. Die Wüstenameisen laufen mit hoher Geschwindigkeit, um den aufgeheizten Panzer im »Fahrtwind« zu kühlen und in kurzer Zeit möglichst viel zu erledigen. Ihr ganzer Stoffwechsel ist extrem thermophil (=wärmeliebend) optimiert, sodass sie auf die Hitze sogar angewiesen sind. Bei einer Art beispielsweise liegt die Körpertemperatur ihrer höchsten Aktivität bei 48 Grad, aber bereits bei 50 Grad ist mehr als die Hälfte der Tiere nach 10 Minuten tot. Das ist bei allen Arten ähnlich. Sie bewegen sich auf einem sehr schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Die Art Cataglyphis bicolor hält mit einer dauerhaft tolerierten Körpertemperatur von 55,1 Grad sogar den Rekord unter allen Insekten. Trotz aller Anpassungen ist dieser Außendienstjob das reinste Himmelfahrtskommando. Im Sommer wurden unter Extrembedingungen Tagesverluste von bis zu 16 Prozent der Suchtruppen festgestellt, die einzelnen Tiere überlebten die Tortur im Durchschnitt 6,1 Tage.

time:up
Diese besonderen Rahmenbedingungen erzwingen taktisches Vorgehen. Im Gegensatz zu fast allen anderen Ameisenarten, arbeiten die Wüstenameisen nicht als Team, sondern sind Einzelkämpfer. Sie verzichten auch vollständig auf die Markierung ihrer Pfade mit Pheromonen (= Duftstoffen). Ziel ist es, ein möglichst großes Gebiet mit möglichst wenigen Außendienstmitarbeitern vollständig nach »Grillgut« abzusuchen. Für den einzelnen Jäger steht pro Suchlauf nur ein kleines Zeitfenster zur Verfügung. Es liegt auf der Hand, dass die Zeit nur ideal ausgenutzt werden kann, wenn die Rückkehr ins Nest weder zu früh noch zu spät stattfindet, die Tiere also erst kurz vor der Überhitzung wieder in ihr kühles Erdloch schlüpfen. Genau das lässt sich beobachten. Die Tiere suchen in einem Zickzacklauf nach Beute und rasen kurz vor Ablauf ihrer Zeit in einem pfeilgeraden Sprint zurück ins Nest. Ihre Geschwindigkeit ist atemberaubend und eine nahe Verwandte aus der Wüste Sahara, die Silberameise (Cataglyphis bombycina) gilt mit dem Spitzentempo von 108 Körperlängen pro Sekunde sogar als schnellstes Insekt.

ziel:sicher
Seit Bekanntwerden dieses Verhaltens vor über 30 Jahren versuchen die Forscher es zu enträtseln. Die erstaunlichen Entdeckungen, die sie dabei gemacht haben, machen die Wüstenameisen zu einem wichtigen Modellorganismus für Verhaltenssimulation. Die Frage nach ihrer Orientierung stand dabei von Anfang an im Mittelpunkt. Schnell wurde klar, dass sie ausschließlich optisch und nicht etwa durch Geruch-, Schall- oder Magnetortung möglich ist. Auf der anderen Seite war ebenso klar, dass die Optik allein nicht ausreichen kann. Die Tiere können ihren Nesteingang, ein kleines dunkles Loch im Boden, definitiv nicht sehen und laufen eine unbekannte Strecke ohne erkennbare Landmarken. Für die Arten, die auf Dünen leben, kommt hinzu, dass ihnen das Abspeichern von Landmarken nichts nützen würde, da die Düne ihr Aussehen durch Winderosion permanent verändert (auf diesen kleinen Maßstab bezogen sind die Veränderungen von einem Tag auf den nächsten radikal). Die Experimente zu diesem Thema sind ein echtes Highlight biologischer Feldforschung und der heutige Stand der Erkenntnis bereits sensationell. Die Tiere haben einen Sonnenkompass, für den sie die Sonne selbst nicht einmal sehen müssen. Ein kleines Stück Himmel reicht aus, um aus der Polarisationsebene des Lichts, verrechnet mit einer genauen Tageszeitangabe, die exakte Himmelsrichtung zu bestimmen. Dieser Kompass wird mit einem äußerst zuverlässigen Schrittzähler kombiniert.

