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Schnecken

Schnecken (Gastropoda) bilden eine ganze Klasse des Tierreichs und umfassen etwa 100.000 Arten, von denen mindestens siebzig Prozent im Meer leben. Obwohl die Vielfalt der marinen Fauna im Altertum noch weitgehend unentdeckt war, wurden bereits einige kostbare Produkte aus ihr gewonnen.

Schon in der mittleren Bronzezeit, um 2.000 v. Chr., hinterließ die Gewinnung eines außerordentlich begehrten und wertvollen Farbstoffs überall ihre Spuren: Purpur! Es wird aus einem winzigen Organ, der Hypobranchialdrüse, bestimmter Meeresschnecken gewonnen. Die genaue Prozedur seiner Herstellung wurde nicht schriftlich überliefert, obwohl er weit verbreitet war – Färberezepturen waren überall streng gehütete Berufsgeheimnisse. Sein großer Wert als Handelsgut erklärt sich dadurch, dass die Gewinnung sehr arbeitsintensiv war. Um ein Gramm reinen Purpur zu erhalten, mussten etwa 12.000 Schnecken aus dem Meer geholt und fachmännisch ausgenommen werden. Der hohe Bedarf führte dazu, dass die Tiere an den gut zugänglichen Küstenabschnitten ausgerottet wurden, so dass die Purpurfischer unter immer größerem Risiko immer weiter hinaus und immer tiefer hinunter mussten. Dadurch stieg der Wert ihrer kostbaren Beute immer weiter an.

violette:farbpalette

Der exakte Farbton, den man am Ende der Färbeprozedur erhielt, hing von vielen Faktoren ab. Durch unterschiedliche Verfahrensweisen konnte das Ergebnis an die Wünsche der Kundschaft angepasst werden. Allerdings bewegte man sich in einem Farbspektrum, das durch den verwendeten Ausgangsstoff begrenzt wurde. Im Mittelmeerraum wurde die Stumpfe Stachelschnecke (Hexaplex trunculus) am häufigsten verarbeitet. Ihr Pigment lieferte ein intensives Blauviolett, den Blauen Purpur, der hebräisch tekelet und griechisch porphyrus genannt wurde. Die Herkuleskeule (Bolinus brandaris) lieferte ein Pigment, das eher ein Rotviolett ergab, den Roten Purpur, hebräisch argaman und aramäisch argvan genannt. Beide Farbstoffe konnten allerdings so stark modifiziert werden, dass sich ihre Farbspektren überschnitten. Einen eindeutig roten Farbton lieferte dagegen die Rotmund-Leistenschnecke (Stramonita haemastoma). Es ist nicht ganz leicht zu rekonstruieren, welche Namen zu welcher Zeit für welche Färbung in Umlauf waren. Dass Purpur und Scharlach gemeinsam erwähnt werden (Offb 17,4; 18,12.16) ist ein Hinweis darauf, dass zumindest im ersten Jahr hundert nach Christus mit »Purpur« eher das Blauviolett bezeichnet wurde, was sich auch bis heute gehalten hat.

Der Mantel, der dem Herrn Jesus um die Schultern gelegt wurde, um Ihm spöttisch die Königswürde zu verleihen, war wahrscheinlich mit Karmesin gefärbt: »Und sie zogen ihn aus und legten ihm einen scharlachroten [gr. kokkinos] Mantel um. Und sie flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie ihm auf das Haupt und gaben ihm einen Rohrstab in die Rechte; und sie fielen vor ihm auf die Knie und verspotteten ihn und sagten: Sei gegrüßt, König der Juden!« (Mt 27,28.29). Dennoch wird an anderer Stelle für das gleiche Stück Stoff die Bezeichnung Purpurmantel (porphyra, Mk 15,17.20) oder Purpurgewand (himation porphyrun, Jh 19,2.5) gewählt. Offensichtlich wurde der Be griff etwas breiter verwendet.

