Sie sind zähe Überlebenskünstler, zählen zu den ältesten Kulturfolgern des Menschen und begleiten ihn überallhin, solange es ihnen nicht zu kalt wird. Da sie nachtaktiv sind und sich meistens mit Resten und Abfällen begnügen, die auf dem Boden, in Müllgruben und im Abort landen, kann man sie leicht ausblenden. Ärgerlich wird es nur, wenn sie Kleider, Tücher und sonstige Textilien ruinieren oder Bücher in ihre Einzelteile zerlegen. Da sie eine Vielzahl von Krankheitserregern verbreiten können werden sie heutzutage allerdings überall dort bekämpft, wo auf besondere Hygiene geachtet wird – zum Beispiel in Krankenhäusern, in der Lebensmittelproduktion und in der Gastronomie.
In Israel sind heute über 100 Arten aus der Ordnung der Schaben (Blattodea) heimisch. Viele von ihnen sind Einwanderer, die aus anderen Teilen der Welt eingeschleppt wurden. Zu den Arten, die schon in der Antike in menschlichen Behausungen und Lagerräumen herumwimmelten, zählen die Kakerlake oder Gemeine Küchenschabe (Blatta orientalis) und die Möbelschabe (Supella longipalpa). Bei beiden stehen neben Holz, Leder und Papier auch Textilien aus Schafwolle, Baumwolle und Leinen auf dem Speiseplan. Deswegen sind sie denkbare Kandidaten, für eine Bezeichnung mit dem hebräischen Wort sas, wenn es heißt: »Denn wie ein Kleid wird sie verzehren die Motte, und wie Wolle sie verzehren die Schabe« (Jes 51,8). Wahrscheinlich aus Indien wurde dann vor 1.200 Jahren Blattella germanica in den Nahen Osten eingeschleppt. Vor etwa 400 Jahren verbreitete sie sich dann auch in fast ganz Europa, wobei sie in den kühleren und nördlicheren Regionen zuletzt ankam – trotzdem heißt sie jetzt offiziell »Deutsche Schabe« – Danke!

schaben:schaden
Eigentlich klingt das Wort eher nach einer Ableitung des assyrischen sâsu und ähnlich lautenden Wörtern in Arabisch, Aramäisch und Äthiopisch, so wie dem armenischen zez und dem griechischen ses – die allesamt die Motte bezeichnen. Aber da das Wort nur in diesem Vers vorkommt, das gebräuchlichere Wort für die Motte asch ebenfalls enthalten ist, die Kakerlake ein mindestens ebenso großer Textilschädling ist und man das Gewimmel damals nicht so genau unterschied, ist es gut möglich, dass hier tatsächlich von Schaben die Rede ist. Es ist nicht so, dass dieses unspezifische Benennen etwas typisch Orientalisches oder Altertümliches wäre, auch im Deutschen galt »Schabe« bis vor wenigen Jahrhunderten als allgemeiner Oberbegriff für diese Schädlinge, der auch die Motten umfasste.
Motten sind allerdings auf eine bestimmte Ernährung festgelegt und werden danach benannt. So gibt es die Kleider-, Kork-, Pelz-, Tapeten-, Dörrobst-, Kakao-, Mehl- oder Wachsmotten. Schaben dagegen sind Generalisten und erschließen sich zum Leidwesen der Bewohner in jedem Haushalt ein breites Nahrungsspektrum.

einfach:starke:kakerlake
Angesichts einer einzigen Erwähnung in der Bibel steht den Schaben hier im Buch nicht mehr Raum zu. In der Biologie schätzt man sie allerdings sehr, wenn man die Funktion des Nervensystems bei Insekten studieren will. Während man sich bei manchen Arten fragt, wie sie komplexe Lern- und Rechenleistungen mit ihren winzigen Neuronennetzen meistern, wirkt bei den Schaben alles sehr überschaubar. Ihr simples und robustes System kommt den Forschern sehr entgegen. Immer wieder zeigt es sich in der Schöpfung, dass verschiedene Strategien zum Erfolg führen. Es muss kein Nachteil sein, wenn man »einfach gestrickt« ist. So kann man einer Küchenschabe den Kopf abtrennen – und sie lebt erstmal ganz normal weiter. Da sie keine Nahrung mehr aufnehmen kann, verdurstet sie zwar nach ein bis zwei Wochen, aber alle Körperfunktionen werden dezentral gesteuert und sind nicht beeinträchtigt.

