Die Ozeane bedecken über 70 Prozent unseres Planeten und beherbergen eine Fülle von Lebewesen. In der Bibel werden nur wenige davon erwähnt, obwohl viele Arten bekannt waren und auf unterschiedliche Weise genutzt wurden. Aus dem formenreichen Stamm der Nesseltiere wird ein Vertreter genannt, der begehrten Schmuck liefert …
Die Kalkgerüste der Edelkoralle (Corallium rubrum), auch Rote Koralle oder Blutkoralle genannt, begegnen Archäologen schon als steinzeitliche Grabbeigabe. Typisch ist ihr tiefroter, warmer Glanz. Sie fühlen sich weich und glatt an, lassen sich gut verarbeiten und sind schwer zu gewinnen. Diese Eigenschaften machten sie zu einem wertvollen Handelsgut, das zu kostbaren Schnitzereien, Hals ketten, Armbändern und Amuletten verarbeitet wurde.
erstrebens:wert
In der Bibel wird die Koralle mit dem hebräischen Wort panin (Hi 28,18: Spr 3,15; 8,11; 20,15; 31,10; Klg 4,7) bezeichnet. In einigen Übersetzungen wird auch das Wort ra‘ma (Hi 28,18; Hes 27,16) mit Koralle übersetzt, es deutet allerdings einiges darauf hin, dass in diesem Fall die Perle gemeint ist. Jedenfalls werden in Hiob 28,18 beide Ausdrücke in einer Aufzählung genannt – sie bezeichnen also offensichtlich nicht das Gleiche.
Es ist bemerkenswert, dass nicht nur der Wert der Koralle betont wird, sondern dass sie in fünf von sechs Versen der Weisheit und Erkenntnis gegenübergestellt wird. Die Koralle steht für etwas Irdisches, das wertvoll und sehr schwer zu gewinnen ist. Die Weisheit und Erkenntnis, die Gott schenkt, sind allerdings viel wertvoller – obwohl Gott sie gerne jedem gibt, der darum bittet (Jak 1,5).
Am bekanntesten ist wohl der Vergleich von Korallen und ihrem hohen Wert mit der idealen Ehefrau – die vielleicht noch schwerer zu finden ist, deren Wert aber weitaus größer ist (Spr 31,10). König Lemuel, der dieses kleine Loblied verfasste, arrangierte die Lehren seiner Mutter darin in Form eines Akrostichons. Das bedeutet, dass die Anfangsbuchstaben der Verse dem Alphabet folgen und die Eigenschaften der Frau »von A-Z« (bzw. von Aleph bis Taw) aufzählen. Hierbei fällt ein zweiter Vergleichspunkt mit der Koralle auf: »Anmut ist Schein und Schönheit vergeht. Lob verdient eine Frau, die Ehrfurcht vor dem HERRN hat« (Spr 31,30 NGÜ). Hier stehen also nicht, wie in vielen Liebesliedern, äußere Vorzüge im Mittelpunkt, sondern ihre »inneren Werte«. Der Schlüssel zu den hervorragenden Eigenschaften, die dort genannt werden, ist die Liebe der Frau – zu Gott (V. 30), ihrem Mann (V. 11), ihren Kindern (V. 28) und ihren Nächsten (V. 20).

stein:bauten
Was die natürliche, biologische Seite dieser erstaunlichen Lebewesen angeht, gäbe es viel zu erzählen. Die gesamte Klasse der Blumentiere (Anthozoa), zu der die meisten Korallen zählen, wurde von den Gelehrten früher dem Pflanzenreich zugeordnet. Mit ihren fest angewachsenen (sessilen) und oft buntgefärbten, weitverzweigten und aufgefächerten Strukturen sehen die meisten tatsächlich wie kleine Büsche oder Sträucher aus. Da man aber feststellte, dass ihre Gerüste aus Mineralien statt aus Holz bestehen und sie außerdem kleine, bewegliche Fortsätze zur Nahrungsgewinnung haben, räumte man ihnen eine Sonderstellung ein. Aristoteles war seiner Zeit weit voraus und bezeichnete sie schon im 4. Jahrhundert v. Chr. als zoophyta (Tierpflanzen). Andrea Cesalpino (1519–1603) führt sie in seinem Botanik-Lexikon als Lithophyta (Steinpflanzen) und bis in die Neuzeit galten sie als Meerespflanzen. Erst im 18. Jahrhundert setzte sich endgültig durch, dass Korallen Tiere sind. Als Carl von Linné die Organismen ordnete, griff er die Bezeichnung Zoophyta von Aristoteles wieder auf. Heute ist alles sehr viel komplizierter geworden. Obwohl alle Korallen zu den Nesseltieren (Cnidaria) zählen, handelt es sich um keine einheitliche Gruppe (Taxon). Die meisten sind Blumentiere, aber andere, wie die Feuerkorallen, zählen zur Klasse der Hydrozoen, zu der zum Beispiel auch die Quallen gehören.
Der Korallenstock der besagten Edelkoralle besteht aus den Kalkskeletten einer ganzen Kolonie winziger Bewohner, die nur in Poren der äußeren Schicht leben. Es handelt sich um Polypen – hauchzarte, fast durchsichtige Wesen mit langen Fangarmen, die sich hin- und herbewegen und dabei Nahrung aus dem Wasser filtern. Obwohl sie keine Organe im klassischen Sinn haben, gibt es spezialisierte Zellen für Verdauung und Fortpflanzung und obwohl sie keine Sinnesorgane und kein zentrales Nervensystem haben, sind die Zellen in der Lage chemische Reize, Licht, Temperatur-, Druck- und Strömungsveränderungen wahrzunehmen, auf Berührung zu reagieren und koordinierte Bewegungen auszuführen.

