Schwämme (Porifera) gelten in der Biologie als ältester Stamm vielzelliger Tiere. Schon lange vor der Entwicklung moderner Tauchtechnik wurden sie aus dem Meer geholt, um gereinigt, durchgeknetet und ausgewaschen als praktische Hilfsmittel verwendet zu werden. In der Bibel dient ein Schwamm in einer erschütternden Szene als Requisit.
Von den über 9.000 Schwämme-Arten werden nur fünfzehn als Badeschwamm verwendet. In der Antike wurden sowohl der Gewöhnliche Badeschwamm (Spongia officinalis) als auch der Pferdeschwamm (Hippospongia equina) von Schwammtauchern aus dem Mittelmeer geholt.

Dazu fuhren die Taucher mit Booten hinaus, ließen sich mit angehaltenem Atem vom Skandalopetra, einem ca. 15 Kilogramm schweren Stein, auf den Meeresgrund ziehen, schnitten die Schwämme mit einem Messer ab, sammelten sie in Netze und tauchten mit ihrer Beute wieder auf. Geübte Schwammtaucher konnten bis zu 30 Meter tief hinuntergehen und bis zu fünf Minuten unter Wasser bleiben. Die meisten Schwämme kamen von den griechischen Inseln, wo man dieses Gewerbe nachweislich schon 2.500 v. Chr. ausübte, und wurden mit dem griechischen Wort spongos (Mt 27,48; Mk 15,36; Jh 19,29) bezeichnet.

kost:probe
Den erwähnten Auftritt hatte der Schwamm, als der Herr am Kreuz hing: »Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war, spricht er – damit die Schrift erfüllt würde –: Mich dürstet! Es stand nun ein Gefäß voll Essig da. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig …« (Jh 19,28.29). Wir befinden uns nach den drei Stunden der Finsternis, in denen der Herr Jesus von Gott »zur Sünde gemacht« (2Kor 5,21) und gerichtet worden war – und erreichen den Höhepunkt Seiner Demütigung und Ablehnung durch die Menschen.
Matthäus berichtet ausführlich davon: »Aber von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde aber schrie Jesus auf mit lauter Stimme und sagte: Eli, Eli, lama sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Als aber einige der Dastehenden es hörten, sagten sie: Dieser ruft Elia. Und sogleich lief einer von ihnen und nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig und legte ihn um einen Rohrstab und gab ihm zu trinken« (Mt 27,45-49).
Diese Szene wurde verschiedentlich dahingehend missverstanden, als ob der Zuschauer, der dem Herrn den Essig zu trinken gibt, aus Mitleid handelt und seine Qualen mildern möchte. Aus dem Bericht im Markusevangelium, der an dieser Stelle etwas genauer ist, geht allerdings hervor, dass wir es hier mit dem schlimmsten Spötter zu tun haben: »Einer aber lief und füllte einen Schwamm mit Essig und legte ihn um einen Rohrstab und gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia kommt, um ihn herabzunehmen« (Mk 15,36). Er glaubte nicht, dass der Prophet Elia erscheinen würde, um den Herrn Jesus zu retten – wie bereits davor gespottet wurde: »Er vertraute auf Gott, der rette ihn jetzt, wenn er ihn begehrt; denn er sagte: Ich bin Gottes Sohn« (Mt 27,43). Seine Aktion ist als Herausforderung zu verstehen – eine Gottesprobe: »Halt, lasst uns sehen …« – wenn jetzt nichts passierte, dann würde Gott definitiv nicht mehr eingreifen.
wisch:mob
Warum war dieser Mann sich sicher, dass seine Geste Gott derart herausfordern würde, dass, wenn Er darauf nicht reagieren würde, gar keine Reaktion mehr zu erwarten wäre? – Das erklärt sich, wenn wir in dem Schwamm auf dem Stock den alltäglichen Gebrauchsgegenstand jener Zeit erkennen, der hier zu seiner Verspottung imitiert wird.
Das Xylospongium (auch lateinisch Tersorium) ist ein Gerät der Antike, das als Vorläufer des modernen Toilettenpapiers gilt. Die Archäologen sind sich noch nicht ganz einig, wie es verwendet wurde. Einige vermuten, es könnte sich auch um einen Vorläufer der modernen Toilettenbürste gehandelt haben. Da es aber Hinweise darauf gibt, dass die Schwammstöcke in der Latrine in ein Gefäß mit Essig (oder Salzlösung) gestellt wurden, gilt es als wahrscheinlicher, dass es der Körperhygiene diente, indem man sich damit abputzte.

Auf jeden Fall galt der Gegenstand aus naheliegenden Gründen als verächtlich. Dafür gibt es sogar einen historischen Beleg: einen Brief, in dem sich der junge Schriftsteller Claudius Terentianus darüber beschwert, dass der Vater eines Freundes ihm nach einem Streit »nicht mehr Beachtung schenkt als einem Schwammstock«. Obwohl der Brief in Latein abgefasst ist, wird darin die griechische Bezeichnung Xylesphongium verwendet.
Obwohl es sich bei menschlichen Ausscheidungen um »natürliche« Dinge handelt, äußert Gott in Bezug auf ihre Unreinheit und Anstößigkeit Empfindungen, die wir gut nachvollziehen können: »Außerhalb des Lagers sollt ihr einen Platz haben, wo ihr austreten könnt. Wenn jemand dort sein Geschäft erledigt, soll er vorher ein Loch graben und es danach wieder mit Erde füllen. Nehmt dazu in eurem Gepäck eine kleine Schaufel mit. Der HERR, euer Gott, ist mitten unter euch in eurem Lager. Er beschützt euch und gibt euch den Sieg über eure Feinde. Deshalb muss euer Lager heilig sein. Wenn der Herr dort etwas sieht, was er verabscheut, wendet er sich von euch ab« (5Mo 23,13-15 HfA).

de:mut
Als der Herr die Worte »Mich dürstet!« ausspricht, sagt Er dies nicht nur, weil Er tatsächlich Durst hatte, sondern auch, weil Er damit die Erfüllung einer Prophezeiung anstieß: »damit die Schrift erfüllt würde«. Er bezog sich damit auf eine Vorhersage aus Psalm 69,22: »in meinem Durst gaben sie mir Essig zu trinken«. Wenn wir den Vers in seinem Zusammenhang anschauen, wird klar, dass hier eine Steigerung erkennbar ist und diese Geste daher keinesfalls als Trost oder Mitleidsbekundung gedeutet werden kann, sondern vielmehr den Gipfel furchtbarer Verhöhnung darstellt: »Nahe dich meiner Seele, erlöse sie; erlöse mich um meiner Feinde willen! Du kennst meinen Hohn und meine Schmach und meine Schande; vor dir sind alle meine Bedränger. Der Hohn hat mein Herz gebrochen, und ich bin ganz elend; und ich habe auf Mitleid gewartet, und da war keins, und auf Tröster, und ich habe keine gefunden. Und sie gaben in meine Speise Galle, und in meinem Durst gaben sie mir Essig zu trinken« (Ps 69,19-22). Der Herr Jesus verweigert sich diesem üblen Spott nicht, sondern erniedrigt sich aufs Tiefste und saugt den Essig aus dem »Xylospongium«. Die ungläubigen Spötter rechnen nicht mit Gottes Eingreifen, aber sicher waren die Zuschauer, die Jesus als Messias und Sohn Gottes erkannt hatten, entsetzt; und wahrscheinlich konnten auch die Engelsheere, die bereitstanden jederzeit einzugreifen (Mt 26,53) kaum fassen, dass diese unsägliche Provokation geschehen durfte. Irgendwie bleibt es bis heute unfassbar …

Quellennachweis:
Bürger, HJ: Jesus und der Schwamm des Tersorium. Catholic News Agency 16.04.2022; aufgerufen am 21.03.2025; https://de.catholicnewsagency.com/article/1734/jesus-und-der-schwamm-des-tersorium
Busch, W: Gegenstände der Passion (S. 187-194; Deutung des Tränkens als Geste der Barmherzigkeit). Neukirchen-Vluyn (Aussaat) 2006
Charlier, P; Brun, L; Pretre, C: Toilet hygiene in the classical era. British Medical Journal 2012; 345:e8287; doi: 10.1136/bmj.e8287
Kramer, J: Vulgärlateinische Alltagsdokumente auf Papyri, Ostraka, Täfelchen und Inschriften, Bd. 23 (S. 59). Berlin (Walter de Gruyter) 2007
Mirsky, S: Getting to the bottom. Scientific American 2013; 308(3):85-85; doi: 10.1038/scientificamerican0313-85
Nash, SE: What Did Ancient Romans Do Without Toilet Paper? Sapiens am 04.06.2019; aufgerufen am 20.03.2025: https://www.sapiens.org/archaeology/ancient-roman-bathrooms
Terentianus, C: Papyrus Michigan VIII 471; aufgerufen am 20.03.2025: https://aquila.zaw.uni-heidelberg.de/hgv/27084#to-app-choice11
Bildnachweis:
Wikipedia: Schwämme Titel (Spongia officinalis) / Guido Picchetti // Rekonstruktion Schwammstock / Dickson
andere Lizenzen: KI-Bild: Benutzung von Badeschwämmen // verschiedene Schwämme auf dem Markt /shutterstock_ID_2364214903 / FotoHelin // KI-Bild: Benutzung des Schwammstocks
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