Wenn keine Partner da sind, legt das Weibchen trotzdem Eier, die sich auch unbefruchtet entwickeln. Sollte im Dienst der Hygiene Schädlingsbekämpfung mit Insektiziden durchgeführt werden, ist es wichtig, tote Tiere umgehend zu entsorgen. Die Weibchen tragen ihre Eier in Paketen (Ootheken) mit sich herum. Der Nachwuchs ist darin gut verpackt und geschützt und schlüpft auch nach dem Tod der Mutter noch aus. Obwohl bei Blatta orientalis beide Geschlechter die genetische Information zum Bau von Flügeln haben, werden diese nur reduziert ausgebildet und die Tiere können nicht fliegen – brauchen sie aber auch nicht. Interessanterweise gibt es viele Beispiele für den Verlust einer komplexen Fähigkeit, wie die des Flugvermögens bei Insekten und Vögeln, aber nicht ein einziges genetisch und fossil nachvollziehbares Beispiel, für die schrittweise Entstehung von derartigem. Die fehlende Evidenz für die Entwicklung neuer Baupläne und Konstruktionen (Makroevolution) ist einer der größten Kritikpunkte an den Modellvorstellungen der Evolutionstheorie.
robo:roach
DIY – Wir basteln eine Cyborg-Kakerlake! Mit dem Neuroscience-Kit: »The RoboRoach Bundle«, Angebotspreis: 199 US-Dollar, https://backyardbrains.com/products/roboroach, kann es sofort losgehen. Der Bausatz enthält ein Elektronikbauteil, das in einem kurzen Eingriff mit dem Nervensystem einer mexikanischen Riesenkakerlake (Blaberus discoidalis) verbunden wird. Die Insekten und alles, was zu ihrer Aufzucht nötig ist, sind im Set enthalten. Über eine Android-App lässt sich das Tier nach erfolgreicher Implantation des Empfängers mit dem Smartphone fernsteuern. Die robuste Kakerlake nimmt durch diese Prozedur keinen bleibenden Schaden. Sie lebt nach dem Rückbau der Steuerung ganz normal weiter und erleidet, nach aktuellem Forschungsstand, auch keinerlei Schmerzen. Trotzdem findet diese Art »wissenschaftlicher Spielerei« kulturbedingt in Deutschland viel weniger Anhänger als in den USA. Dieser kleine Exkurs sollte nicht als »Schleichwerbung« verstanden werden – er illustriert nur sehr gut, wie einfach das Nervensystem der Schabe strukturiert ist, dass es kinderleicht verdrahtet und extern gesteuert werden kann.

Quellennachweis:
Cochran, DG: Blattodea: cockroaches (S. 108-112, Encyclopedia of insects). Cambridge, Massachusetts, USA (Academic Press) 2009; doi: 10.1016/b978-0-12-374144-8.00036-9
Kemper, H: Die tierischen Schädlinge im Sprachgebrauch (S. 66-69). Berlin (Duncker & Humblot) 1959
Bildnachweis:
Titelbild Schaben (Blattella germanica) /shutterstock_ID_2541775887 / Shahidphotographer // Gemeine Küchenschabe /shutterstock_ID_2494723381 / Jay Ondreicka // Deutsche Schabe mit Oothek /shutterstock_ID_2477721195 / YashiS007 // Schabe mit Fernsteuerung / RoboRoach ™
Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen