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Spezialisierte Zellen in ihrer Außenhaut, die Calicoblasten, führen einen Biomineralisationsprozess durch, indem sie Calcium-Ionen und Hydrogencarbonat aus dem Meerwasser aufnehmen, daraus Calciumcarbonat gewinnen und in Form von Calcit in ein Gerüst aus organischen Fasern (Biomatrix) einbauen. Wenn die Polypen der äußeren Schicht sterben, baut die nächste Generation ihre Skelette darüber auf, so dass der Korallenstock einige Millimeter pro Jahr wächst. Dieses langsame Wachstum ist ein Grund dafür, warum sie so selten sind.

Ein weiterer Grund ist, dass die Polypen sehr lichtscheu sind. Sie siedeln in einer Wassertiefe von mehr als 40 Metern – am liebsten unter Felsvorsprüngen oder in dunklen Spalten. Fehlen solche Schattenspender, sind sie erst ab 80 Meter Tiefe anzutreffen. Sie leben also nicht direkt an der Küste und waren für Taucher im Altertum kaum zu erreichen. Man behalf sich damit, zwei eisenbewehrte Holzbalken, die in Form eines »X« verbunden waren und an denen ein Schleppnetz befestigt war, vom Boot auszuwerfen und über die Unterwasserriffe zu schleifen. Zwar konnte man so ganze Korallenstöcke vom felsigen Untergrund abreißen und heraufbefördern, aber die Methode fügte den Riffen so schweren Schaden zu, dass die Korallen an den gut zugänglichen Bestände schnell ausgebeutet waren. Es dauerte Jahrzehnte bis zur Wiederbesiedlung und die Korallenstöcke blieben immer kleiner. Das machte die verästelten, blutroten Korallenstockfragmente im Altertum zu einem seltenen und kostbaren Gut. Mystiker hielten sie für »geronnene Meeressäfte« und schrieben ihnen allerlei heilende und schützende Fähigkeiten zu. Von diesen okkulten Zuschreibungen ist in der Bibel allerdings nichts zu finden.
mehr:bewohner
Zumindest zur Zeit des Neuen Testaments waren weltgewandten und gebildeten Juden viele Meerestiere bekannt, die in der Bibel nicht namentlich genannt werden. In der griechischen und römischen Küche wurden Muscheln, Schnecken, Tintenfische, Seeigel und natürlich Krebstiere wie Krabben, Hummer, Langusten und Garnelen verspeist. Für die Juden waren diese »Meeresfrüchte« gemäß den Speisevorschriften des Gesetzes allesamt unrein. Dass diese Tiere nicht gegessen wurden, heißt aber nicht, dass sie nicht anderweitig genutzt wurden. Abgesehen von Produkten, um die es in späteren Kapiteln geht (Perlen, Byssus, Purpur, Räuchermuschel), verwendete man Muscheln und Schnecken als Köder zum Angeln, gebrauchte nachweislich schon ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. Tintenfisch-Tinte (Sepia), um damit zu schreiben, und verwendete ihren Kalkkörper (Schulp) als Schleifmittel – um nur einige Beispiele zu nennen.

In Psalm 8,9 findet sich der schöne Ausdruck »was die Pfade der Meere durchzieht« – eine Sammelbezeichnung für die unfassbar vielfältige marine Tierwelt. Ob David, der diesen Psalm schrieb, die Hochsee aus eigener Anschauung kannte? Wir wissen es nicht. Immerhin hat Israel eine lange Küste entlang des Mittelmeers und seine poetischen Bezugnahmen, zum Beispiel auf »das Brausen der Meere, das Brausen ihrer Wellen« (Ps 65,8), lassen das sehr plausibel erscheinen. Auch ohne viel über das geheimnisvolle Leben im Meer zu wissen, hätte er als Strandwanderer jedenfalls auf die kleinen Vagabunden stoßen können, um die es im Folgenden geht (beispielhaft für unzählige andere Arten) und die auch immer wieder an Israels Stränden landen.

treib:gut
Ribeira d’Ilhas, 2020: An vielen Sandstränden stolpert man über ein mehr oder weniger breites Band aus Algen, Tang, Seegras, Holzstücken, Bimsstein, Fragmenten von Muschelschalen, Laich, Überresten von Meerestieren und Seevögeln und leider ziemlich viel Müll. Dieser angeschwemmte »Spülsaum« ist eine Fundgrube für Strandsammler. Besonders nach Sturmfluten kann man hier viele ungewöhnliche Dinge entdecken, die das aufgewühlte Meer aus der Tiefe hochgewirbelt und ans Ufer befördert hat.
Vor einiger Zeit zum Beispiel lagen überall kleine runde Folienstücke mit merkwürdig geriffelter Oberfläche herum, die an die Versiegelungen mancher Barbecue-Saucen erinnern. Mitunter kommt es zu größeren Ansammlungen, wenn eine ganze Containerladung von irgendetwas Schwimmfähigem über Bord geht oder das Treibgut aufgrund seines Formwiderstandes hydrodynamisch sortiert wird. Letzteres war tatsächlich eine heiße Spur – allerdings handelte es sich hier keineswegs um Plastikmüll …
matt:scheibe
… das fand der Autor aber erst heraus, als er nicht nur ein durchsichtiges »Skelett«, sondern eine farbenfrohe kleine Qualle gleicher Form in der Hand hatte und sie mithilfe von Google-Lens als Velella velella identifizierte. Zugegebenermaßen war ihm dieses Wesen bis dahin völlig unbekannt. Dabei kann man aufgrund der Tatsache, dass es sowohl im Deutschen als auch im Englischen gleich mehrere Trivialnamen, wie Segler-vor-dem-Wind, Sankt-Peters-Schifflein, Blauqualle, by-the-wind-sailor, sea raft und purple sail gibt, davon ausgehen, dass es sich um eine allgemein bekannte 08/15-Art handelt. Nichtsdestotrotz ist die Segelqualle, deren lateinischer Name Velella ebenfalls nichts anderes als »Segelchen« bedeutet, ein ganz erstaunlicher Organismus. Wie bei den meisten Quallen, handelt es sich um eine Kolonie von Zellen (Polypen) mit unterschiedlichen Aufgaben, aber ohne zentrale Steuerung.

sonnen:segel
Sie fristet ihr Dasein als Grenzgänger zwischen Ozean und Atmosphäre und ernährt sich von Kleinstlebewesen (Zooplankton), die sie aus den Nesselzellen ihrer Tentakel »harpuniert«. Durch die Mundöffnungen der innenliegenden Wehrpolypen oder des großen Fresspolypen (Sipho) im Zentrum der Unterseite wird die Beute aufgenommen. Die kleinen Stilette, die sie auf sie abfeuern, sind zum Glück nicht in der Lage, die menschliche Haut zu durchdringen, sodass man sie unbeschadet anfassen kann. Die meisten Segelquallen kreuzen in tropischen Gewässern und sind der Sonneneinstrahlung auf der Wasseroberfläche voll ausgesetzt. Um die DNA vor der UV-Strahlung zu schützen, sind die Zellkerne von Molekülen eines lichtabsorbierenden Pigments umgeben, das ihnen die wunderschöne, tiefblaue Färbung verleiht. Die Unterseite dagegen ist sehr hell. Dadurch ist sie vor dem lichtdurchfluteten Hintergrund für Feinde aus der Tiefe nur schwer zu entdecken.
Eine noch größere Herausforderung als die Strahlungsbelastung sind heftige Scherkräfte von Wind und Wellen, die das hauchzarte Gebilde hin- und herzerren. Die Luftkammern des runden Floßes, die in konzentrischen, voneinander abgeschotteten Ringen angeordnet sind, und das kleine, dreieckige Segel sind deswegen durch hochbelastbare Chitinröhren verstärkt. Die Konstruktion ist so ausgefeilt, dass sich schon Ingenieure davon inspirieren ließen.

upside:schaum
Als ob das Leben zwischen den Elementen nicht schon hart genug wäre, stellt den Segelquallen auch noch ein hartnäckiger Feind nach: die Veilchen- oder Floßschnecke (Janthina janthina), ebenfalls ein passionierter Segler. Ihr Floß und Segel besteht aus stabilen Blasen, die sie produziert, indem sie die Außenluft in eine zähe Körperabsonderung einschließt. Kopfüber unter diesem Schaumpaket hängend lässt sie sich dann übers Meer wehen. Da sie ihr Leben verkehrt herum verbringt, ist auch ihre kontraschattierte Färbung invertiert – oben weiß und unten blau, mit dem gleichen, zuvor beschriebenen Tarneffekt.
Trifft sie auf eine Segelqualle, stößt sie ihre Schwimmhilfe ab und reist »per Anhalter« weiter. Oft hängen gleich mehrere Veilchenschnecken als blinde Passagiere unter der Segelqualle und ernähren sich von ihrer Substanz. Solange sie ihren Appetit zügeln und der Segelqualle das Jagdglück hold ist, kann diese immer wieder nachwachsen, und unsere treibende Schicksalsgemeinschaft bleibt im Gleichgewicht. Fallen die räuberischen Schnecken dagegen zu hastig über sie her und beschädigen den Floßkörper, kann der Auftrieb zusammenbrechen. Gemeinsam sinken sie dann in die Tiefe und sterben, da die Schnecken ohne Kontakt zur Oberfläche keine neuen Blasen produzieren können.

dach:organisation
Obwohl ihr im Lauf der Geschichte 32 verschiedene lateinische Artnamen gegeben wurden, ist man sich heute sicher, dass es sich nicht nur um eine einzige Art, sondern auch um die einzige bekannte Art der Gattung Velella handelt. Das ist in der Biologie nicht gerade häufig. Wir haben es also mit einem Unikum zu tun, dem man schließlich wieder seine früheste Bezeichnung nach dem guten alten Linné (1758) zurückgegeben hat – ganz einfach Velella velella.
Aus verschiedenen Gründen hat man sich in der Biologie darauf geeinigt, Quallen nicht als Individuen, sondern als »arbeitsteilige Kolonien« zu definieren (wie z. B. einen Ameisenstaat). Macht man sich bewusst, was unter dem Dach des kleinen Segels abläuft, dass alle Bereiche durch Kanäle miteinander verbunden sind und die Gruppen spezialisierter Polypen durchaus so etwas wie »Organe« bilden, fragt man sich zu Recht, wie treffend diese Definition ist. Velellen führen immerhin koordinierte Aktionen aus: Zweimal pro Minute zieht sich der ganze Unterbau zusammen, presst die Luft aus den Ringkammern durch Poren nach außen und entspannt sich wieder, sodass frische Luft einströmen kann. Bei den meisten anderen Lebewesen würde man das als »Atmen« bezeichnen, aber Quallen atmen natürlich nicht.

Was dagegen ins Bild der Kolonie passt, sind die »Gastarbeiter« an Bord. Im oberen Bereich sind Dinoflagellaten einquartiert – einzellige Algen, die dort im hellen Licht hervorragend gedeihen. Wenn Flaute herrscht und es mit der Fischerei mal nicht so gut läuft, dienen sie als Nahrungsreserve und werden verdaut. In den Geschlechtszellen im unteren Bereich leben Bakterien als Symbionten und verleihen ihnen eine gelbgrüne Färbung. Sie werden dem Nachwuchs als »Proviant« mit auf den Weg gegeben.

öl:förderung
Die Fortpflanzung der Segelqualle ist eine völlig unromantische Angelegenheit. Spezialisierte Geschlechtspolypen schnüren abwechselnd männliche und weibliche »Medusen« ab. Diese enthalten jeweils den halben Bauplan für eine neue Kolonie. Sie müssen sich also vereinigen, um eine vollständige Larve als neues Startstadium zu bilden. Dazu ziehen sich die Medusen vorher in eine Tiefe von 1.000 m zurück, wo es in völliger Dunkelheit und eisiger Kälte weit sicherer für sie ist. Sind die mitgenommenen Bakterien und Algen erst einmal verdaut, gibt es hier allerdings kaum frische Nahrung. Den Weg zurück an die raue und gefährliche Wasseroberfläche bewältigen sie mit einem erstaunlichen Transportmechanismus: Nach dem Verschmelzen der beiden Medusen verändert sich das spezifische Gewicht der Larve durch Einlagerung eines kleinen Öltropfens im Inneren. Der macht sie so leicht, dass sie wieder sanft ans Licht zurückschwebt, um dort einen neuen »Polypenstaat« zu gründen. Bei guter Ernährungslage können sich die Segelquallen unfassbar rasant vermehren. Die abgestoßenen Medusen sind im Aquarium als dichte Wolken zu sehen, die auf den Boden sinken und ihn in kurzer Zeit vollständig bedecken. Im Atlantik wurden gigantische Schwärme der ausgewachsenen »Windbeutel« von bis zu 260 Kilometern Länge entdeckt – Segel an Segel!

segel:setzen
Immer wieder kommt es zu Massenstrandungen, die kilometerlange, blauschimmernde Schleier und manchmal sogar zwei Meter hohe Wälle aus vielen Millionen toter Tiere an der Küste hinterlassen. Als man das Phänomen genauer untersuchte, fand man heraus, dass es zwei unterschiedliche Formen des Segels gibt. Wahrscheinlich ist die natürliche Häufigkeitsverteilung beider Formen 50:50, aber die gestrandeten Überreste weisen jeweils immer die gleiche Form auf. Die Segelmechanik sorgt dafür, dass die Organismen unterschiedlich verdriftet werden. Diejenigen, deren Segel von oben gesehen eine ᴺ-Stellung haben, werden vom Wind nach rechts geschoben, und diejenigen mit der spiegelverkehrten ᴻ-Stellung nach links. Auf diese Weise kann nie die gesamte Population stranden, weil ein Teil immer vom Strand wegbewegt wird.

Obwohl sie passiv von Meeresströmungen durch die »Pfade des Meeres« getragen werden und seinen Winden ausgeliefert sind, gibt es doch einen ausgeklügelten aerodynamischen Regulationsmechanismus. Genial, oder? Der Autor wurde dadurch an die weisen Zeilen von Ella Wheeler Wilcox erinnert:
One ship drives east and another drives west,
with the selfsame winds that blow.
Tis the set of the sails and not the gales,
that tells it the way to go.
Like the winds of the seas are the ways of fate,
as we voyage along through the life.
Tis the set of a soul, that decides its goal,
and not the calm or the strife.
frei übersetzt:
Ein Schiff fährt nach Osten, ein anderes nach Westen,
mit denselben Winden, die wehen.
Es ist die Stellung der Segel und nicht der Sturm,
die ihm den Weg weist.
Wie die Winde der Meere sind die Spielarten des Schicksals,
wenn wir durch das Leben segeln.
Es ist die Haltung einer Seele, die über das Ziel entscheidet,
und nicht die Umstände des Lebens.
Velella kommt mit einer festgelegten Segelstellung zur Welt und erfährt dann, ob sie vom Sturmwind an den tödlichen Strand oder auf die rettende See geblasen wird. Wir Menschen können uns entscheiden, wie wir unsere Segel setzen und ob wir Kurs auf den Himmel nehmen, wie es in Sprüche 4,23 heißt: »Behüte dein Herz mehr als alles, was zu bewahren ist; denn von ihm aus sind die Ausgänge des Lebens!«
Ein ermutigendes Vorbild aus der Bibel kann uns der junge Daniel sein, der sich in seinem Herzen vornahm, treu zu bleiben (Dan 1,8) und auf geradem Kurs durch ein höchst turbulentes Jahrhundert der Weltgeschichte segelte. Die Lebensumstände können unsere Reise nicht verhindern, sie können höchstens beeinflussen, wie lange wir unterwegs sind, bis wir am Ziel ankommen. In diesem Sinne: Schiff ahoi!

Quellennachweis:
Betti, F: Massive strandings of Velella velella (Hydrozoa: Anthoathecata: Porpitidae) in the Ligurian Sea. The European Zoological Journal 2019; 86(1):343-353
Bieri, R: A Morphometric Study of Velella (Hydrozoa) from different Oceans. Publications of the SETO Marine Biological Laboratory 1977; 24(1-3):59-62
Bieri, R: Dimorphism and Size Distribution in Velella and Physalia. Nature 1959; 184:1333-1334
Francis, L: Design of a Small Cantilevered Sheet: The Sail of Velella velella. Pacific Science 1985; 39(1):1-15
Francis, L: Sailing Downwind: Aerodynamic Performance of the Velella Sail. Journal of Experimental Biology 1991; 158:117-132
Schembri, PJ: When the Beaches Turn Blue. Gozo Observer 2016; 34:3-5
Bildnachweis:
Wikipedia: Mosaik mit Meerestieren / WolfgangRieger
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Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen
