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Würmer und Egel

»Alles geringe Getier, das fußlos ist und sich auf oder in der Erde kriechend fortbewegt« lautet eine mittelalterliche Definition für Würmer, der man in biblischer Zeit wohl zugestimmt hätte.

Bis in die Neuzeit hinein hat die Vielfalt der Würmer nur wenige Menschen interessiert. Wurmkundler (Helminthologen) sind bis heute Exoten, die fast ausschließlich im Bereich der Medizin oder Veterinärmedizin arbeiten und sich mit den parasitisch lebenden Arten und ihrer Bekämpfung beschäftigen. Einige arbeiten auch im Bereich der Ökologie, wo sie den beachtlichen Beitrag der Würmer zu funktionierenden Nahrungsnetzen und Stoffkreisläufen erforschen. Nur ganz wenige Forscher untersuchen ihre Genetik und arbeiten an einer genaueren Systematik und Taxonomie, so dass diese Disziplinen bei den Würmern weit hinterherhinken.

diskussions:faden – Egal, wie viel Studienzeit den Würmern gewidmet wurde, an Caenorhabditis elegans kommt heute kein Biologe mehr vorbei. Dieser unscheinbare Fadenwurm ist das erste vielzellige Lebewesen, dessen Genom (schon 1998!) vollständig sequenziert wurde. Vier Nobelpreise wurden für seine Erforschung vergeben und es gäbe viel über ihn zu erzählen …

ringel:reihen

Selbst der große Systematiker Carl von Linné (1707-1778) begnügte sich damit, alles unscheinbare Gewürm in der Klasse Vermes zusammenzufassen. Deren Mitglieder haben zum großen Teil nur ihr wurmförmiges Erscheinungsbild gemeinsam und sind in ihrer Anatomie und Physiologie höchst unterschiedlich – so dass man sie heute in mindestens 20 verschiedenen Tierstämmen wiederfindet.

angel:schnur – Würmer müssen nicht unbedingt klein sein. Das längste Tier der Welt ist ein Schnurwurm, die Lange Nemertine (Lineus longissimus). Die bislang gemessene Maximallänge beträgt laut guinnessworldrecords.com ganze 55 Meter (180 Fuß), bei einem Exemplar, das im Jahr 1864 in St-Andrews-in-Fife (Schottland, GB) durch einen Sturm angespült wurde. Längen zwischen 30 und 50 Metern werden regelmäßig gemessen. Die Abbildung zeigt eine Zeichnung aus dem Bestimmungsbuch »A monograph of the British marine annelids«.

Da man auch in biblischer Zeit auf diese feinen Unterscheidungen verzichten konnte, brauchen wir uns hier über ihre Einteilung auch nicht den Kopf zu zerbrechen. Fest steht, dass die hebräischen Wörter rimma und tola nicht etwa die Regenwürmer (Lumbricidae sp.) bezeichneten, an die viele Bibelleser als erstes denken, sondern überwiegend Insekten und deren Maden. Allerdings gibt es zwei weitere Wörter, die Würmer bezeichnen, und zwar durchaus auch im biologischen Sinn …

bader:egel

Das hebräische Wort aluka (Spr 30,15) bezeichnet in der Bibel einen Blutegel, dessen Blutgier bereits im Altertum sprichwörtlich war. Die erwachsenen Tiere stürzen sich tatendurstig auf warmblütige Tiere und Menschen, die ihre Gewässerzone betreten. Wie der Angriff abläuft, hängt von der Art des Egels ab. Im Alten Orient war insbesondere der Rossegel (Limnatis nilotica) verbreitet, ein bis zu 10 cm langer Egel in stehenden Gewässern, der sich etwa in den Nasen-Rachen-Raum von Trinkenden festsaugen konnte und mit seinem zweiten Saugnapf Blut abzapfte. Da seine Kiefer nicht kräftig genug sind, um die Haut von Säugetieren zu durchdringen, ist er nur an den dünnen Schleimhäuten im Körperinnern erfolgreich. Seine Unersättlichkeit – mitunter bleibt er wochenlang dort hängen und saugt sich voll – lieferte eine anschauliche Metapher für maßlose Gier.

fl:egel – Der Rossegel (Limnatis nilotica) ist ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse. Er dringt über Mund oder Nase in den Körper ein, saugt sich irgendwo an den Schleimhäuten fest und bleibt oft für lange Zeit zu Gast. Wenn er im hinteren Rachen logiert, bewirkt er oft Atemnot und wenn gleich mehrere von ihnen schmarotzen, führt das zu Anämie (Blutarmut). Notfalls saugt er auch an Amphibien und Fischen, aber am liebsten besucht er Warmblüter wie Menschen, Pferde, Rinder oder diese arme Ziege (aus Bahmani et al.).

Nicht ganz so unangenehm verläuft eine Begegnung mit dem Gemeinen oder Medizinischen Blutegel (Hirudo medicinalis). Seine scharfen Mundwerkzeuge sind in der Lage, die Haut an jeder Stelle aufzuschneiden – selbst dickes Rinder- und Pferdeleder! Sobald er den Wirt erreicht hat, saugt er sich mit beiden Enden fest und beginnt sofort ihn anzuzapfen. Von dem Biss selbst ist gar nichts zu spüren, denn er verabreicht zunächst ein anästhesierendes Sekret. Dann spritzt der Egel seinen Speichel in die Wunde, der einen ganzen Cocktail gerinnungs-, thrombose- und entzündungshemmender Substanzen enthält. Dieses Gemisch aus hochwirksamen Pharmaka ist der Grund, warum die Wunden zwar etwas nachbluten, aber nicht schmerzen oder jucken und sauber wieder verheilen. Das ist auch der Grund, warum man ihn seit Jahrtausenden bis heute zu therapeutischen Zwecken einsetzt, und zwar nicht nur im esoterischen und naturheilkundlichen Rahmen, sondern auch in evidenzbasierten Therapien. Jedenfalls saugt der Egel Blut, solange das ungestört möglich ist, meistens 30-60 Minuten, schwillt dabei auf mehr als das Doppelte seiner Größe und dem mehr als fünffachen seines Gewichts an, und lässt sich dann satt und rund wieder fallen. Nach einer reichlichen Mahlzeit kann es sein, dass er erst nach über zwei Jahren wieder den nächsten Trunk braucht. Dabei sind sie, verglichen mit anderen Würmern und »niederen Tieren«, äußerst langlebig und werden (zumindest im Labor) bis zu 30 Jahre alt.

voll:tanken – Ein Medizinischer Blutegel (Hirudo medicinalis), der einem Patienten zu Therapiezwecken auf den Unterschen kel gesetzt wurde, saugt sich voll, bis nichts mehr geht. Er verursacht dabei keinerlei Schmerzen. Die scharfen Kiefer hinterlassen nur das Marken zeichen des triradiären Egelbisses – einen kleinen roten »Mercedes-Stern«.

nimmer:satt

So viel zur Biologie der Blutegel, aber was hat es mit seiner biblischen Erwähnung auf sich? Auf den ersten Blick wirkt die Spruchsammlung des Agur (Spr 30) wild zusammengewürfelt. Ganz unvermittelt taucht dort dieser Zahlenspruch (Priamel) auf: »Der Blutegel hat zwei Töchter: ‚Gib her, gib her!‘ Drei sind es, die nicht satt werden, vier, die nicht sagen: ‚Genug!‘: der Scheol und der verschlossene Mutterleib, die Erde, die des Wassers nicht satt wird, und das Feuer, das nicht sagt: ‚Genug!‘« (Spr 30,15.16) – Was hat das zu bedeuten? Eine erklärende Übersetzung löst die Einleitung etwas auf: »Menschen benehmen sich wie Blutegel. Sie sagen: »Gib her! Gib her!« und saugen andere aus. Drei sind unersättlich, und ´besonders` das Vierte bekommt niemals genug« (Spr 30,15 NGÜ).

Der Ausspruch besagt also: So wie der Blutegel sich festbeißt und vom Blut seiner Opfer lebt – so gierig sind auch viele Menschen. Seine beiden Töchter schreien: Gib her! Gib her! Ob man diese Töchter näher bestimmen kann, bleibt offen. Der irische Ausleger Adam Clarke (1762-1832) sah in ihnen Eifersucht (bzw. Habgier) und Geiz, als Beschreibung der gefallenen menschlichen Natur. Der Mensch giert nach dem, was er noch nicht hat, bekommt nicht genug und gibt nichts wieder her. Diesen Charakter zeigen auch drei andere Dinge und besonders ein Viertes (im Zahlenspruch wird das letzte Element der Aufzählung immer besonders hervorgehoben): der Scheol (das Totenreich), der verschlossene Mutterleib (der den Samen immer wieder aufnimmt, jedoch keine Frucht hervorbringt), die Erde, welche des Wassers nicht satt wird, und das unersättliche Feuer.

lebens:geber

Wie anders ist dagegen der Herr Jesus, dessen Gesinnung lautet: »Geben ist seliger als Nehmen« (Apg 20,35). Dies bewies Er Zeit Seines Lebens: Entgegen einer Blutegel-Gesinnung vergoss Er Sein eigenes Blut (Mt 26,28). Das heißt, Er gab Sein Leben hin, nicht nur für Seine Nachfolger und Freunde (Jh 10,15; 15,13), sondern: »Als wir Gott noch als Feinde gegenüber standen, hat er uns durch den Tod seines Sohnes mit sich versöhnt« (Röm 5,10 GN). Er setzte sich der Hass-Gier Seiner Feinde aus, die sich in dem lauten, übermäßigen Schreien nach der grausamsten Todesart und den furchtbaren Misshandlungen zeigte. Was für ein Gegensatz besteht zwischen den feindseligen Menschen, die wie blutrünstige Egel um das Kreuz standen und dem blutüberströmten Sohn Gottes, der daran hing.

Der Herr Jesus ist aber nicht nur das Gegenbild des Blutegels, sondern begegnete dem beschriebenen Verlangen und befriedigte es. Als Erlöser entmachtete Er durch Seinen Sieg am Kreuz den Tod (1Kor 15,51-58), der am Ende ganz weggetan wird (1Kor 15,26). Als Schöpfer ist Er es, der Nachkommen schenkt: »Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk« (Ps 127,3 Lu). Und Paulus erklärt, dass Er sich »doch nicht unbezeugt gelassen hat, indem er Gutes tat und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gab und eure Herzen mit Speise und Fröhlichkeit erfüllte« (Apg 14,17). Damit stillt Er mit dem, was Er freiwillig gibt, sowohl die tiefsten geistlichen Bedürfnisse – Überwindung des Todes und Erlangen ewigen Lebens – als auch die größten biologischen Bedürfnisse: Vermehrung und Nahrung.

feuer:brunst – In der Nacht vom 28. auf den 29. Januar 2026 verwüstete das Sturmtief »Kristin« Portugal. Im Parque Discovery fielen ihm vierzig Bäume zum Opfer. tagelang werden die traurigen Überreste verbrannt. Beim Anblick der Flammen muss der Autor daran denken, wie passend der biblische Vergleich ist: Es wäre wirklich absurd, plötzlich festzustellen, dass das Feuer schwächer wird, weil es keinen »Appetit« auf mehr Brennmaterial hätte. Das Gegenteil ist der Fall! Je schneller die Zweige auf den Haufen fliegen, desto heftiger zischen die Flammen nach oben und desto stärker wütet das Feuer. Dabei ist ein Reisigfeuer und selbst der größte Waldbrand (damit hat Portugal auch viel Erfahrung) nur ein ganz schwaches Bild von der »Mutter aller Feuer« – dem Höllenfeuer.

Der Ausführende dieses Gerichts ist also ebenfalls der Herr Jesus. Er hat sich dafür »qualifiziert«, indem Er zuvor das »Gerichtsfeuer« Gottes über sich ergehen ließ. Seine Auferstehung beweist, dass Er dieses Gericht tragen und überstehen konnte. Dadurch kann jeder Mensch, der an Ihn glaubt, vor dem letzten Feuer gerettet werden. Doch nicht nur das: Weil jede Sünde nur einmal gerichtet wird, stehen alle Erlösten so unbescholten vor Gott, als ob sie nie etwas Verkehrtes getan hätten. Während Gott in vielen Religionen wie ein Blutegel beschrieben wird, der von den Menschen durch das Blut von Tier- oder sogar Menschen opfern besänftigt werden muss, zeigt die Bibel, dass es genau andersherum ist: Der Mensch hat die Blutegelnatur und Gott ist es, der für alle Schuld mit Blut bezahlt.

wurm:zerfressen

König Herodes Agrippa I. war ein Feind des Evangeliums, der den Apostel Jakobus hinrichten und Petrus verhaften ließ (Apg 12,1-5). Er sonnte sich in der Bewunderung seiner Untertanen, die ihn sogar als »göttlich« verehrten. Gott richtete ihn daraufhin: »Sogleich aber schlug ihn ein Engel des Herrn dafür, dass er nicht Gott die Ehre gab; und von Würmern zerfressen, verschied er« (Apg 12,23). Eigens für diesen schrecklichen Tod gibt es den griechischen Ausdruck skolekobrotos – »wurmzerfressen«.

Der jüdische Historiker Josephus Flavius berichtet, dass Herodes sofort merkte, dass er erkrankte, dies als Gericht über seinen Hochmut begriff und fünf Tage später starb. Die Frage, was sich hier medizinisch betrachtet ereignet hat, bleibt aber weiterhin offen. Einige tippen auf den Medinawurm (Dracunculus medinensis), der allerdings selten den Tod seines Wirtes verursacht. Er gehört zu den Fadenwürmern (Nematoda) und war im Nahen Osten weit verbreitet. Andere sehen die Krätze dahinter, deren Befall aber ebenfalls nur in Ausnahme fällen tödlich (und niemals so schnell!) verläuft. Wieder andere gehen von einer Bandwurminfektion aus – zum Beispiel mit dem Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis), der zur Alveolären Echinokokkose führt, oder mit dem Hundebandwurm (Echinococcus granulosus), der zur zystischen Echinokokkose führt. Beide Erkrankungen verlaufen unbehandelt fast immer tödlich. Bei letzterer bildet sich in der Leber eine riesige Blase (Ekkinozyste) mit den Vorstufen der Bandwürmer. Das Platzen dieser Blase löst meistens einen allergischen Schock aus, bei dem der ganze Körper von den Würmern überschwemmt wird. Das scheint bisher der naheliegendste Kandidat zu sein.

base:ball Eine Infektion mit dem Hundebandwurm (Echinococcus granulosus) führt zur zystischen Echinokokkose, bei der sich in der Leber eine Ekkinozyste bildet. Sie ist das Hauptquartier des Parasiten und mit tausenden seiner Larven, den Protoskolizes, gefüllt.

Es ist außerdem bemerkenswert, dass Würmer schon im Alten Testament im Zusammenhang mit stolzer Überhebung bis in göttliche Sphären erwähnt werden. Über jemanden, der spricht: »Ich will hinauffahren auf Wolkenhöhen, mich gleichmachen dem Höchsten« – wird dieses Gericht ausgesprochen: »Maden sind unter dir gebettet, und Würmer sind deine Decke« (Jes 14,11.14). Das bezieht sich auf den Tod und das Grab, aber Herodes erfuhr dieses Gericht schon bei lebendigem Leib.

Quellennachweis:

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Bahmani, M; Rasouli, M; Parsaei, P: Limnatis nilotica infestation in ram and kid in Dehloran city, Ilam province, west of Iran. Asian Pacific Journal of Tropical Disease 2013; 3(2):155-157; doi: 10.1016/S2222-1808(13)60061-4

Buttenschoen, K; Carli Buttenschoen, D: Echinococcus granulosus infection: the challenge of surgical treatment. Langenbecks Archives of Surgery 2003; 388:218-230; doi: 10.1007/s00423-003-0397-z

Elliott, JM; Kutschera, U: Medicinal leeches: historical use, ecology, genetics and conservation. Freshwater Reviews 2011; 4(1):21-41; doi: 10.1608/FRJ-4.1.417

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Josephus Flavius: Jüdische Altertümer (Antiquitates Judaicae, Buch 19, Kapitel 8, Absatz 2 (S. 343-361). Über den Tod Herodes Agrippas I; aufgerufen am 08.08.2025: https://archive.org/details/josephus/altert%C3%BCmer%20band2/page/n625/mode/2up

McSherry, J: Worms, Diabetes and King Herod the Great. Journal of Medical Biography 1997; 5(3):167-169; doi: 10.1177/096777209700500306

Orevi, M; Eldor, A; Giguzin, I: Jaw anatomy of the blood-sucking leeches, Hirudinea Limnatis nilotica and Hirudo medicinalis, and its relationship to their feeding habits. Journal of Zoology 2000; 250(1):121-127; doi: 10.1111/j.1469-7998.2000.tb00583.x

Whitaker, IS; Rao, J; Izadi, D: Historical Article: Hirudo medicinalis: ancient origins of, and trends in the use of medicinal leeches throughout history. British Journal of Oral and Maxillofacial Surgery 2004; 42(2):1-137; doi: 10.1016/s0266-4356(03)00242-0

Weltrekord längstes Tier: https://www.guinnessworldrecords.com/world-records/longest-animal

Bildnachweis:

Wikipedia: der Fadenwurm C. elegans / Kbradnam // die Lange Nemrtine, das längste Tier der Welt / McIntosh // Bissmarke eines Blutegels / Christian Fischer

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Link zum Buch: https://www.daniel-verlag.de/produkt/ wimmelwesen

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