deep:purple – Es ist schon erstaunlich, was für unterschiedliche Farbtöne als »Purpur« bezeichnet wurden. Physikalisch gesehen, also in Bezug auf ihre Wellenlänge, liegen Blauviolett und Dunkelrot an den entgegengesetzten Enden des sichtbaren Lichtspektrums. Für unseren Sinneseindruck schließt sich der Farbkreis allerdings mit dem vermittelndem Rotviolett.

schnecken:schatz

Bevor die Griechen zur führenden Macht im Mittelmeerraum auf stiegen, lag der Purpurhandel fest in phönizischer Hand. Mit Phoinike wurde ihr Stammsitz an der Levante bezeichnet, der größtenteils im Gebiet des heutigen Libanon lag und die großen Handelsstädte Sidon, Tyros und Byblos einschloss. Der Name lässt sich mit »Purpurland« übersetzen. Später gab es im Römischen Reich viele Handelsstädte, in denen die Textilproduktion blühte und Purpurfärbereien als »Zulieferbetriebe« arbeiteten. Die Stadt Thyatira in Kleinasien (heutige Ost-Türkei) war so ein regionales Zentrum. Von dort stammte Lydia, eine wohlhabende, geschäftstüchtige Frau, die durch Paulus und seine Begleiter das Evangelium hörte und annahm (Apg 16,14). Da Purpur ein außerordentliches Luxusgut war, kann man davon ausgehen, dass sie als Purpurhändlerin (porphyropolis) sehr wohlhabend war.

reich:hörnchen – Die Herkuleskeulen oder Brandhörner (Bolinus brandaris) sind in Portugal auf der Speisekarte gehobener Fischrestaurants mit einem Kilopreis von 60 bis 80 Euro unter der Bezeichnung Canilhas zu finden.

gesprächs:stoff

Immer wieder versuchte man im Alten Rom, die kostbaren Purpurstoffe den Würdenträgern des Reiches per Gesetz vorzubehalten. Aber die Gier der reichen Bürger und Geschäftsleute nach Statussymbolen und Kleiderluxus ließ sich durch keinen Erlass eindämmen. Damit galt Purpur zwar offiziell als Symbol für Herrschaft und Autorität, war in der Realität aber eine Frage des Geldbeutels. Wer sich Purpur leisten konnte, erregte Aufsehen und war im doppelten Wortsinn »gut betucht«.

Das Originalpigment aus den Meeresschnecken wird heute kaum noch verwendet und gilt noch immer als teuerster Farbstoff der Welt – ein Gramm davon kostet etwa 3.000 Euro. Es wird jedoch, genau wie das echte Karmesin benötigt, wenn es darum geht, Vorschriften des mosaischen Gesetzes genau zu befolgen. Deswegen wird es im jüdischen Tempelinstitut in Jerusalem erforscht, wo man sich bemüht, alle Anweisungen zur Herstellung von Vorhängen und Kleidungsstücken nachzuvollziehen.

Dabei stößt man in der Beschreibung von Stiftshütte und Tempel immer wieder auf ein Quartett von vier Farben und Textilien. Aus ihnen wurde das Tor der äußeren Umzäunung, der Eingangsvorhang, der Vorhang des Allerheiligsten, die innere Zeltdecke, das Prachtgewand des Hohenpriesters, sein Brustschild und sein Gürtel gewebt. Diese Häufung verweist auf eine tiefere Bedeutung, die sich tatsächlich erkennen lässt. Die Tabelle auf der nächsten Seite fasst vier verschiedene Perspektiven auf die Person und das Werk des Herrn Jesus zusammen. Die verschiedenen Produkte, die hier genannt wurden, sind darin her vorgehoben. Blauer Purpur symbolisiert Seine himmlische Herrlichkeit als Sohn Gottes, wie sie im Johannesevangelium entfaltet wird, Roter Purpur Seine »amtliche« Herrlichkeit als König und Messias Israels, wie sie im Matthäusevangelium zu sehen ist, das weiß-glänzende Byssus Seine vollkommene Reinheit als sündloser Mensch, wie Er uns im Lukasevangelium beschrieben wird und bei Karmesin liegt die Assoziation mit Blut und dem geringgeachteten Krabbelzeug nahe, aus dem man diese Farbe gewann – ein Hinweis auf Seine Leiden und Erniedrigung als vollkommener Diener, wie das Markusevangelium Ihn beschreibt.

duft:deckel

Für den Gebrauch im israelitischen Gottesdienst wurde eine weitere exotische Zutat benötigt, die ebenfalls aus Meeresschnecken gewonnen wurde. Das hebräische Wort schechelet ist Bestandteil einer Gewürzmischung, die als »Räucherwerk« verbrannt wurde: »Und der HERR sprach zu Mose: Nimm dir wohlriechende Gewürze, Stakte und Räuchermuschel und Galban, wohlriechende Gewürze, und reinen Weihrauch; zu gleichen Teilen sollen sie sein« (2Mo 30,34). Der Begriff wird hier als »Räuchermuschel«, in anderen Übersetzungen meist als »Räucherklaue« wiedergegeben. Dabei handelt es sich um ein rundes Deckelchen (Operculum), mit dem manche Meeresschnecken ihre Gehäuseöffnung dicht verschließen können. Im Roten Meer leben Tricornis tricornis und Lambis truncata, zwei Arten von Flügelschnecken, die als Lieferanten in Frage kommen.

räucher:plättchen – Das Bild zeigt die »Räuchermuschel« Lambis truncata, die eigentlich keine Muschel ist, sondern zur Familie der Flügelschnecken (Strombidae) gehört. Das zu Pulver zerriebene Verschlussdeckelchen (Operculum), hinter dem sie sich verbarrikadiert, wenn Gefahr im Verzug ist, war Bestandteil des biblischen Räucherwerks

ausgeh:trocknet

Eine Landschnecke dient in einem Fluch als Bild für Vergänglichkeit: »Lass sie sein wie die Schnecke, die zerschmelzend vergeht« (Ps 58,9) oder in anderen Übersetzungen: »Lass sie wie Schnecken im Schleim zerfließen« (NeÜ, GN) beziehungsweise: »Wie Schnecken in der Hitze sollen sie austrocknen« (NLÜ). Das hebräische Wort für Schnecke ist schablul. Es kommt nur in dem zitierten Vers vor und leitet sich von schebel ab, was eine lange, fließende Schleppe bezeichnet. Das bezieht sich wahrscheinlich auf die nachgezogene Schleimspur, die ein Kennzeichen aller Landschnecken ist. Mit ziemlicher Sicherheit ist in diesem Fall von einer Nacktschnecke die Rede. Diese sind normalerweise nachtaktiv und bevorzugen feuchte Lebensräume. Sollten sie sich nach einem ausgiebigen Regenfall doch mal am Tag aus der Deckung trauen und dann von der Sonne überrascht werden, ist es schnell um sie geschehen. Wenn sie verenden, löst sich ihre Haut auf und sie zerfließen buchstäblich. Das ist kein schöner Anblick, aber wer im Garten schonmal »Schneckenkorn« verwendet hat, ist damit vertraut. Nacktschnecken fühlen sich in kühleren Gegenden mit ganzjährigen Niederschlägen wohler als in Israel. Viele Arten, die heute dort vorkommen, wurden wahrscheinlich erst in neuerer Zeit eingeschleppt. Der Bierschnegel (Limacus flavus) allerdings gilt als »Ureinwohner«. Er ist einer dieser Sensibelchen, die in der Sonne vergehen.

hitze:frei – Sphincterochila zonata sieht zwar nicht besonders spektakulär aus, ist aber ein hochinteressantes Studienobjekt. Ihre weiße Kalkschale reflektiert Sonnenlicht so gut, dass sie keinen Schatten aufsuchen muss und die heißeste Zeit in der Negevwüste in »Sommerruhe« überstehen kann. Sie verkittet ihre Öffnung dann mit einem Kalkverschluss (Diaphragma), den man auch bei heimischen Schnecken in Trockenzeiten oft antrifft – wie bei diesem Exemplar, dass der Autor in Portugal aufgesammelt hat.

Die Gehäuseschnecken dagegen, von denen es in Israel mindestens 30 Arten gibt, sind zum Teil perfekt an Wüstenbedingungen angepasst. Sphincterochila zonata, für die es keinen etablierten Trivialnamen gibt, kommt sogar ausschließlich in der israelischen Negevwüste vor, und auch die Nudelschnecke (Eobania vermiculata) ist im ganzen Nahen Osten verbreitet und kommt mit der Trockenheit gut zurecht. Manche Arten sind echte Überlebenskünstler – sogar eine »Allerweltsart«, wie die Hain-Bänderschnecke oder Schnirkelschnecke (Cepaea nemoralis), der man in Deutschland überall begegnet und die auch in Israel verbreitet ist. Bei extremen Witterungsbedingungen, die man in diesem Fall im Labor simuliert hat, verbarrikadiert sie sich hinter einem atmungsaktiven Kalkverschluss (Epiphragma) in ihrem Häuschen, verfällt in eine Art Winterschlaf und überlebt so völlig regungslos bis zu drei Jahre (!).

trans:regnum – Pflanzen ernähren sich von anorganischen Stoffen (autotroph) und nutzen Licht als Energiequelle. Tiere ernähren sich von organischen Stoffen (heterotroph), also von Pflanzen oder anderen Tieren. So lernt es jeder Schüler und so steht es in jedem Biologiebuch. Diese beiden besonderen Tiere halten sich nicht daran. Die wasserlebenden Schnecken Elysia chlorotica (oben) und Costasiella kuroshimae, das »Blattschaf« (unten), verdauen die abgegrasten Algen nicht nur, sondern extrahieren zuvor ihre kleinen Kraftwerke (Chloroplasten), um sich damit eine eigene Solaranlage zu bauen.

Quellennachweis:

Arad, Z; Mizrahi, T; Goldenberg, S: Natural annual cycle of heat shock protein expression in land snails: desert versus Mediterranean species of Sphincterochila. Journal of Experimental Biology 2010; 213(20):3487-3495; doi: 10.1242/jeb.047670

Cooksey, C: Tyrian purple: The first four thousand years. Science Progress 2013; 96(2):171-186; doi: 10.3184/003685013X13680345111425

Heinemann, P: Die Schnecke, die sich in eine Pflanze verwandelt. WELT vom 27.11.2008; aufgerufen am 16.12.2025: https://www.welt.de/wissenschaft/tierwelt/article2792756/Biologie-Die-Schnecke-die-sich-in-eine-Pflanze-verwandelt.html

Purpurpreis. (hier kostet 1 Gramm reiner Purpur 3.049,43 €); aufgerufen am 18.04.2025: https://www.kremer-pigmente.com/de/shop/pigmente/36010-purpur-echt.html

Rumpho, ME; Pelletreau, KN; Moustafa, A: The making of a photosynthetic animal. Journal of Experimental Biology 2011; 214(2):303-311; doi: 10.1242/jeb.046540

Schifko, G: Zur Kulturgeschichte von Schneckenschalendeckeln (Opercula) aus archäologischer und ethnologischer Sicht. Ethnographisch-archäologische Zeitschrift 2004; 45(4):531-537

Shachak, M; Steinberger, Y: An algae — Desert snail food chain: Energy flow and soil turnover. Oecologia 1980; 46:402-411; doi: 10.1007/BF00346271

Whitson, M: Cepaea nemoralis (Gastropoda, Helicidae): The Invited Invader. Journal of the Kentucky Academy of Science 2005; 66(2):82-88; doi: 10.3101/1098-7096(2006)66[82:cnghti]2.0.co;2

Bildnachweis:

Wikipedia: Schnecken Titel (Hain-Bänderschnecke) / Mad Max // Farbpalette von Purpurtönen / U.Name.Me // Vielfalt der Purpurschnecken / Thesus // Räuchermuschel, eine Flügelschnecke / w:Louis Charles Kiener // Wüstenschnecke – Sphincterochila zonata (oben) / Wilson44691 // Blattschnecke – Elysia chlorotica (oben) / Patrick Krug // Blattschnecke – Costasiella kuroshimae (unten) / Christian Gloor

Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen

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