Durch die Schrittlänge sind die zurückgelegten Wege mit ihrer jeweiligen Richtung bekannt. Die Daten werden vektoriell verrechnet. Dadurch weiß die Ameise in jedem Augenblick, in welcher Richtung und welcher Entfernung sich der Nesteingang befindet. Ein zusätzlicher Clou war die Entdeckung, dass auch Steigungswinkel mit eingerechnet werden. Das ist zwar in der Ebene nicht nötig, auf der Düne aber unerlässlich. Die Ameise vollbringt diese mathematische Leistung in einem winzigen Gehirn aus wenigen Nervenzellen, mit einem Gewicht von weniger als 0,1 Milligramm. Die Hoffnung ist, dass sich aus der logischen Struktur ihres Mini-Computers Lösungen für ähnliche Probleme in der Robotik ableiten lassen.
unter:schlupf
Wenn alles klar zu sein scheint … – ist das oft erst der Anfang. Nach dem Schrittzähler und Sonnenkompass durch ausgeklügelte Experimente exzellent untersucht und beschrieben waren, musste der »Fall Wüstennavi« 2016 nochmal ganz neu aufgerollt werden. Man hatte nämlich Arbeiterinnen von Cataglyphis bicolor dabei beobachtet, dass sie ihre Nestgenossinnen gelegentlich über weite Strecken tragen. Worin der Nutzen dieses »Shuttles« besteht, ist noch unklar. Der Clou ist aber, dass das getragene Tier, dessen Schrittzähler während des Transports stillgestanden hat, fast ebenso gut ins Nest zurückfindet, wie die Läuferin, wenn man die beiden voneinander trennt. Setzt man dem Passagier allerdings kleine Plastikkappen auf die Facettenaugen, während er sich durch die Wüste tragen lässt, ist er hinterher total orientierungslos. Mit diesem Experiment ließ sich belegen, dass die Tiere den »optischen Fluss« der vorüberhuschenden Landschaft, in Verbindung mit dem Sonnenstand, zur Orientierung nutzen. Dieser Mechanismus ist von vielen Insektenarten bekannt (und an Bienen bereits sehr gut erforscht). Offensichtlich wird er nur aktiviert, wenn der Schrittzähler nicht mitgelaufen ist. Es ist so, als würde man einfach wieder zum alten Autoatlas im Handschuhfach greifen, wenn das supermoderne Navi Ladehemmung hat.

Und auch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Neuere Untersuchungen zeigen außerdem, dass die Tiere sich in der Nähe des Nesteingangs, dem ständig CO2 entströmt, durch ihren Geruchssinn leiten lassen, dass sie die Vibrationen des unterirdischen Nestgewimmels noch in zwei Meter Entfernung wahrnehmen und sich darüber hinaus auch mit Magneten »einnorden« lassen. Warum sollte man sich mit einem Backup-System begnügen, wenn der Schöpfer einem gleich drei mit in die Wüste schickt?!
Die Wüstenameisen wissen jederzeit, wo sie Zuflucht finden. Ihr Leben hängt davon ab. Kennen wir unsere Zuflucht, wenn wir merken, dass uns »der Boden zu heiß wird«? Gott stellt sich Seinem Volk in vielen Bibelversen als ihr Schatten und Zufluchtsort vor, zum Beispiel hier: »Der Herr ist mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Schutz, zu ihm werde ich Zuflucht nehmen, mein Schild und das Horn meines Heils, meine hohe Festung.« (Ps 18,3) – und Er freut sich über jeden, der sich zu Ihm flüchtet.

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www.n-tv.de: Ameise trägt 100-faches Körpergewicht – Erstaunliches Bild ausgezeichnet. n-tv 20.02.2010; aufgerufen am 27.01.2025
Bildnachweis:
Wikipedia: Ameisenstraße / Fir0002 // Arbeiterin (Messor arenarius) mit Ameisenbrot // ירּוַא: Portrait Edward O. Wilson / Jim Harrison – PloS
andere Lizenzen: Titelbild – Ameisen (Messor barbarus) / ID_2156758433 / alvarobueno // große Ameise mit Samen neben kleiner / ID_1797923344 / JorgeOrtiz_1976 // Ameisen schleppen riesige Samen / ID_2290982021 / Eko Budi Utomo // Arbeiterin (Cataglyphis bicolor) / ID_1982815586 / Macronatura // Wüstenameise / ID_1267703899 / Itsik_Marom // Ameise am Nesteingang / ID_2643174097 / Bolucevschi Vitali // Rezept für Ameisenbrot / Cornelius vom Stein // Ameisenfloß der Feuerameisen / Nathan Mlot // Ameise hält 500 mg Gewicht / Thomas Endlein // Invasion der Argentinischen Ameise / Alex Wild // Experiment zum Schrittzähler / Matthias Wittlinger // eine Ameise trägt eine andere / Matthias Wittlinger
Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen
